Der Indianerbeauftragte

Der Bestsellerautor Dirk Oschmann zum Gespräch in Rüdersdorf – Impulse für deutsch-deutsche Chancengleichheit
Erstveröffentlichung am 14.12.2023
Unter der einfühlsamen Moderation von Danuta Schmidt erlebten die Gäste der Sonntagslese am 5. November im Kulturhaus Rüdersdorf einen lebendigen Dialog über das heiß diskutierte Werk Oschmanns: „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“. Das Buch wurde inzwischen 14 mal wieder aufgelegt und ist eine wütende Bestandsaufnahme 34 Jahre nach der Wende.

Der Literatur-Professor präsentierte ausgewählte Passagen und die nachfolgende Gesprächsrunde mit Fragen der Journalistin und aus dem Publikum, das vor allem aus Brandenburg, Berlin, Thüringen und Sachsen kam, ist hier in Kurzform nachzulesen.

Ihr Buch hat sich weit über 100.000 Mal verkauft. Was war Ihr Hauptimpuls?
Vor zwei Jahren sollte ich als ostdeutscher Professor erklären, warum der Osten die Gesellschaft spaltet. Da hat es mir gereicht. Und nun zeige ich im Buch, wie die Spaltung funktioniert, welche Spaltungsphänomene es gibt und wie diese eigentlich vom Westen kontinuierlich weitergetragen werden.

„Sobald einOstdeutscher ein kritisches Wort sagt, wird er sofort als Jammerossi abgestempelt.“

Sie haben mit Ihrem Buch ja viel ausgelöst, Verstörung, Bewegung. Viele Menschen sind auch sehr berührt, fühlen sich abgeholt. War Ihnen das im Vorfeld klar?
Mir selber war klar, dass es hier ans Eingemachte geht. In der Öffentlichkeit wird gern gesagt: „Wir sind doch schon weiter“. Wir sind so weit, dass am 3. Oktober in Hamburg große Reden gehalten wurden. Niemand aus dem Osten hat gesprochen. So weit sind wir schon.

Es ist kein Buch über den Osten, sondern über den Westen, genauer darüber, wie der Westen sich den Osten denkt, wie er über den Osten redet und welche gesellschaftlichen Effekte das erzeugt. Und der Osten hat nach 1989 mehrheitlich verstanden, dass er sich verändern, aufholen, transformieren, anpacken muss, wenn er Westen werden will.

Der Osten hat das alles gemacht in einer beispiellosen kollektiven Anstrengung. Dafür steht die Transformationszeit der 90er- und 2000er-Jahre. Der Osten hat im Zuge dessen auch die Bilder, die er vom Westen gehabt hat, verändern müssen. Er wollte ja Westen werden, weil die Bilder so schön waren. Und er hat dann in einer Art Ausnüchterungsprozess auch diese Bilder vom Westen ändern müssen. Der Westen umgekehrt hat aber seine Bilder vom Osten nicht geändert, sondern er trägt sie immer weiter, weil er dachte, nach 1990 kann der Westen bleiben.

Ihr Buch kam im Februar heraus. Wer fragt seither nach Ihnen?
Es sind Buchhandlungen, viele Kultureinrichtungen, Parteien,von CDU bis zu den Grünen. Auch sehr viele Pressetermine nach wie vor. Die Anfragen sind breit gestreut und über deutsche Grenzen hinweg. Auch Kulturinstitutionen in Frankreich, in Dänemark und in Polen sind interessiert. Das Buch soll auch in andere Sprachen übersetzt werden.

Sie schauen in Ihrem Buch durch die Brille der Gerechtigkeit und fokussieren die Themen Macht und Geld, als seien dies die wichtigsten Lebensthemen …
Wenn Sie Macht haben in der Politik, können Sie eine Menge entscheiden. Wenn Sie Geld haben, können Sie auch Einfluss nehmen.

Nach 34 Jahren Wende gibt es immer noch einen Ostbeauftragten. Ist das noch zeitgemäß?
Ich habe vorgeschlagen, der Ostbeauftragte solle ein Minister für Chancengleichheit werden. Für alle. Das fände ich viel besser. Es ist einfach nur ein Symbol für Paternalismus, dass es so etwas braucht. Ich habe auch mit dem aktuellen Ostbeauftragten Herrn Schneider gesprochen, und ich finde, dass er seine Arbeit besser macht als alle seine Vorgänger.

Aber ich habe im Gespräch darauf hingewiesen, dass es in Amerika einen Indianerbeauftragten gibt und hier gibt es einen Ostbeauftragten. Und nun weiß ich schon, dass man das Wort Indianer nicht mehr sagen darf oder soll. Aber das heißt tatsächlich in den USA „Bureau of Indian Affairs“. Insofern kann man das gar nicht anders übersetzen. Der Struktur nach ist es so ähnlich und das muss man sich klarmachen.

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Gleichzeitig habe ich aber auch auf Grundlage von Umfragen gelernt, dass 60 bis 70 % der Ostdeutschen es gut finden, dass es den Ostbeauftragten gibt und dass er auch so heißt, weil er damit sichtbar politisch für den Osten zuständig ist. Und wenn er jetzt nur noch Minister für Chancengleichheit hieße, dann wäre der Osten auch nicht mehr in der politischen Sprache sichtbar. Das finden viele eher kritisch, und insbesondere ist die Zustimmung zu dieser Position unter den Jüngeren sogar noch höher. Die Jüngeren finden es zu 70 % gut, dass es den Ostbeauftragten gibt.

Anfang der 90er-Jahre waren Sie als junger Mann und später als Gastprofessor in den USA. War das auch ein Grund, dass Sie am Ende auch Literaturprofessor werden konnten?
Wenn ich nicht in den USA gewesen wäre, wäre ich nicht Professor geworden, das ist ganz klar. Es ist ganz wichtig, dass man, wenn man aus dem Osten kommt, sich symbolisches Kapital holt. Das kann man entweder in den alten Bundesländern oder im richtigen Westen, also in den USA. Und es gab ja letztes Jahr auch eine Studie von Soziologen darüber, wie es Ostdeutsche in Elitepositionen schaffen.

Da wird noch mal darauf hingewiesen, dass es aktuell die ganz jungen Leute betrifft. Sie müssen in den Westen gehen, wenn sie irgendeine Chance haben wollen, beruflich aufzusteigen. Und Ausland heißt westliches Ausland. Nicht etwa Bulgarien oder Andorra oder irgend sowas. Ich habe in einer Kommissionssitzung erlebt, wie jemand zwei Jahre in Bulgarien war. Und das sollte nicht als Auslandserfahrung zählen?

Sie erhalten oft Einladungen von Parteien der demokratischen Mitte. Sehen Sie trotzdem eine Gefahr, z. B. von der AfD thematisch vereinnahmt zu werden, wenn Sie die ostdeutsche Mentalität bedienen?
Ich rede darüber, wie der Westen über den Osten redet. Ich bediene keine ostdeutsche Mentalität, ich erfinde auch keine ostdeutsche Identität. Das Wort, das ich mir hier zu eigen mache, ist „Desidentifizierung“. Das, was der Westen glaubt, über den Osten und über die Ostidentität sagen zu können, gibt es nicht. Das ist mein Punkt.

Ich schreibe im Buch auch etwas über die AfD. Natürlich geht es auch um diese wachsenden Zahlen, aber ich weise auch darauf hin, dass die AfD eine Westgründung ist. Von westdeutschen Professoren 2013 im schönen Oberursel. Das gesamte Führungspersonal bis auf Tino Chrupalla kommt aus dem Westen. Es ist eine Partei mit einer Westführungsspitze, die sozusagen die prekären Lebensläufe hier im Osten zu kapitalisieren versucht. Das ist Teil des Problems.

Dass der Westen im öffentlichen Raum immer glaubt, das Problem auslagern zu können in den Osten, ist reiner Selbstschutzmechanismus. Wenn Sie sich ansehen, wie die NPD nach 1990 systematisch Sachsen unterwandert hat von rechts und wie der sächsische Verfassungsschutz, der immer von Westdeutschen geleitet wurde, seit 1990 versagt hat in der Bekämpfung dieser rechten Umtriebe, dann ist klar, welches gesamtdeutsche Problem wir hier haben.

Der Bestsellerautor Dirk Oschmann während seiner Lesung im Kulturhaus Rüdersdorf
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Die Mehrzahl Ihrer Termine findet im Osten statt, doch Sie treten auch im Westen auf. Wie kommt das Buch da an?
Die Reaktionsmuster sind natürlich etwas anders. Bei vielen ist es so, dass sie mit verstörter Betroffenheit reagieren auf das Buch. Dass sie sich das Ausmaß der Differenz nicht haben vorstellen können. Dass ihnen auch viele Fakten nicht bekannt sind. Zum Beispiel, dass der Osten nach wie vor weit über 20 % weniger verdient, dass es weniger Vermögen gibt, dass hier die Lebensbedingungen viel prekärer sind, dass der Osten ein sechsmal höheres Armutsrisiko hat und anderes mehr.

„Wenn ich nicht in den USA gewesen wäre, wäre ich nicht Professor geworden. Das ist ganz klar.“

Ich könnte endlos Fakten aneinanderreihen, die die Dinge unterlegen. Es wird manchmal kritisiert, ich würde nur Gefühle mobilisieren, als seien Gefühle irgendwas, was nicht existiert. Der Osten ist nach wie vor nicht in die Teilhabe und nach wie vor nicht in die Mitgestaltung dieser Gesellschaft, die er doch gut finden soll, integriert.

Wurde Ihnen schon ein neuer Job angeboten? Was würde Sie reizen?
Mich würde reizen, Verkehrsminister zu werden. Ich würde mich natürlich für öffentliche Verkehrsmittel und Fahrradverkehr stark machen.

Was können wir tun für eine Gleichberechtigung?
Der Diskurs ist ein dominanter Diskurs. Ist es ein paternalistischer Diskurs vom Westen Richtung Osten? Das ist das Problem. Wenn sich Herr Steinmeier jedes Jahr hinstellt zum 3. Oktober und davon spricht, dass man die Lebensleistung der Ostdeutschen würdigen muss, dann würde ich sagen „geschenkt“! Ja, wirklich. Wenn ich es scharf sage, würde ich behaupten: „Sie haben die westdeutsche Perspektive internalisiert, wenn Sie das selber als Jammern bezeichnen.“

Das ist nämlich ein Grundproblem. Sobald ein Ostdeutscher ein kritisches Wort sagt, wird er sofort als Jammerossi abgestempelt. Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, im öffentlichen Raum zu sprechen als Ostdeutscher, und kritisch zu sprechen, ohne sofort mit diesem Vorwurf konfrontiert zu sein. Das ist die diskursive Position des Ostdeutschen und das ist ein wesentlicher Aspekt in dieser Asymmetrie, dieser Ungleichheit.

Wie kann man diese Asymmetrie aufbrechen? Kommunikation als das Allheilmittel?
Das ist der einzige Weg. Natürlich. Man kennt das ja auch privat, dass man Vorurteile abbauen kann, wenn man ins Gespräch kommt.

 

Dirk Oschmann ist ein 1967 in Gotha geborener Germanist und Literaturwissenschaftler. Er studierte in Jena und Buffalo Germanistik, Anglistik und Amerikanistik und ist seit 2011 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Uni Leipzig. Sein Buch: „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ war ein wochenlanger Bestseller und löste eine bundesweite Debatte aus. Auch international fand diese Debatte Beachtung: Polnische Soziologen etwa, sehen Parallelen in der deutsch-polnischen Beziehung.

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