„Mama, nicht lesen!“ Wenn Eltern Zeitung lesen ist Skepsis angesagt. Das weiß jedes Kind. Wenn sich Mutter oder Vater hinter dem bedruckten Papier verschanzt, dann hat das nichts Gutes zu bedeuten. Meist heißt es „Spiel doch auch mal alleine“. Dabei steht in den Zietungen sowie viel zu viel Unschönes oder zumindestens Zweifelhaftes. Oder beides. Die Meldung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass fast eine halbe Million Deutsche spielsüchtig sind, ist so eine. Jede Sucht ist nicht nur unschön, sie ist schrecklich – für Betroffenen wie für Angehörige. Die meisten Leser dieser Nachricht halten aber gar kein Papier mehr in der Hand, sondern starren dabei auf ihr „Pätt“ oder „Ei-Fohn“.

Solche E-News-Junkies hat die alterwürdige Bundeszentrale in ihrer Statistik schlicht vergessen – und somit ein paar Millionen Süchtige, denen das Spiel mit der modernen Technik längst lebensnotwendig erscheint. Laut einer Studie zur Smartphone-Sucht (ja, die gibt es wirklich) aktivieren Studenten ihr Gerät rund 80 Mal am Tag, um ja nichts zu verpassen. Ob das die Studiendauer verkürzt…ich habe da Zweifel.

Vermutlich beherrscht die Angst, etwas zu verpassen den modernen Menschen in der selben Weise, wie unsere Vorfahren die Angst vor dem Fegefeuer. Diese Furcht scheint angeboren zu sein. Unsere Tochter „aktiviert“ mich auch gefühlte 80 bis 100 Mal am Tag, um sich meiner Aufmerksamkeit zu vergewissern. Dann teilt sie mir kinder-wichtige Dinge mit. Das reicht von „Ich war pullern“ bis hin zu der Frage „Als die Menschen noch Affen waren, haben sie da die Dinosaurier zum Spielen getroffen?“

Für Kinder wie für Politiker ist es extrem wichtig wahrgenommen zu werden. Sie teilen sich beständig ihrer Öffentlichkeit mit. So mancher hat dabei trotz aller Twitterei und Facebookerei jedoch jede Menge zu verschweigen – und ruft gerade damit die Aufmerksamkeit der Medien auf den Plan.

Ich war vor kurzem drei Wochen weg. Zugfahrt nach Nirgendwo. Ganz ohne Nachrichten. Herrlich. Nach der Rückkehr in den schönsten Stadtteil der Hauptstadt waren sie plötzlich weg vom Fenster, die Herren Edathy, Friedrich und Schmitz. Ich sollte öfter Zug fahren. Gleich morgen besorge ich mir ein Jahresticket.

 


Anke Assig

Ein Beitrag von Anke Assig

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: "Das wird schon!"