Maulbeere Dietrich

Da haben wir den Salat: Wowereit, Mehdorn, Nußbaum – alle sind sie weg! Und was passiert? Berlin ist plötzlich reich! Über 800 Millionen Euro mehr sind in der Stadtkasse. Der neue Finanzsenator, ein gewisser Matthias Kollatz-Ahnen, wird sich freuen. Auch der neue Wowereit, Michael Müller, freut sich. Aber eigentlich kann das für Berlin nur der Untergang sein. „Arm, aber sexy!“ – Das war das Credo der vergangenen Jahre. Diese drei Worte umgaben Berlin wie ein Duft die verruchte Unbekannte, wie eine Federboa die geheimnisvolle Schönheit, die man in einem schäbigen Club angebaggert hat. Und ob Erfolg oder Abfuhr – beides war gleichermaßen süß. Das Abenteuer zählte. Scheunenviertel oder Nikolaiviertel machte keinen Unterschied – der Weg durch die Stadt war das Ziel.

Und jetzt, da Berlin Geld hat? Galerien sind teuer, angesagte Clubs werden zu Spekulationsobjekten – und sowieso ist alles Baustelle, weil die maroden Fassaden aufgemotzt werden. Sind wir jetzt: reich und sexy? Das klingt allerdings nach Paris Hilton. Langweilig, aber blond genug, dass jeder noch einen flüchtigen Blick drauf wirft. Ist das das späte Erbe unseres guten alten Party-Meisters aus Tempelhof? Hat sich der Herr und Meister der Hauptstadt nicht für das Image eine Tand- und Flitter-Stadt von Empfang zu Presseball, von großer Gala zu bedeutsamer Einweihung getanzt? Und auf der Berlinale an der Seite von Größen wie Tilda Swinton, Till Schweiger und Nina Hagen für die ganze Welt den Kopf in die Kameras gehalten. Soll die ganze Mühe umsonst gewesen sein?

Den neuen Wowereit interessiert das jedoch gar nicht. Er hat klipp und klar gesagt, er wolle seine Zeit auf dem Bagger verbringen, um bezahlbare Wohnungen zu bauen. Dabei hat er sein Waterloo auf dem kleinen Flughafen in Tempelhof bereits erlebt. Da darf er nun keine Häuschen mehr bauen. Ob er andere Spielplätze, etwa den in Buckow bekommt, ist auch noch nicht raus.

Der gute alte Wowereit dagegen ist ein kluger Mann. Er hat vorgesorgt, hat lange auf dem großen Flughafen am Rande der Stadt zugesehen, wie die anderen da Geld im märkischen Sand vergraben, und nebenbei längst alles in die Wege geleitet. Jetzt läuft alles eine Nummer größer weiter, auch ohne sein Zutun: Da wird jetzt das Geld auf riesigen Scheiterhaufen verbrannt. Und das ist die Zukunft. Berlin ist arm, Berlin ist sexy. Be Berlin, be sexy.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"