Urlaub für alle!

Bleibt zu Hause!
Erstveröffentlichung am 04.01.2022
Manchmal, so will es zumindest scheinen, lohnt sich selbst in unserer immer am nächsten neuen Ding orientierten Gesellschaft ein verstörter Blick zurück und mitunter scheint dort im Vergangenen etwas auf, was schon damals, als es noch die Gegenwart darstellte, kaum wahrgenommen wurde und das heute, als hätte man es nicht ahnen können, erschreckend aktuell erscheint.
Reise im Heißluftballon – zu Besuch bei den Delfinen in Venedig
iStock/fourbaux

Um ein solches Objekt der Betrachtung handelt es sich bei dem „Reisebüro an das schönste Ende der Welt“ in der Köpenicker Grünstraße. Reisebüros, das muss heute, die Älteren werden sich noch erinnern, kurz erklärt werden, Reisebüros waren Läden, in die man hineinging, bevor man verreisen wollte. So wie zum Bäcker, wenn man Hunger verspürt oder zumindest Appetit. Klingt verrückt. War aber damals normal, wenn man an Orte reisen wollte, wo man niemanden kannte, der einem dort ein Bett zur Verfügung stellte. Couchsurfing und ähnliche Reisemodelle, wie sie heute im Internet an jeder Ecke zu finden sind, waren damals noch unbekannt, so wie das Internet auch noch ein ziemlich fremder Ort war, an dem sich nur wenige Eingeweihte wirklich wie auf einer Wolke zu Hause fühlten.

 

Bitte unterstütze unsere redaktionelle Arbeit!

 

Das ist jetzt alles keine 20 Jahre her, klingt aber, als wären es 200. Zeit ist eben relativ. Manches ändert sich schnell, anderes nie. Was damals im „Reisebüro an das schönste Ende der Welt“ exklusiv angeboten wurde, ist heute immer noch eine akute Mangelerscheinung: Langeweile, Nutzlosigkeit, Entschleunigung. Die Attraktivität dieser in Aussicht gestellten Sonderangebote verschließt sich dem auf vorprogrammierte Bilder abonnierten Reisenden bis heute.

Man unterschied zwischen systemrelevanten und soloscheinselbstständigen Berufen.

Es verwundert in der Rückschau kaum, dass es sich bei der temporären Einrichtung des Reisebüros um einen Kurztrip ohne Happy End handelte. In der sich daran anschließenden Revue „Urlaub für alle“ wurde nicht weniger als die Zukunft am Ende der Arbeit und die sich daraus ergebenden neuen Reisegesellschaften in hoffnungsvoll stimmenden Ansätzen neu durchdekliniert und fröhlich besungen. Bedingungsloses Urlaubsgeld für alle Reisegesellschaften. Bleibt zu Hause, seht mehr fern. Bildet neue Reisegesellschaften. Der Stubenhocker ist der Reiseleiter von morgen.

Das war 2005. Eine exklusive Veranstaltung, die den vom Individualreisenden zersetzten Massentourismus allerdings nicht in neue, andere Bahnen lenken konnte, geschweige denn auf die Bahn. Man sah, wohin die Reise führen würde. Man sieht es bis heute. Der Luxuskreuzfahrtdampfer schlingert unberührt von allen Wasserstandsmeldungen durch die Gegenwart.

Galten die Deutschen spätestens seit 1939 als Reiseweltmeister, so wurde ihnen dieser Rang in den letzten Jahren abgelaufen. Die Chinesen haben den Reisemarkt erobert. Aber sie sind nicht allein. Daneben ziehen stetig anwachsende Ströme von Individualreisenden gen Norden, die zielgenau und vom eigenen Elend angetrieben, nicht länger auf die fremden Touristen in ihren Ländern warten wollen, sondern gegenläufige Reiserouten eröffnen, die sich wenig um die eigens für ihre Ankunft errichteten Grenzbefestigungsanlagen kümmern und die selbst der eigene Tod nicht davon abhalten kann, das Glück in der Fremde zu suchen.

Plötzlich gab es Geld fürs Nichtstun.

2020 gab es dann ein Schaltjahr. Plötzlich geschah, was niemand für möglich gehalten hätte. Ein Virus war in der Welt und alle Schalter wurden um, manches sogar stillgelegt. Wer frühzeitig gebucht hatte, sah sich früh enttäuscht. Stornieren, Umbuchen, Canceln waren an der Tagesordnung. Plötzlich geriet die Wachstumsmaschine des globalen Kapitalismus ins Stocken. Was undenkbar schien, wurde Realität. Lockdown. Stille breitete sich aus. Die Welt hielt die Luft an. Die Leute blieben zu Hause. Der mobilitätsversessene Endzeitnomade wurde zum Stubenhocker. Die Zukunft am Ende der Arbeit schien für einen Moment greifbar nah. Man unterschied ganz klar zwischen systemrelevanten und soloscheinselbstständigen Berufen.

Plötzlich gab es Geld fürs Nichtstun. Bedingungsloses Urlaubsgeld für alle. Man rieb sich verwundert die Augen. Kerosinbomber verschwanden vom Himmel. Autobahnen wurden zu Grünstreifen. Delfine schwammen in Venedigs Lagunen. Man konnte, wäre da nicht dieses Virus gewesen, wieder frei atmen, Luft holen an Orten, an denen man längst zu ersticken drohte.

Eine Atempause. Sie währte nicht lange. Das Mensch wehrte sich nach Kräften. Die Stubenhocker saßen, anders als in den Reiseprospekten der Entschleuniger prognostiziert, zu Hause nicht untätig herum und genossen ihre neue Freiheit des Nichtstuns, sondern drehten immer schneller an dem Rad, in dem sie saßen und versammelten sich in den Wolken und Blasen, die das Internet für sie bereithält, um diese möglichst effektvoll zum Platzen zu bringen.

Die Angst vor der Angst ist allgegenwärtig.

Eine große Verschwörung war in der Welt. Die Reisefreiheit und nicht nur diese bedroht. Die Glaubensfreiheit. Die Verschwörungsfreiheit. Die Sendefreiheit. Die Gedankenfreiheit. Alles stand auf dem Freispiel. Wer jetzt noch lachte, dem wurden die Mundwinkel mit der Rasierklinge aufgeschnitten. Schluss mit lustig. Es bildeten sich neue Reisegesellschaften, breiteten sich aus mit einer Geschwindigkeit, die der des Virus kaum nachstand. Während Polkappen schmelzen, polarisieren sich die Gesellschaften des Westens in jene, die den Anweisungen der Reiseleiter folgen wollen und jene, die sich in ihren Reisefreiheiten eingeschränkt, bedroht, reglementiert sehen. Die Angst vor der Angst ist allgegenwärtig.

Inzwischen ist die alte Realität zurück in der Welt. Die Maschine rotiert wieder. Die Flieger ziehen ihre Spuren am Himmel, Kreuzfahrtschiffe kreuzen, Partybunker implodieren, all inklusive, niemanden hält es länger zu Hause. Die Blase ist überall. Die Ressourcen verschlingende Selbstoptimierungsmaschine läuft auf Hochtouren, sie stand nie still.

Kurz nur, viel zu lange wurde die Luft angehalten. Mehr nicht. Das hält niemand aus. Jetzt wird nachgeholt, was sich nicht nachholen lässt. Es wird alles nachgeholt, als gäbe es hinterher kein vorher und vorher kein danach. Die Gegenwart ist der Point of no return. Das klingt cool und das soll es auch. Das dauervibrierende Ego ist wieder in der Welt und schreitet allen Auguren zum Trotz mit breiter Brust und den alten, vertrauten Gewohnheiten voran.

Kurz nur, viel zu lange wurde die Luft angehalten. Mehr nicht.

Das schönste Ende der Welt ist viel besungen und absehbar und das Mensch kann es in seiner kognitiven Dissonanz scheinbar nicht länger erwarten, auf dieses zuzusteuern. Schließlich hat der nomadisierende Erregungssammler alles abgespeichert und ist längst vorprogrammiert auf den Tag X. Da lässt er sich kein U vormachen. Oder vielleicht doch? Ein U wie Urlaub?


Mit der Urlaubs-Radio-Show ab 07.01.2022 im Schlossplatztheater wird den letzten Reiseunwilligen Gelegenheit geboten, die Reise an das schönste Ende der Welt noch einmal neu zu planen und die persönliche Weltreichweite abseits vom Strom des Massenterrourismus zu optimieren.

Planlos reisen ist in unserer Gegenwart, in der längst alles vorprogrammiert ist, die letzte verbliebene Option, um noch etwas Tröstliches, Vorhersehbares oder einfach auch nur Langweiliges zu entdecken, bevor zuletzt auch das vertraute Unbekannte auf unserem Wahrnehmungsradar sanft entschwindet.

Die Radioshow programmiert den Zufall immer wieder neu und arbeitet unablässig an der Abschaffung der Arbeit. Die alten Koordinaten stimmen nicht mehr. Der Rest ist Sendepause.


Glosse

Die Kunst des Vergessens

„Früher war alles besser“,

heißt es unter älteren Erwachsenen oft, wenn wieder ein neues Gesetz kontrovers diskutiert oder auf irgendeine andere...

Glosse

In den Wahnsinn

Lange kann es nicht mehr dauern. Vielleicht einen Monat noch. Oder ein Jahr. Allerhöchstens. Dann werde ich verrückt sein. Total...

Glosse

Die Bundestagswahl 2017 ist durch

Mit überwältigender Mehrheit haben die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes der Partei- und Staatsführung für weitere vier Jahre ihr...