Unbenannt-1

Mit den Beinen in der Hand eile ich am Bahnhof Karlshorst in Richtung Regionalbahnsteig. Ein hastiger Blick zur Uhr verrät mir, dass ich ziemlich spät dran bin. Oben an der Überführung halte ich kurz vor Schreck inne: Der RE7 nach Dessau steht tatsächlich schon pünktlich und vor allem bereit zur Abfahrt da! Voller Panik stürze ich unkoordiniert die Treppe herunter, nehme dabei in stiller Ohnmacht die sich schließenden Türen der Waggons wahr und versuche dann doch wild gestikulierend die ganze Welt nur für einen kleinen Moment anzuhalten. Plötzlich kommt es mir so vor, als würde wirklich alles in Zeitlupe ablaufen. Die fliegende Taube über mir, die drei Bauarbeiter et-was abseits, aber leider auch meine eigenen Be-wegungen. Nur der Regio nicht, der nimmt Fahrt auf und rauscht schließlich unbeeindruckt an mir vorbei, ehe ich wieder in Normalgeschwindigkeit zurückstolpere.

Enttäuscht seufze ich und setze mich nun planlos zu einem Herren ins Wartehäuschen. Die ungewohnten körperlichen Anstrengungen fordern ihren Tribut, heftig keuchend überdenke ich mein weiteres Vorgehen. „Der Zug ist abgefahren“, klärt mich derweil der Mann neben mir zum einen unaufgefordert und zum anderen noch breit grinsend auf, als wäre ich soeben erst gemütlich die Treppe hinunter spaziert und hätte von der Abfahrt rein gar nichts mitbekommen. Wahrscheinlich sitzt er den ganzen Tag hier herum und hat nichts besseres zu tun als Leuten wie mir diesen Satz zu sagen. Kleiner Sadist.

Dennoch stimmt er mich nachdenklich. Schon län-ger beschleicht mich das Gefühl, dass im Grunde die Eisenbahn in all ihren Formen das Transportmittel mit der größten Bedeutung für uns Menschen ist – zumindest in sprachlicher Hinsicht. Schließlich loben wir eine gute Tat oder eine erstrebenswerte Charaktereigenschaft als feinen Zug. Schach und andere Spiele werden Zug um Zug durchgeführt. Schnäpse leert man in einem Zug, ohne sich zwingend in einem befinden zu müssen. Wenn man jemandem gedanklich nicht folgen kann, versteht man aber womöglich nur Bahnhof. Moderne Züge sind nicht mehr an die Fortbewegung auf horizontaler Ebene beschränkt, sondern können als sogenannte Aufzüge sogar vertikal Personen transportieren. Eine Eigenschaft, die das Auto beispielsweise bis heute nicht beherrscht.

Dass Letzteres ohnehin stets von Zweiflern begleitet wurde, zeigt sich schon in der überlieferten Aussage von Trendforscher und Realist Kaiser Wilhelm II.: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Heute ist mir bewusst, dass er mit dem Gaul ganz klar ein Zugpferd gemeint haben muss. Einen Vorteil hat der eigene Pkw allerdings: Der Besitzer kann den Zeitpunkt der Abreise selbst festlegen, er ist quasi autonom. Wer die Bahn nutzen will, muss sich hingegen nach einem Fahrplan richten und im richtigen Moment zugegen sein und unverzüglich einsteigen. Wer das nicht schafft, ist wortwörtlich nicht zum Zug gekommen. Dem bleibt nur noch die Rolle des Nachzüglers. Nichtsdestotrotz macht man ab und zu mit Freuden einen Zug durch die Gemeinde. Wahrscheinlich, weil die ganze Gemeinde gar nicht in ein einzelnes Auto passen würde. Ähnlich verhält es sich mit dem Spielmannszug, der sich allerdings nur knapp gegen den Spielmanns-VW-Bus durchsetzen konnte.

Während mein Hirn diese sehr sinnigen Schlussfolgerungen erarbeitet, schweift mein Blick zum gegenüberliegenden Gleis, an dem gerade der Gegenzug einfährt. Ich beobachte kurz darauf eine große Schar Zugvögel, die sich erst ohne Rücksicht auf Verluste in die Bahn quetscht und anschließend mit Kratzen und Beißen um die wenigen Sitzplätze streitet. Manchmal fällt es eben schwer, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Unter anderem deshalb bemühe ich mich neuerdings dazu wieder öfter zu Fuß zu gehen. Denn als alter Naturbursche bevorzuge ich es am Ende lieber noch einmal herzhaft ins Gras zu beißen, statt schlicht in den letzten Zügen zu liegen.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“