Gedanken im Nebel

Was Hundebesitzer, Bäcker und Nachtschwärmer bereits bemerkt haben, ist nun auch bei mir angekommen: Der Herbst steht nicht mehr nur vor der Tür, er liegt nach einem gekonnten Köpper aus dem Hausflur schon längst breit grinsend auf dem Wohnzimmerteppich. „Na gut“, werden jetzt vielleicht manche sagen, „wann der Sommer vorbei ist, liegt doch aber deutlich auf der Hand“. Oder eben in Form von bunten Blättern auf der Straße. Stimmt soweit. Für mich persönlich hat der Herbst aber erst dann so wirklich begonnen, wenn es nichts mehr zu sehen gibt.

„Du meinst im Fernsehen? Aber dann wäre doch das ganze Jahr über Herbst?!“, höre ich wieder berechtigte Zwischenrufe. Doch nein, ich rede von morgens. Hat man sich noch im Juli früh um sechs oder sieben von zarten Sonnenstrahlen und lieblichem Vogelgezwitscher wecken lassen können, erwartet einen mittlerweile um dieselbe Zeit nichts als Tristesse. Der Himmel zeigt sich hellgrau in dunkelgrau, als zöge eine riesige Elefantenherde dicht an dicht laufend am Horizont vorüber. Doch ihre sonst so freudig trompetenden Rüssel, die schweigen. Vielleicht marschieren sie ja zu einem Elefantenfriedhof?

Getoppt wird diese meteorologische Trübsal nur von einer Erscheinung, die bei mir gelinde gesagt lähmende Zustände auslöst. Sobald die ersten Nebelschwaden (nicht zu verwechseln mit den Nebel-Schwaben, deren natürlicher Lebensraum die Nebelschwaden im Prenzlauer Berg sind) sachte um die Häuser schleichen, möchte ich am liebsten die hellste Taschenlampe der Welt erfinden und mit einem Knopfdruck für Klarheit sorgen.

Andererseits hat so ein diffuser Spaziergang auch etwas für sich. Ich fühle mich dann ein Stück weit wie ein Keks im warmen Milchglas. Man weiß nie, ob und wie viele andere Kekse im Glas sind. Selbst das Glas muss im schlimmsten Fall erst unter Schmerzen erkundet werden. Trotzdem ist da eine Spur von Geborgenheit. Ein riesiger Schleier legt sich auf die Erde und verhüllt alles, was nicht einige Meter überragt. Bei der Technik dürften selbst Christo und Jeanne-Claude neidisch werden. Durch die Reduktion der Einflüsse, die sonst so permanent auf den Geist einprasseln, kann man die verbliebenen auch viel bewusster wahrnehmen: das Rauschen der S-Bahn in der Ferne, das Gefühl des harten Kopfsteinpflasters durch die ausgelatschte Schuhsohle, der Geruch der frischen Brötchen aus dem Eingang der Backstube, den man in der dicken Nebelsuppe nur knapp verfehlt hat und stattdessen mit dem Kopf auf die Wand daneben traf.

Und während man so der Ohnmacht nahe und mit schnell expandierender Beule am Haupt zu Boden geht, kann man sich ein kleines Lächeln doch nicht ganz verkneifen. Plötzlich scheint alles so eindeutig. Es kann nicht immer alles schillernd, hell und bunt sein. Die vermeintlich langweiligen Töne gehören ebenso dazu. Kurz vor dem Aufprall die bahnbrechende Erkenntnis: Nebel rückwärts gelesen lautet Leben! Leben und leben lassen. Leben und Nebel lassen. Knall. Dunkelheit. Stille.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“