Wenn ich an meine Zeit im Kindergarten zurückdenke, fällt mir viel Schönes ein. Zunächst natürlich, dass man immer viele andere Dreikäsehochs um sich herum hatte, mit denen man spielen konnte. In unserer puerilen Fantasie wurden aus Holzstöcken mächtige Schwerter und aus einfachen Bobbycars PS-starke Rennflitzer. Mit Hilfe unserer Vorstellungskraft schufen wir uns unsere eigene Welt nach Belieben. Und die veränderte sich ständig. Waren wir an einem Tag noch Cowboys und Indianer, spielten wir am nächsten in einer Rock-Band, ehe am Ende der Woche ein brisanter Fall in der flugs eröffneten Detektei aufgeklärt werden musste. Leider ließ sich bis heute nicht ermitteln, wer den letzten Schokoladenkeks gegessen hatte. Die Spurensicherung war damals einfach noch nicht so weit.

Begünstigt wurde unser naiver Hedonismus light natürlich durch die Tatsache, nichts Anderes zu tun zu haben. Als Heranwachsender, der noch nicht einmal zur Schule geht, hat man jeden erdenklichen Freiraum. Keine Hausaufgaben, keine Steuererklärung – dafür reichlich Muße, die Umwelt auf eigene Art zu erforschen und zu verstehen. In diesem zarten Gebilde des laissez faire kam uns jeder Eingriff von außen wie eine drastische Restriktion vor. Dazu zählte beispielsweise die zwangsverordnete Mittagsruhe. Dass derweil draußen die schöne Prinzessin Isolde vom bösen Drachen Harald verspeist werden würde, wenn sämtliche Ritterchen der Tafelrunde im Schlafsaal vor sich hin dösen, wollten unsere Erzieher partout nicht verstehen. Glücklicherweise ist der Tod in Kinderspielen kein endgültiger.

Ich selbst habe den Überblick verloren, wie oft ich von Pfeilen durchbohrt oder von Kugeln durchsiebt zusammenbrach, nur um in der nächsten Runde auf wundersame Weise wiederaufzuerstehen. Als der deutlich ältere Bruder eines Kindergartenfreundes zur Bundeswehr ging und ihn fortan regelmäßig mit Insiderinfos versorgte, erkannten wir alsbald Parallelen. Beim Bund müssen Soldaten ständig marschieren. Und wir? Wurden zu ausgedehnten Spaziergängen gezwungen – immer schön in Zweier-Reihen. Eine Bundeswehrkaserne ist ein abgesperrter und bewachter Bereich, in dem es eine klare Befehlskette gibt.

Bei uns? Standen schier unüberwindbar scheinende Zäune vor unseren Stupsnasen und Pädagogen als Aufseher an strategisch günstigen Punkten. Mit Letzteren kam man für gewöhnlich ziemlich gut klar, wenn man sich an die Regeln hielt. Eine Erzieherin allerdings machte uns unser noch junges Leben zuweilen zur gefühlten Hölle. Leider ist mir ihr Name entfallen. Nennen wir sie einfach Ursula. Dieser ist vielleicht nicht ganz zufällig gewählt, hatte sie doch frappierende Ähnlichkeit mit der Meereshexe aus „Arielle, die Meerjungfrau“. Charakteristisch für Ursula waren ihre zwei Gemütszustände: schlecht gelaunt und sehr schlecht gelaunt. Je nach Schwere des Vergehens, ahndete sie differenziert. Tobte man beim Mittagessen herum oder verschoss Brei unter Zuhilfenahme eines Löffels in einer ballistischen Präzision, die Ihresgleichen suchte (was zugegebenermaßen wirklich keine gute Idee war), aß sie kurzerhand den Nachtisch des Übeltäters – fast die drakonischste Strafe, die ich mir als Kind vorstellen konnte.

Den absoluten Jackpot im Strafkatalog erhielt derjenige, der sich zu einem Scherz oder Streich ihr gegenüber hinreißen ließ. Dann setzte sich ihr wuchtiger Körper in Bewegung, schnappte sich den armen Tor, presste ihn so eng an ihren Bauch, dass er das Gefühl bekam, sein Gesicht in Knete zu tauchen, und schrie: „Bist Du jetzt wieder lieb? Bist Du jetzt wieder lieb?“ Eines Tages änderte sich alles. Sven hatte zum Geburtstag Apfelringe von seiner Oma bekommen, die er mit uns im Kindergarten teilte. Später steckte er einen eingefangenen Frosch in das Kleid eines Mädchens, weshalb Ursula schon bedrohlich auf ihn zuwankte. Kurz bevor sie ihren Schraubstockgriff anwenden konnte, stopfte er ihr ein paar der Süßigkeiten in den Mund. Von denen war sie so entzückt, ja geradezu hin und weg, dass sie von der Bestrafung abließ und selig von dannen trottete. Von da an hatten wir immer Apfelringe parat, die wir ihr im Ernstfall geben konnten. Gib einem Menschen, was er mag, und du hast nichts zu befürchten. Möglicherweise die wichtigste Lektion, die wir im Kindergarten gelernt haben. Kurz danach wurde ich eingeschult.

Anmerkung: Die Schilderung der Ereignisse beruht auf der damaligen Wahrnehmung. Der Autor betont, dass lange zurückliegende Erinnerungen sich im Laufe der Zeit verändert haben können.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“