Auf einem Esel durchs All

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Neues von Keimzeit

Mittlerweile sind es knapp mehr als drei Dekaden, die die Band aus der Gegend zwischen Berlin, Potsdam und Brandenburg im sogenannten Popbusiness mitmischt. Mitmischen trifft es jedoch nur ungefähr, beharrlich verfolgen die Musiker um Bandkopf Norbert Leisegang ihren ganz eigenen Weg. Sie trimmen ihre durchaus eingängigen Songs nicht auf flotte Radionummern, sie verbiegen sich nicht. Bevor sie in einer Fernsehsendung playback auftreten, treten sie dort besser gar nicht auf. Das ist sympathisch konsequent, aber auch ein bisschen schade, denn fantastischen Alben wie ihr neues „Auf einem Esel ins All“ wünscht man eine noch größere Hörerschaft. Clueso, Erdmöbel und andere Kollegen zeigen, dass man mit einem ähnlichen Sound den Nerv der Zeit trifft. Keimzeit sind hier immer ein bisschen die Vorreiter.

Seit der 2012-er „Kolumbus”-Platte ist eine Menge bei den Brandenburgern passiert. Es gibt kuriose Anekdoten wie zum Beispiel diese, dass ausgerechnet Heino Keimzeits „Kling Klang” coverte, als er eine Platte mit Rocksongs von Rammstein, den Ärzten und Peter Fox veröffentlichte. Es gab eine Kollaboration mit dem Filmorchester Babelsberg. „Zusammen” heißt das gemeinsame Werk aus dem Jahr 2014 und meint es auch so: Es ist nicht die Platte einer Band, bei der im Hintergrund ein Orchester dudelt, hier sind beide Fraktionen gleichberechtigte Partner. Eine Begegnung auf Augenhöhe. Die Zeit seit „Kolumbus” steht aber auch für eine weniger schöne Episode in der langjährigen Bandgeschichte: Zwei Musiker verließen die Band. Darunter der Schlagzeuger Roland Leisegang, Gründungsmitglied und jüngerer Bruder der Keimzeit-Musiker Norbert und Hartmut Leisegang. Mit den Neuzugängen Lin Dittmann (Schlagzeug), Martin Weigel (Gitarre) und Sebastian Piskorz (u.a. Trompete) vervollständigten die Leisegang-Brüder an Gesang und Gitarre sowie Bass und der langjährige Keyboarder Andreas Sperling wieder die Keimzeit-Crew. Sperling, den alle Spatz nennen, ist auch Produzent der neuen CD. Das Rüstzeug dazu sammelte er als Assistent in zwei renommierten Studios in Hamburg und Berlin, inzwischen betreibt er im brandenburgischen Wiesenhagen ein eigenes Studio.

Ob man einen Produzenten aus den eigenen Reihen nimmt, war ein langer Entscheidungsprozess. In der Vergangenheit arbeite man beispielsweise mit dem Selig- und Udo Lindenberg-Produzenten Franz Plasa sowie dem Fury In The Slaughter- house-Produzenten Paul Grau, das hatte den angeblichen Vorteil, dass ein „Fremder” von außen den Keimzeit-Sound betrachtet und beeinflusst. Was aber überhaupt nicht nötig ist, wie Spatz beweist. Er kennt die Stärken seiner Kollegen, kitzelt sie aus ihnen heraus und fügt sie zu dem zusammen, wofür Keimzeit geliebt werden. Jürgen Block, der zuletzt mit der Orchesterproduktion begeisterte und ebenfalls ein Vertrauensmann aus dem engsten Bandumfeld, besorgte Mix und Mastering. Der Sound des Albums ist modern und doch natürlich, jede Effekthascherei wird vermieden. Im Vergleich zu früheren Werken ist die elfte Studioplatte von Keimzeit ein Stück weit optimistischer. Die für die Band typische Melancholie ist dabei nicht restlos gewichen, wohl aber feiner dosiert. Dem Texter Leisegang in Höchstform scheinen dabei die poetischen Bilder nur so aus dem Füllhorn zu purzeln. Viele Zweizeiler, die hängen bleiben, aber keine Parolen. Nicht zuletzt ist die Gestaltung der CD ein echter Hingucker. Hier schließt sich ein Kreis zu den Platten des ersten Jahrzehnts: Franzisca Drechsler, schon verantwortlich für die Covergestaltung von „Irrenhaus”, „Kapitel 11” und „Bunte Scherben”, lieferte erneut die Illustrationen.

Das neue Album von Keimzeit Auf einem Esel durchs All erscheint am 6. März im Plattenladen deines Vertrauens.

Foto in diesem Beitrag: Bernd Brundert


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