Seit 2002 ist das Spreepark-Areal Brachland. Fru?her befand sich dort ein Rummelplatz. Schon zu DDR-Zeiten und nach der Wende hatte der Schausteller Norbert Witte dort den größten Rummel im vereinigten Deutschland betreiben wollen. Größenwahn? Nein, nur Visionen. Das lag ihnen schon seit Generationen im Blut, den Wittes. Norberts Großvater schon hatte es seinerzeit bis zum König von Albanien gebracht. Die Geschichte der Schaustellersippe Witte ist eine spannende Abenteuergeschichte; sie tickten immer ein wenig anders, hatten immer ein wenig andere Träume und suchten immer etwas mehr Freiheit, fielen aber dafu?r auch immer etwas heftiger auf die Schnauze

Allerdings: Die Kunst beim Auf-die-Schnauze-Fallen ist dasWiederaufstehen. Und darin bestand schon das wesentlichste Talent des Großvaters des späterenSpreepark-Impresarios: Otto Witte.

Berufe vererben sich. Nicht nur äußerlich, wenn der Vater dem Sohn sein Geschäft vermacht. Sondern innerlich. Ein Arztsohn muss nicht unbedingt selbst auch Arzt werden; aber häufig wird er es doch. Warum? Vielleicht weil er die Charaktereigenschaften des Vaters geerbt hat, die eben diesen dazu brachten, Arzt zu werden: Freundlichkeit etwa, Einfu?hlvermögen, eine ruhige Hand. Dies ist oft wichtiger als das, was der Sohn dann im Medizinstudium lernt.Beim Schausteller- Beruf kommt es noch mehr als anderswo auf die Charaktereigenschaften an, auf Zähigkeit, Risikobereitschaft, Schläue und eine robuste seelische wie körperliche Gesundheit. Denn trotz seines wolkig-diffusen Images von „Freiheit“ und „Abenteuer“ ist so ein Leben als fahrender Gaukler ein ganz schön hartes. Armut, Entbehrungen, Heimatlosigkeit gehören dazu, und wer das durchhalten will, muss mehr aufweisen als nur Träumereien. Otto Witte, Norbert Wittes Urgroßvater, wusste das. Aber er hatte es im Blut: sich durchboxen, sich durchschlagen, auf dem Rand der Klippe tanzen, runterfallen und immer wieder aufstehen. 1871 wurde er in Magdeburg geboren, und im Alter von acht Jahren lief er mit dem Zirkus Althoff davon. Und da ihn die Zirkusleute nicht, wie sonst zu der Zeit öfter u?blich, wieder nach Hause schickten, blieb er dort, lernte alle möglichen Kunststu?cke und Sprachen und kam ganz schön in der Welt rum. Eine richtige Schule hat er nie besucht, lesen und schreiben konnte er nicht, doch zum berleben war das auch nicht nötig. Mit zwölf machte er sich selbständig und schlug sich – teils durch Artistik, Zaubern und Handlesen, teils durch „richtige“ Arbeit (auf Schiffen), teils durch kleine Gaunereien – allein durch, und bis in seine 30er hinein trieb er sich u?berall auf dem Globus herum: Italien, Schweiz, Ungarn, Serbien, Abessinien, Jerusalem, mehrmals quer durch Afrika, auf der Jagd nach einer Frau bzw. auf der Flucht vor deren Gemahl kam er auch u?ber London nach Amerika, und immer wieder trieb es ihn nach Konstantinopel, damals noch die Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Irgendwann kehrte er nach Deutschland zuru?ck, kaufte in Heimbach an der Nahe im Rheinland unter falschem Namen ein Haus, heiratete, bekam Kinder und zog mit Karussell und Menagerie mit dressierten Affen und Seehunden u?ber die Jahrmärkte – doch so ganz solide war er im Herzen doch noch nicht. 1912 zog es ihn wieder nach Konstantinopel hinab, und der größte Coup seines Lebens, durch den er weltberu?hmt werden sollte, bahnte sich an.

Zunächst einfach in Form eines sehr lukrativen Jobs: Durch einen tu?rkischen Freund wurde Otto Witte Spion fu?r die tu?rkische Armee im gerade ausgebrochenen Ersten Balkankrieg, in dem Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland gegen das Osmanische Reich zu Felde zogen. Es gelang Otto, brisante Dokumente der Gegner an sich und in die Hände seiner tu?rkischen Auftraggeber zu bugsieren, was ihm einen Lohn von 12.000 Piastern einbrachte, wovon er 9000 – damals etwa 3000 Mark, also ein exorbitantes Su?mmchen – direkt an seine Familie nach Heimbach schickte. (Trotz dieses Coups schmierte das Osmanische Reich militärtechnisch jämmerlich ab und musste mehrere verheerende Niederlagen hinnehmen.)

Aber dann tauchte eine neue Finte am welthistorischen Horizont auf. Das kleine Albanien, vorher unter tu?rkischer Fuchtel, hatte in den Kriegswirren seine Unabhängigkeit erklärt und stand nun im Begriff, unter Serbien und Montenegro aufgeteilt zu werden. In Konstantinopel wurde u?berlegt, ob man mit den Albanern Kompromissverhandlungen fu?hren sollte, um wenigstens sie noch hinter sich zu haben. Es wurde vorgeschlagen, ihnen einen König zu schicken, der zwar tu?rkisch wäre, der aber die albanische Unabhängigkeit respektieren und Albanien gegen den Balkanbund verteidigen wu?rde. Einer der Kandidaten hierfu?r war Prinz Halim ed-Dine, ein Neffe des Sultans.

Und Otto Witte, Schausteller, Zauberer, Spion, Rumtreiber und Schlitzohr, stellte fest, dass er diesem Prinzen zum Verwechseln ähnlich sah. Und bevor sich die weltgeschichtliche Lava am Balkan weiterwälzen konnte, flogen zwei Telegramme nach Albanien, in denen mitgeteilt wurde, dass Prinz Halim ed-Dine käme und die Albaner retten werde. Otto und sein tu?rkischer Komplize besorgten sich beim Kostu?mverleih Uniformen, reisten den Telegrammen hinterher, und Otto wurde in Tirana huldvoll zum König von Albanien gewählt und blieb es ganze fu?nf Tage lang. Durch die Papiere, in die er zuvor als Spion Einsicht gehalten hatte, wusste Otto u?ber militärische Strategien ganz gut Bescheid und konnte die Offiziere um sich herum erfolgreich bluffen. Bis der echte Halim in Konstantinopel sich meldete und man draufkam, dass man von einem Hochstapler hereingelegt worden war. Da hieß es dann natu?rlich Fersengeld geben fu?r Otto, doch er kam davon – die Albaner hätten ihn vermutlich erschossen, wenn sie ihn gekitscht hätten, denn sie fanden den Streich nicht gar so witzig.

Andreas Izquierdo hat u?ber diesen Coup ein brillantes Buch geschrieben: „König von Albanien“, erschienen im Rotbuchverlag Berlin. Er hat sich dabei ziemlich genau daran gehalten, wie Otto die Sache selbst in seinen Memoiren schilderte, die 1931 zunächst als Fortsetzungsroman im ffentlichen Anzeiger von Bad Kreuznach erschienen. Aber ob wir nicht alle von Otto hereingelegt wurden, wissen wir nicht, denn nachpru?fbar ist es nicht mehr, was genau damals in Albanien abging. Hat es je diese fu?nf Tage im Februar 1913 gegeben, in denen in Albanien ein Otto I. König war?

Otto beschwor es später und ließ es sich offiziell in seinen Pass eintragen. Dort stand dann fortan „Otto Witte, ehem. König von Albanien“, und niemand schien dies anzufechten. Auf dem Ruhm und dem Ruf als „größter Abenteurer der Welt“, den er durch diese Köpenickiade erworben hatte, baute er sein weiteres Leben auf.

Nach dem zweiten Weltkrieg lebte er in Pankow, dann in Hamburg. 1958 starb er und wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.


Ni Gudix

Ein Beitrag von Ni Gudix

Sie ist Literaturübersetzerin, Schriftstellerin, Historikerin, Theaterautorin und Illustratorin. Ihre Hauptantriebsquellen sind Phantasie und Freude an der Arbeit. "Objektive Qualität" gibt es nicht, weil Qualität an sich eine Kategorie ist, die aus der Seele kommt: BeGEISTerung.