maulbeerblatt ausgabe 76

„Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper“, so der Volksmund. Sehr detailliert ist diese Angabe ja nun leider nicht. So fehlt beispielsweise die exakte Adresse, falls man den Geist mal besuchen möchte. Auch vermisst man Hinweise auf die Größe der Behausung, Angaben über etwaige Haustiere und Informationen darüber, ob der Geist Eigentumsrechte am Körper erworben hat, zur Miete wohnt oder gar eingeladen ist. Wie und wann kam er darauf, in einem gesunden Körper wohnen zu wollen? Waren beide schon bei ihrer ersten Begegnung so gesund? All das ist nicht überliefert. Es fragte ja nie jemand danach. Braucht aber jetzt auch niemand mehr zu tun. Recherchen ergaben nämlich, dass Geist und Körper gerade mal halbgesund und nur Zimmernachbarn in einem Sanatorium waren, als ihnen aus Langeweile die Idee kam, das zitierte Gerücht in die Welt zu setzen.

Schnell wurde das Zitat noch dem römischen Dichter Juvenal zugeschrieben und so interpretiert, dass die Chance auf psychisches Wohlbefi nden unbedingt physische Fitness voraussetzt. Die Menschen folgten dem, erfanden die aberwitzigsten sportlichen Aktivitäten und trainierten fortan unentwegt. Und guck an: Viele wurden daraufhin tatsächlich immer gesünder. Andere dagegen nicht oder nur teilweise. Zufall?
Der Körper und der Geist, beide längst genesen und heute Hauptaktionäre eines sehr erfolgreichen Handelsunternehmens für Sportbekleidung, sitzen derweil oft entspannt im Biergarten und feiern ihren grandiosen Einfall.


Meia

Ein Beitrag von Meia

Sternzeichen Schreibblock, studiert seit mehr als 75 Semestern Allgemeinbildung, ist verliebt in Friedrichshagen und kam wie die Jungfrau zum Blatt. Zitat: „Vielleicht bin ick nich schlau, aba klug bin ick nu ooch wieda nich."