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Der Mann ist klein. Die Kriminalisten sehen in ein früh alterndes Kindsgesicht. Nicht gerade helle blicken die jetzt verängstigten Augen daraus hervor. Was diese halbe Portion an Worten von sich gibt, ist eher sparsam an Umfang und Gehalt. Doch wie lange haben sie hier nach Dieter H. gesucht? Mehr als zwei Jahre hat dieses unscheinbare Persönchen halbe Kompanien von Ost-Berliner Polizisten in Bewegung gehalten. Sie haben ermittelt und eine Brennpunktkommission „Messerstecher“ gebildet; es sind Kollegen immer wieder zusätzliche Streife gelaufen in den frühen Morgenstunden und am späten Abend, sie haben am Ende einen Lockvogel ausgeschickt alles um jenen großen Unbekannten und Unhold dingfest zu machen, der seit Ende der 1960-er Jahre die Wälder zwischen Rahnsdorf und Schöneiche unsicher macht.

Stets bei sich trägt das Scheusal, von dessen Taten hierzulande – zumindest in Berlin, Hauptstadt der DDR – mittlerweile viele wissen, ein Messer. Und Fesseln. Die Frauen, derer er in seinem Trieb meint habhaft werden zu können, springt er im dunklen Tann aus dem Hinterhalt an, fügt ihnen Stichwunden zu – und vergewaltigt sie. Schon mehr als 90 sollen es gewesen sein, so erzählt man sich in Rahnsdorf und Umgebung – und nur mit viel Glück im Unglück kamen all die Frauen mit dem Leben davon. Doch die Angst geht um.

Wer in jenen Tagen während der Dunkelheit unterwegs ist zwischen Friedrichshagen und Erkner, zwischen Schöneiche und Rahnsdorf, hat ein waches Auge. Frauen, die im Schichtsystem arbeiten und normalerweise durch die Dämmerung ihren Arbeitsweg nehmen, verweigern sich nun. Krankenschwestern und Postzustellerinnen bleiben daheim wie manche Kollegin, deren Werkbank in einem der großen Industriebetriebe von Schöneweide steht.

Die Sache wird zum Politikum. Finden Sex and Crime in den offiziellen Medien der Arbeiter- und Bauernrepublik sonst keinen Platz, so berichtet im Jahr 1971 die hauptstädtische „Wochenpost“ sehr detailliert über den „Schrecken von Rahnsdorf“. Die SED-Bezirksleistung ist alarmiert, die Genossen der VP sowieso. Aber das Phantom geht weiter um.
Der Kriminalistin Lockvogel ist es vorbehalten, gemeinsam mit ihren Kollegen im Frühjahr gleichen Jahres endlich den Dieter H. auf frischer Tat zu stellen. Wieder lauert er am Wegesrand, nahe am S-Bahnhof Rahnsdorf, im Dickicht. Doch als er, Messer in der Hand, Fesseln bereit, sein vermeintliches Opfer anfällt, klicken die Handschellen.
Oberleutnant Henner V. ist bei aller Diensterfahrung doch etwas verblüfft über das Erscheinungsbild des Mannes, den die Leute ein Monster nennen. Wie unauffällig der ausschaut. Weniger unauffällig ist dabei das Strafregister jenes 21-Jährigen, den die Ermittler nun vor sich haben und in den nächsten Tagen in die Mangel nehmen werden. Bereits mit zwölf Jahren greift er ein Mädchen an, versucht, sich an ihr zu vergehen. Die Jugendhilfe beim Rat des Stadtbezirks hat ihn da bereits als einen schwierigen Fall im Blick. Mit 14 wird er aus dem Verkehr gezogen und in einen Jugendwerkhof verbracht. Ein strafender Selbstschutz für den Jugendlichen, Befriedung in seiner früheren Umgebung. Therapie und Resozialisation – zweitrangig noch.
Aus dem Werkhof entlassen, führt Dieter H. zunächst ein weitgehend unauffälliges Leben. Er ist Hilfsarbeiter, meist auf Baustellen der Ost-Hauptstadt zugange. Seine Freizeit verbringt er gerne am südöstlichen Stadtrand Berlins … Seine spezielle Art der Unterhaltung hat Anfang der 1970er dann für zehn Jahre ein Ende, als das Bezirksgericht Köpenick den Mann für die nachweislichen Überfälle auf elf Mädchen und Frauen im Wald bei Rahnsdorf verurteilen kann.

Dieter H. sitzt die Strafe ab. Dann kommt das Jahr 1984. Bernd Marmulla, ehemaliger Major der DDR-Volkspolizei und heutiger Kriminalrad a. D., erinnert sich: „Als ich hörte, dass im Köpenicker Forst eine junge Frau gefesselt, geknebelt und vergewaltigt wurde,  dachte ich sofort an Dieter H.“ Marmulla, Ost-Berliner Spezialist für Serientäter, sollte mit seiner Intuition recht behalten. Als die VOPOs bei Dieter wieder vorstellig werden, hatte der sich für den Tatzeitpunkt bereits ein Alibi gebastelt. Doch die Durchsuchung seines Spindes auf der Baustelle, auf der Dieter jener Zeit den Fachkräften zur Hand ging, ließ die Polizisten in seinen Stiefeln Ketten und Fesselwerkzeug finden, wie es das Opfer zuvor beschrieben.Nun gestand Dieter H. – und wanderte anstatt durch die Köpenicker Forst vorerst in die geschlossene Psychiatrie in Berlin-Buch. Dies war ein für die in der DDR übliche Rechtsprechung ein eher bemerkenswerter Richterspruch, der damaligen Geflogenheiten wenig entsprach. Diese sahen für Rückfalltäter üblicherweise mehrjährige Gefängnisstrafen vor.

Noch bemerkenswerter an der Sache war nun, dass unser Dieter H. schon nach einem Jahr die psychiatrische Einrichtung verlassen durfte. Ein Gutachter bescheinigte ihm, „im Rahmen einer Einzeltherapie sehr gut stabilisiert“ zu sein, außerdem habe Dieter inzwischen eine feste Partnerschaft und eine Anstellung als Gabelstaplerfahrer. Soweit – aber nicht so gut. Sagten sich auch die Kriminalisten um Oberleutnant Henner V. und Bernd Marmulla – und behielten ihren Klienten nach dessen überraschender Entlassung aus der Psychiatrie im Blick. Das war damals mit Hilfe „staatlicher Kontrollmaßnahmen“, wie sie im Strafgesetzbuch der DDR verankert waren, noch ohne größeren Dienstweg möglich. Und selbst Dieter H., der „Schrecken von Rahnsdorf“, war sich nicht nur dessen, sondern auch der Gefahr, die von ihm für Frauen ausging, bewusst. „Ich habe nie wieder einen Sexualstraftäter erlebt“, erinnert sich Marmulla, „der sich bei Problemen so freiwillig an den Therapeuten wandte.“ Dumm an der Sache war nur, dass mit dem politischen Zusammenbruch der DDR auch der Fall Dieter H. abgewickelt wurde. Die gerichtliche Einweisung in die Psychiatrie gehörte nach bundesdeutschem Recht jedenfalls nicht in das Bundeszentralregister und auch die Gefängnisstrafe war verjährt. Zukünftigen Ermittlern auf der Suche nach potenziellen Sexualstraftätern, die an Bahnhöfen ihr Unwesen mit Fesselspielchen und Weiterem trieben, war die Spur von H. verwischt. Und wo ein Stück DDR-Kriminalgeschichte endet, nimmt darum unsere Geschichte noch einmal so richtig groß Fahrt auf … Aber davon erzählen wir beim nächsten Mal mehr.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“