alfIst ein Ameisenhaufen Natur? Wahrscheinlich, wird jetzt jeder sagen. Auch ich sehe das so. Oder? Ja, natürlich, verdammt noch mal! Ein Ameisenhaufen ist geradezu die Essenz der Natur. Okay, ein Stein ist auch Natur. Und ein Grashalm auch. Aber der Ameisenhaufen steht symbolisch für die ihr innewohnende Kraft und Schönheit, ihre Komplexität und Rätselhaftigkeit, ihre wunderbare Kombination aus Chaos und Struktur. Na, dann sind wir uns ja alle einig, und die ganze dämliche Frage ist überflüssig. Warum also habe ich sie dennoch gestellt? Na? Weil von der Antwort eine Menge abhängt. An ihr müssen sich fortan die Wertvorstellungen messen lassen, die ich meiner Erziehung zu Grunde lege.

Die Sache ist so: Während ich heute mit meinem Sohn am liebsten einen Waldspaziergang machen würde, um Ameisenhaufen zu beobachten, läge ihm mehr ein Besuch im Forum Köpenick, wo wir in der Spieleabteilung irgendwelche Monster kaufen könnten. Sein Argument ist unser aller Interesse an seinem Wohlbefinden.

Mein Gegenargument ist der Verweis darauf, dass ein Aufenthalt in der Natur langfristig gesehen sein Wohlbefinden viel effektiver steigern kann. Als Begründung führe ich an, dass eine natürliche Umgebung die Sinne schärft, was einem im späteren Leben nützen kann. Ein Einkaufsbummel in einem großen Kaufhaus dagegen betäubt eher. Und der Umgang mit Monstern kann eventuell das Gehirn schädigen, unsere humanistischen Werte untergraben und ihn am Ende in einen gemeingefährlichen Psychopathen verwandeln. Und noch während ich dieses Argument formuliere, wächst in meinem selbstkritischen Geist die Frage: Warum? Die Antwort liegt auf der Hand: In einem Kaufhaus stürzen so viele Reize auf uns ein, dass das Gehirn eigentlich nur seine Pforten schließen kann, um nicht durch einen Überlastungs-Schock zu kollabieren.

Der Blick auf einen Stein oder einen Grashalm jedoch ist sanft. Langsam kann man sich dem Geschehen nähern, um hier und da Details zu entdecken. Dann wieder Abstand nehmen, um es als Ganzes zu erfahren. Bis man merkt, dass alles miteinander verwoben ist. Um einen Grashalm zu erschaffen, bedarf es vieler Steine, deren Fragmente und Mikrofragmentchen im Laufe von Jahrmillionen Teil des Lebenszyklus wurden, der dann auch den Grashalm entstehen ließ. Nicht zu vergessen die Steinchen, die den Boden bilden, auf dem der Grashalm steht. Der Ameisenhaufen wiederum bedarf vieler Grashalme, die erstens als Nahrung zur Erschaffung der vielen Ameisen dienten, zweitens zusammen mit Steinchen den Rohstoff für den Bau liefern, der sich uns dann als Ameisenhaufen manifestiert. Und selbst das reicht noch nicht aus. Wir benötigen eine in Jahrmillionen entstandene kollektive Intelligenz, die die vielen komplizierten Prozesse steuert, in denen die kleinen Ameisen dieses architektonische Wunderwerk vollbringen.

Okay, aber wenn wir jetzt schon so weit sind, dass wir ein beeindruckendes Bauwerk, geschaffen aus Rohstoffen der Umgebung, auf der Grundlage einer komplexen Struktur vieler kleiner Individuen, die dann hektisch darin herumkrabbeln – wenn wir so etwas immer noch unter dem Begriff „Natur“ einordnen – ja, was ist unser Forum Köpenick dann anderes?

Wie schon erwähnt: Heute mache ich mit meinem Sohnemann einen Ausflug in die Natur, und alle sind zufrieden.


Alf Ator

Ein Beitrag von Alf Ator

im Nebenberuf Vater von Gott, Songschreiber und Keyboardsmasher bei der etwas anderen Boyband Knorkator. Zitat: „Frauen sind Männersache!“