poayaaStephen Dedalus rang in jungen Jahren mit sich selbst und den gesellschaftlichen Konventionen, mit Schule, Kirche und Staat. Um sich von allen Zwängen zu befreien, ließ er seine Irische Heimat hinter sich. In der weiten Welt konnte er schließlich seine eigenen Lebensvorstellungen verwirklichen. Fortan widmete er sich kompromisslos der Kunst. James Joyce erschuf diese literarische Figur, die ihm selbst gewiss nicht unähnlich war, in seinem frühen Roman ‚Ein Porträt des Künstlers als junger Mann‘ (1916). Seither hat sich unsere Welt verändert. ‚Die Aussiedler‘ präsentieren ihr vorhersehbares Scheitern im Privatfernsehen, in zweieinhalb Stunden sind wir alle in Malle und die weite Welt kann man sich rund um die Uhr auf Laptop oder Telefon downloaden.

Flucht? Sofort! Aber wohin? Sobald sich verlässlichen berufstätigen Verantwortungsträgern solche Fragen stellen, bleiben ihnen im besten Falle zwei Wege offen – sie gehen an der nächsten Ecke Komasaufen oder gründen eine Band. PORTRAIT OF THE YOUNG MAN AS AN ARTIST haben sich entschieden. Wann immer es ihre Zeit erlaubt, treffen sich Mathias Funkert (g), Brian Franke (bg, voc), Richard Lange (dr, voc) und Oliver Niemann (g, voc) im eigenen Proberaum. Was sie dort miteinander veranstalten scheint völlig entrückt und aus der Zeit gefallen. Mit großem Ernst und tiefer Innerlichkeit erschaffen sie eine eigene Klangwelt, die ihnen als gemeinsamer Fluchtpunkt dient. Ohne jeden Hoffnungsschimmer stürzen sie sich in düster melancholische Abgesänge. Als Grundkonstruktion ihres Repertoires dient offenbar die schiefe Ebene.

Auch wenn es verhalten seinen Anfang nimmt, treibt doch alsbald alles unausweichlich einem Abgrund entgegen, lösen sich Strukturen auf, wandelt sich rauschhafte musikalische Extase zum Ende hin in freien Fall. All das vollzieht sich nicht in nonchalanter Unverbindlichkeit, sondern mit spürbarem Anspruch an höchste Präzision. Live auf der Bühne bleiben die Vier mit sich allein. Das Publikum darf dabei hautnah an ihrer Jagd nach dem perfekten Klang teilhaben. Wer weitere Fragen hat, erhält mit dem verdrehten Wortspiel des Bandnamens einen brauchbaren Hinweis auf ihre Motivation. Porträt des jungen Mannes als Künstler – dieses Bild wird von ihnen konsequent durchdekliniert – vom Eaton-tauglichen Bühnenoutfit, über eine erlesene Auswahl ihrer Instrumente bis zum makellosen Understatement des CD-Designs. Alle Kümmernisse unserer Zeit bündeln sie zu einer reinen Stilfrage. Diese können sie jederzeit korrekt beantworten. Mit ihrem Auftritt im Internet manifestieren The Young Man gleichermaßen diesen hehren Anspruch und es wird nun niemanden mehr verwundern – auch hier lösen sie ihn ein! Im zivilen Leben sind die Herren allesamt in kreativen Berufen tätig.

So können sie von ihrer grundsoliden musikalischen Prägung, ihrer jahrelangen Praxis und eben auch von ihren multimedialen Befähigungen profitieren. Bei ihrem jüngsten Auftritt in der ausverkauften Schokoladenfabrik (Ackerstraße, Berlin-Mitte) spielten PORTRAIT OF THE YOUNG MAN AS AN ARTIST ein 40-minütiges Set. An den Keyboards hatten sich die introvertierten Melancholiker weibliche Verstärkung auf die Bühne geholt. Elena Wilkniß passte gut ins Bild und verlieh dem flächigen Gitarrensound zusätzliche Farbe und Kontur. Wer es darauf anlegte, konnte sogar leichte Anklänge an Ennio Morricone heraushören. In diesen weihevollen Augenblicken erklang der passende Soundtrack für Ian Curtis letzte Stunden und man fragte sich verwundert, ist der wirklich schon so lange tot?

PORTRAIT OF THE YOUNG MAN AS AN ARTIST
28. 3. live im Kaffee Burger
Torstraße 60, 10119 Berlin, T. 030-28 04 64 95


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“