Ich seh’ das sportlich
Der Entertainer und Aktivist Michael Ehrenteit

Mick_Ehrenteit

Der Sportlehrer Michael Ehrenteit arbeitete für das DDR-Fernsehen als Moderator und Autor und später für den MDR. Heute moderiert und organisiert der Entertainer Veranstaltungen und Volksfeste, aber auch politische Demonstrationen. Zugleich ist er als Präsident der RAZORBACKS aktiv.

Wie siehts aus, Mr. Präsident?
Ob in Berlin oder Brandenburg, ob in unserem kleineren Verein oder in größeren – die finanzielle Lage zwingt viele in die Knie. American Football ist etwas aufwändiger als Fußball und etwas weniger aufwändig als Segeln. Neue Ausrüstung, Busfahrten, Auswärtsspiele – alles kostet Geld und das bleibt fast ausschließlich an den Mitgliedern, den Eltern, hängen. Um überleben zu können, müssten wir die Beiträge erhöhen. Nur irgendwann findet man niemanden mehr, der sich das leisten kann. Da beißt sich dann die Katze in den Schwanz.

Was kostet der Spaß ganz konkret?
Eine komplette Ausrüstung bekommt man ab 450 Euro und jeden Monat kommen 20 Euro Mitgliedsbeitrag hinzu. Das ist viel Geld, gerade für Jugendliche, die ihre Zeit mit der Clique vor der Kaufhalle verbringen, die zum Teil aus Familien kommen, die kaum eine Chance haben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Aber gerade für sie wäre die gemeinsame sportliche Herausforderung als Teil einer Mannschaft in jeder Hinsicht eine wichtige, ungeheuer wertvolle Erfahrung.

Deshalb bleiben wir am Ball und lassen nicht locker.

Warum spielt Ihr nicht einfach Fußball?
Mehr als jede andere Sportart ist American Football sehr integrativ. Hier brauchen wir nicht nur formvollendete Athleten. Bei uns können kleine wendige Kerlchen mit standfesten Schwergewichten ein perfektes Team bilden. Die Einen wie die Anderen werden gebraucht und so kann jeder seinen Platz in der Mannschaft finden. Zudem ist das ganze Umfeld ein anderes als beispielsweise beim Vereinsfußball. Es gibt keine Hooligans, keine aggressive Stimmung. Spieltage gleichen eher einem Volksfest, mit Chearleadern vorneweg und gemeinsamen Grillen nach dem Spiel.

Gibt es Unterstützung vor Ort?
Wir haben in Erkner einen neuen Kunstrasenplatz, um den uns sicher manch anderer Verein beneidet. Da macht die Stadt schon, was sie kann. Dennoch ist es schwierig, denn wir müssen Einnahmen erzielen, um beispielsweise die Schiedsrichter zu bezahlen. Die kommen von weit her zu einem Spiel. Alle unsere Sportler sind zudem versichert. Wir zahlen einen hohen Beitrag für jedes Mitglied an den Landessportbund. Es würde sehr helfen, wenn es dafür einen öffentlichen Fond gäbe, aus dem solche Kosten bestritten werden könnten. Gibt es aber nicht.

Wenn man dann sieht, wofür hierzulande das Geld rausgeschmissen wird, könnte man manchmal verrückt werden.

Wie löst Ihr das Problem?
Wenn wir in der Vorstandsrunde beisammen sitzen, zirkeln wir jedes mal hin und her, bis es am Ende gerade so reicht. Bei 150 Mitgliedern funktioniert das bis jetzt. Es ist jedoch nie genug, um zu investieren und etwas Neues anzuschaffen. Momentan spielen wir in der Oberliga. Würden wir in die Bundesliga aufsteigen, bräuchten wir ein Vereinskapital von mindestens 60.000 Euro und die Fahrten gingen dann nicht mehr nach Cottbus oder Dresden, sondern nach München und darüber hinaus. Ein solcher Erfolg würde für uns zu einem echten Problem.

Was läuft falsch beim Jugendsport?
Der Staat lehnt sich zurück und denkt, solange die Ehrenamtlichen das ehrenamtlich machen, funktioniert doch alles wunderbar. So stiehlt er sich aus der Verantwortung. Zugleich macht er dir das Leben schwer, denn wenn es auch nur wenig staatliche Unterstützung gibt, so mangelt es doch nicht an behördlichen Vorschriften. Da werden dann teure Schallschutzgutachten erstellt, in denen man feststellt, dass Kinder, Jugendliche und Schiedsrichterpfeifen Geräusche erzeugen, was dazu führt, dass man auf dem neuen Sportplatz nur noch an bestimmten Tageszeiten und mit Sondergenehmigung spielen darf. Und das in einem Ort, der seit Jahren vergeblich gegen Fluglärm kämpft. Diesem Staat mangel es weder an Geld, noch an Möglichkeiten zur Lärmvermeidung. Es werden nur immer wieder die falschen Prioritäten gesetzt. Unterm Strich kann man sagen, ob Fußball, Handball, Segeln, es funktioniert alles noch eben so, weil das Engagement der Eltern und der ehrenamtlichen Trainer da ist. Doch die Zahlen im organisierten Sport sind rückläufig. Gleichzeitig steigt die Jugendkriminalität. Diese beiden Entwicklungen stehen erkennbar in einem Zusammenhang.

Was erwartest Du von der Politik?
Die Verantwortlichen hier vor Ort geben ihr Bestes. Erkner ist eine kleine Stadt mit 11.000 Einwohnern und wir sind nicht die Einzigen, die auf Unterstützung hoffen. Wären wir mit unserem Verein in Friedrichshagen, einem Ortsteil mit 17.000 Einwohnern, dann sähe es womöglich noch schwieriger aus, weil vor Ort niemand etwas zu melden hätte und nichts entschieden werden könnte. In Köpenick werden ja gerade Jugendklubs dicht gemacht und man versucht, sich aus Kostengründen eine traditionsreiche Musikschule vom Hals zu schaffen, deren Haus auch noch in bester Lage nahe am Wasser steht. So fehlt es an allen Ecken und Enden, und zugleich können die Leute in der Zeitung lesen, wieviele zig Millionen dieser unsägliche Flughafen Monat für Monat kostet, den man ihnen ungefragt vor die Haustür gestellt hat.

Wie gesagt, Deutschland ist kein armes Land, es fehlt nicht am Geld, es fehlt an Volksvertretern, die damit verantwortlich umgehen.

Muss man da nicht resignieren?
Ganz im Gegenteil, ich seh’ das sportlich und fühle mich um so mehr herausgefordert. Zum Glück bin ich ja nicht allein und all das mache ich nicht allein für mich. Da sehe ich mich doch selbst immer als Teil einer Mannschaft. Und wenn der Gegner stark ist und sich nicht an die Regeln hält, dann muss man an der eigenen Ausdauer trainieren und an der Taktik arbeiten.

Warst Du schon immer so ein engagierter Bürger?
Das soziale Engagement, die Jugendarbeit im Sportbereich, das hat mir immer Spaß gemacht, das war mir schon immer wichtig. Politisch war ich lange Zeit ein interessierter Zeitungsleser, aber seit einigen Jahren merke ich, wie es mich umtreibt, was jeden Tag in der Zeitung steht und mehr noch das, was man uns verschweigt. Ich war gerade im Urlaub, Südfrankreich, alles wunderschön, aber ich habe gemerkt wie krank das eigentlich ist, was für einen unvorstellbaren Reichtum es gibt und was für eine riesige Armut. Was mich hier bei uns zunehmend fassungslos macht, ist zu sehen, wievielen das vollkommen gleichgültig ist. Woran liegt das? Unserer Regierung gelingt es ganz gut, das Volk dumm zu halten und dazu gibt es RTL2 und Fußball und ein bisschen ChiChi und dann zeigt man im Fernsehen, wie schlecht es allen anderen geht und schon sagen die Leute – was haben wir nur für ein Glück, mit unserer tollen Kanzlerin.

Wie lautet Deine Prognose?
Besser wird’s nicht, sollte man meinen, doch andererseits muss man sich klar machen, dass es nur sehr sehr wenige sind, die über eine große Mehrheit herrschen, sich an ihr bereichern und sie ohne Zögern ins Unglück stürzen. Wenn das der Masse eines Tages bewusst würde, sähe die Sache ganz anders aus. Dann würden die Steuerzahler keine privaten Banken retten, dann handelten Spekulanten fortan auf eigenes Risiko. Wir wären auch nicht mehr der drittgrößte Waffenlieferant der Welt. Es ist für mich unerträglich zu sehen, wie Waffen aus Deutschland in fernen Ländern Menschen töten! Doch noch immer finden sich genügend Idioten, die sich nicht zu blöde sind, diese Schande mit der allzu oft hergebeteten Erklärungskombination – „aber das schafft doch Arbeitsplätze und wenn wir es nicht machen, machen es andere“ – zu rechtfertigen.

Im letzten Jahr hattest Du eine Begegnung in Paris …
Ja, gemeinsam mit einem Filmteam hatte ich die Gelegenheit, den Bestsellerautor Stephane Hessel zu treffen, mit ihm zu sprechen, ein Interview zu führen. Das war sehr bewegend, eine große Freude, ein großes Glück. Ich hatte zuvor nur das gelesen, was über den alten Herren in der Zeitung stand – Widerstandskämpfer, Diplomat – hat sich im hohen Alter noch einmal zu Wort gemeldet, mit einem dünnen Büchlein: „Empört Euch!” Und dann saß ich in Paris auf seinem Sofa und habe gestaunt, wie hellwach er war und wie interessiert an allen gesellschaftlichen Entwicklungen und welche präzisen Schlussfolgerungen er daraus zog. Damit hat er mir unheimlichen Auftrieb gegeben. Das hat mir Mut gemacht. Einen Monat später ist er dann gestorben. Das war ein großartiger Mann. Und seine Bücher sollte jeder lesen, denn die kann jeder verstehen.

Viele kennen Dich gut gelaunt von Straßenfesten, viele aber auch von den Demonstrationen gegen den BER …
Stephane Hessel hat gesagt, dass Widerstand glücklich macht. Damit hat er recht. Wenn man die eigene Schwerkraft überwindet und sich aufrafft, für das, was man längst als falsch erkannt hat, endlich auch mal auf die Straße zu gehen, dann merkt man zum Einen, dass das geht, und zum Anderen, dass man mit seiner Frustration nicht länger alleine ist. Und ob du nun gegen Fluglärm demonstrierst, gegen die Bespitzelung durch die Geheimdienste, für Frieden in Syrien oder für eine Tempo-30-Zohne in deinem Wohngebiet – du bist mit deinem Problem nicht länger allein und gemeinsam gibt es die Chance, etwas zu ändern.
Der BER ist da natürlich etwas, wovon ich selbst und meine Nachbarn betroffen sein werden. Wenn wir nicht gegen den falschen Standort kämpfen, wer sonst? Das Spannende für mich ist aber an dem Thema, dass sich am Beispiel BER alles ablesen lässt, was in unserem Land im Argen liegt. Von den großen Versprechungen bis zu den geplatzten Träumen und wie immer, wenn hier etwas in die Hose geht, bleibt es ohne Folgen, übernimmt niemand die Verantwortung. Auf dem Sportplatz gäbe es dafür mit Sicherheit einen Platzverweis.

Wir danken für das anregende Gespräch und wünschen viel Glück und Durchhaltevermögen für die nächste Saison!

 

AFC Erkner Razorbacks e. V.
Sportzentrum Erkner (Erich-Ring-Stadion),
Am Dämmeritzsee 9, 15537 Erkner
Letzes Spiel dieser Saison:
5. Oktober, 16 Uhr
Razorbacks vs. Wernigerode Mountain-Tigers (Männer)

 


Regina Menzel
Ein Beitrag von

Maulbeerblätterin 2.0, nicht nur im Maulbeer-Backstage administrierend, lektorierend und kundenbetreuend, sondern auch sonst an vielen Fäden knüpfend unterwegs. Zitat: „Blättern, blättern, blättern!“


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