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Als ich mich vor anderthalb Jahren für einen Freiwilligendienst im Ausland bewarb, hatte ich ein bestimmtes Bild davon im Kopf, wie ich diese Zeit wohl verbringen würde: Ich sah mich irgendwo auf der Welt auf einem heruntergekommenen Sportplatz sitzen, umringt von Kindern, die mir als Zeichen ihrer Zuneigung selbstgeknüpfte Armbänder aus bunter Wolle schenkten. Ich würde mich von der lockeren südländischen Mentalität meines Einsatzlandes treiben lassen, ganz begeistert davon, wie viel entspannter alles doch zugehen kann als im strengen Deutschland. Neben meiner erfüllenden, aber nicht allzu anstrengenden Arbeit hätte ich die Chance auf vielen Reisen durch „meine neue Heimat“, das harte Leben der Bevölkerung kennenzulernen, das mich ein ums andere Mal schockieren würde. Aber alles in allem würde ich das großartige Lebensgefühl genießen, etwas zu sehen und zu tun, wozu meine Freunde in Deutschland nicht die Möglichkeit hätten, weil sie bereits in vollgestopften Hörsälen säßen und für die nächste Prüfung büffelten. Bei meiner Rückkehr nach Europa würde ich mir anfangs ziemlich schwer damit tun, wie ungerecht Armut und Wohlstand auf der Welt verteilt sind. Familie und Freunden würde ich vom Land erzählen, das ich im letzten Jahr so gut kennengelernt hatte und über das zu urteilen ich mir jetzt erlauben könnte.

Im Moment muss ich mir noch keine Gedanken um meine Rückkehr machen, denn gerade verbringe ich den achten Monat meines Freiwilligenjahres in Peru. Aber während meiner Zeit hier ist mir schnell klar geworden, dass sich meine eben beschriebenen Vorstellungen nicht wirklich mit der Realität meines Dienstes decken.

Ich wohne und arbeite im katholischen Mädcheninternat „Casa Acogida Laura Vicuña“, das sich im Dorf Quebrada Honda befindet. Quebrada mit seinen 1500 Einwohnern liegt abgeschieden in den dschungelartigen Ausläufen der Anden im Südosten Perus, stellt aber gleichzeitig die „Hauptstadt“ der Region Yanatile dar.

Das Internat, in dem ich mit zwei Ordensschwestern und meiner Mitfreiwilligen Tine arbeite, ermöglicht Mädchen aus den abgelegensten Teilen Yanatiles einen Zugang zur Schulbildung. Die meisten Kinder aus unserem Projekt leben mit ihren Eltern nämlich in kleinen Häuseransammlungen, die weit in die Berge hineinreichen und oft mehrere Stunden Fußmarsch von der nächsten Schule entfernt liegen.

Die 44 Mädchen im Alter von neun bis sechzehn, die zur Zeit bei uns im Haus leben, sind also in erster Linie hier, um eine der drei Schulen im Dorf besuchen zu können, und nicht aus Gründen wie extremer Armut oder Verwaisung. Trotzdem haben viele der Kinder ihr bisheriges Leben größtenteils in Einsamkeit und ohne ihre Eltern verbracht. Diese arbeiten nämlich von früh morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit auf ihren Feldern um Früchte wie Ananas, Mango oder Kaffee zu Ernten und später in der Stadt zu verkaufen. Dabei bleibt nicht viel Zeit für die Kinder, die auf sich allein gestellt aufwachsen. In ihren Familien haben die Mädchen oft schon schreckliche Dinge erlebt: Den Tod eines Elternteils, die Scheidung der Eltern, Missbrauch und Gewalt durch Familienmitglieder oder Vernachlässigung. Die Mädchen haben also kein vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Familien und begegnen ihren Mitmenschen auf Grund dieser Erfahrungen oft mit Misstrauen. Dieser Umstand erschwert auch uns Freiwilligen häufig die Arbeit mit ihnen.

Dabei verbringen wir den Großteil eines Tages mit den Mädchen: Für uns alle beginnt der Tag morgens um vier. In dieser Hergottsfrühe machen die Mädchen ihre Hausaufgaben und wir helfen ihnen vor allem in Mathe und Englisch. Vor dem Frühstück um sechs ist außerdem noch Aufräumen angesagt: Jede hat einen bestimmten Bereich, für den sie verantwortlich ist, und den sie jeden Morgen zu putzen hat. Zwischen sieben und halb acht machen sich die Mädchen auf in die Schule. Von da an haben wir einige Stunden frei, in denen wir Schlaf nachholen, joggen gehen, die Einheimischensprache Quechua lernen oder das Internetcafé im Dorf besuchen und uns über die schlechte Verbindung ärgern. Zum Mittagessen gegen vierzehn Uhr kehren alle Mädchen ins Haus zurück. Haben alle aufgegessen, spielen oder arbeiten wir eine Stunde im Garten. Später geht es zum zweiten Mal am Tag ans Lernen, bis wir um sechs die Glocke zum Abendessen läuten. Nach dem Essen geht es für uns jeden zweiten Abend in die Kirche. Wir alle sind froh, wenn wir spätestens um neun Uhr müde ins Bett fallen können. Auch wenn wir Freiwilligen unser eigenes Zimmer haben, schlafen wir nachts in den Schlafsälen der Mädchen, wo wir zum Einschlafen vorlesen, erzählen oder singen, bevor der nächste Tag wieder so schrecklich früh beginnt.

Meine Aufgaben hier im Haus sind also ziemlich vielfältig und lassen sich wohl am besten unter dem Begriff „Erzieherin“ zusammenfassen. Ich habe mehrere Monate gebraucht, um mich an das abgeschiedene Leben und den strengen Tagesablauf zu gewöhnen. Oder daran, sieben Tage die Woche zu jeder Zeit erreichbar und für mehr als vierzig Mädchen verantwortlich zu sein. Oder an die viel zu häufigen und viel zu heruntergeleierten Gebete und Kirchgänge. Oder an die Tatsache, im Monat nur an die zwei Tage frei zu bekommen. Oder oder oder…

Anfangs habe ich mir ziemlich schwer damit getan, wie wenig mein Freiwilligendienst das Bild erfüllte, das ich mir ausgemalt hatte. Und auch der Vergleich zwischen meinem Volontariat und dem Leben anderer Freiwilliger, die ich kenne, hat mich ein ums andere Mal neidisch und traurig werden lassen. Irgendwann hat sich diese Unzufriedenheit aber aufgelöst – vielleicht einfach eine Frage der Gewöhnung? Oder lag es daran, dass die Mädchen uns gegenüber immer zutraulicher wurden und sie uns inzwischen als Freundinnen sehen? Denn mittlerweile ist mein Handgelenk voll von selbstgemachten Armbändern…

 

Wer mehr von meinem Freiwilligenjahr und meinem Projekt erfahren will, kann sich gerne bei mir unter folgender Mailadresse melden: avaltchuk@aol.com
Ich wuerde mich ausserdem sehr freuen, wenn der/die ein/e oder andere fuer das Projekt spenden wuerde:

Konto-Inh.: Anna Valtchuk    
Bank: Deutsche Kredtibank (DKB)
Verwendungszweck: Spende Peru
IBAN: DE7512030000 1033592468