Nur richtig mit Pauken und Trompeten

Es gibt so Tage, da gelingt einem alles. Man steht mit dem richtigen Bein auf, die Rasur endet nicht im wortwörtlichen Blutbad und beim Mittagessen in der Kantine lachen die Kollegen selbst über einen eher mittelmäßigen Witz lauthals. Dem griesgrämigen Hans aus der Verwaltung, der sonst nur teuflisch grinst, wenn jemand trotz „Achtung! Rutschgefahr!“-Schildes auf allen Vieren landet, kommt sogar die eben erst oral eingenommene Kartoffelsuppe wieder aus der dazu passenden Knollennase (Du bist, was Du isst!) heraus, was die Belastung der Bauchmuskeln aller Beteiligten ins Unermessliche steigert. Abgerundet wird solch ein Sahnetag mit einem Rubbellos beim Altstadtfest, mit dem man nach unzähligen Vorversuchen endlich was gewinnt: Ganze zwei Euro! Und das bei nur einem Euro Einsatz. Dass dieser Euro sofort für das nächste Rubbellos eingesetzt wird, welches sich völlig überraschend aber als Niete entpuppt, soll an dieser Stelle nicht weiter ins Gewicht fallen. Denn bekommt man einen solch perfekten Tag geschenkt, reagiert man nicht kleinlich, sondern genießt. Denn zu häufig erleben wir alle bis zum Sonnenuntergang irgendein Missgeschick, das den bis dato so erfolgreich gestalteten Stunden einen faden Beigeschmack verpasst – wie ein Tropfen Öl, der ein Vielfaches seiner Menge an Wasser verschmutzen kann. Das weiß der Top-Stürmer, der zwei Treffer im Spitzenspiel (Kreisklasse Süd) erzielt, aber im entscheidenden Moment vor dem Torwart die Nerven verliert und so den vom Gegner zum Siegtreffer genutzten Konter ermöglicht. Das weiß der Politiker, der nach einer Reihe überzeugender Reden plötzlich bemerkt, dass ein Boulevardblatt ein altes Video aufgetrieben hat, in dem er zu einem Song aus den Neunzigern in Damenunterwäsche tanzt.

Das Damoklesschwert des Scheiterns schwebt stets über uns. Dabei sollte man dem gar nicht zu viel Beachtung beimessen. Ab und zu zu versagen, gehört zum Leben dazu. Schließlich müssen manchmal einfach Fehler begangen werden, um zu realisieren, dass es Fehler waren – aus denen man lernen kann. Wichtig ist nur, wie man damit umgeht. Sich sang- und klanglos dem Schicksal ergeben? Oder mit Pauken und Trompeten der Niederlage ins Gesicht treten? Eine Handlungsempfehlung in drei Beispielen, wie sich unglückliche Szenen noch retten lassen.

Was ist passiert? Aufgrund eines immer größer werdenden Geschäfts in ihrem gefliesten Büro sind Sie später als geplant aus dem Haus gekommen. Trotz eines beachtlichen Sprints und teilweise überharten Vorgehens gegen ältere Mitmenschen, die die Treppe zum Gleis blockierten, sehen Sie von der S-Bahn nur noch die Rücklichter. Falsch: Völlig verschwitzt dastehen, aber so tun, als hätte man die Bahn gar nicht nehmen wollen. Richtig: Brust raus, die geballte Faust drohend in den Himmel recken und der davonfahrenden S-Bahn hinterherrufen: „Dann lauf doch zu deiner Mami. Das nächste Mal krieg ich dich!“

Was ist passiert? Sie sitzen im Restaurant und haben ein saftiges Steak (für Vegetarier: einen schönen Salat) bestellt. Sie wollen noch ein wenig nachsalzen, doch der Deckel des Streuers lag nur locker oben drauf und das ganze Salz thront nun wie Neuschnee auf Ihrer Speise. Falsch: Sie versuchen, unter den schadenfrohen Blicken der anderen Gäste das überschüssige Salz mit dem Messer und anderen Utensilien zu entfernen, müssen aber einsehen, dass das nichts wird. Richtig: Den Ober heranpfeifen und barsch darauf hinweisen, dass es eine Frechheit ist, leere Salzstreuer auf den Tischen stehen zu haben. Er möge bitte Ihren auffüllen.

Was ist passiert? Nach dem Feierabend müssen Sie noch einkaufen. Die Schlange an der Kasse reicht bis zur Käsetheke. Endlich sind Sie dran, da reißt Ihnen der Beutel mit den Äpfeln, die sich wild auf dem Boden verteilen. Falsch: Sie bücken sich umständlich nach jedem Apfel und krauchen dazu auch zwischen den Beinen der anderen Kunden rum, die eh schon genervt sind, weil es nicht weitergeht. Richtig: Sie schauen den noch rollenden Äpfeln bedeutungsschwanger hinterher, fangen auf einmal an zu lachen und rufen: „Lauft, meine kleinen Freunde, ihr seid frei!“

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Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“