oder wie ich kein Geschenk kaufte

Jedes Jahr zu Weihnachten freue ich mich darauf, in das Haus meiner Eltern zu kommen. Alles ist festlich geschmückt und das Licht der Kerzen strahlt. Unter den ganzen Schwippbögen, Nussknackern und Räuchermännchen, die meine Eltern besitzen, ist ein besonders schönes und wertvolles Stück:
Eine Weihnachtspyramide, die mein Uropa Willy einst geschnitzt und meinem Vater geschenkt hat. Auf ihr befindet sich ein ganzer Ort mit Kühen, Schafen und Vögeln, der sich von der Wärme der Kerzen angetrieben um eine riesige Tanne dreht. Schon als Kind liebte ich diese Pyramide und erbrachte viel Zeit damit, den Holzfiguren zuzusehen. Das gute Stück hat meinen Uropa überlebt. Es hat schon viele Umzüge mitgemacht und etliche Modetrends in der Weihnachtsdekoration überstanden. Sogar mein vierjähriger Sohn, der sonst eher Rittern und Drachen zugetan ist, hat seine Freude daran.

Etwas zu verschenken, was man selbst gemacht hat, fand ich schon immer sehr schön. Deshalb will ich es in diesem Jahr unserem Uropa gleich tun und einen Versuch starten. Zu Weihnachten wird nichts verschenkt, was fertig gekauft wurde! Noch sind einige Wochen Zeit, und Einfälle habe ich auch schon. Angefangen habe ich damit, den alten Kinderzimmermöbeln unseres Sohnes ein ritterliches“ Aussehen zu verpassen.

Ich habe Tisch und Stühle angeschliffen, rot gestrichen und mit Wappen versehen. Dazu passend habe ich einen wilden Drachen auf Leinwand gemalt. Allerdings habe ich ein bisschen geschummelt und von einem Bilderbuch abgemalt. Nun stricke ich jeden Abend an einem Schal, der zu seinem neuen Schneeanzug passen soll. Für unsere Tochter wird es ein pädagogisch wertvolles Babyspielzeug geben. Aus den Knöpfen, die ich aus unseren Mäntel und Jacken erausgeschnitten habe, entstand eine lange Schlange. Die Idee habe ich aus der Krabbelgruppe mitgenommen. Für meinen Mann habe ich auch schon einige Einfälle im Kopf. Ich könnte ein T-Shirt designen oder neue Sitzbezüge für sein altes Segelboot schneidern. Oder doch besser ein Liebesgedicht exklusiv von mir verfasst? Meine Mutter jedenfalls liebt Weihnachtskränze, die man aus den Fundstücken eines Waldspaziergangs selbst flechten kann, und mein Vater scharfes Öl mit Chilischoten. Das ist auch schnell zusammengerührt und kann mit einer liebevollen Verpackung sicher begeistern. Meiner Schwester habe ich eine Handtasche genäht, die an drei Abenden fertig wurde.

Das passende Schnittmuster konnte ich im Internet herunterladen. Wenn ich es recht bedenke, habe ich nun schon einen konkreten Plan für alle Familienmitglieder. Ich werde wohl noch ein paar Abende werkeln, aber das hält mich wenigstens davon ab, vor dem Fernseher zu verblöden. Außerdem bleiben mir die lästigen Drängeleien in überfüllten Kaufhäusern erspart und ich habe mehr Zeit für das Plätzchenbacken und für lange Winterspaziergänge. Es scheint so, als ob dieses Jahr Weihnachten sehr entspannt werden könnte. Opa Willys Weihnachtspyramide hat mich auf eine tolle Idee gebracht – das würde ihn sicher freuen.


Tatjana Rabe

Ein Beitrag von Tatjana Rabe

Betriebswirtin und Fachjournalistin, arbeitet als K arriereberaterin. Ist genau, eigenwillig und aufmerksam. Wird oft mit Friederike Hagen verwechselt. Zitat: "Ich will ja nicht streiten, aber Recht behalten schon."