Um es gleich vorwegzunehmen: Der Stoff vom „Hauptmann von Köpenick“ ist ein dankbares Thema: Der Zuschauer identifiziert sich nur zu gerne mit der Hauptfigur Wilhelm Voigt, mit dem kleinen Mann, der als Hauptmann groß rauskommt. Was gibt es Schöneres als die Rache des Gedemütigten? Und wenn man sie schon nicht selbst üben kann, dann will man sie wenigstens miterleben, und sei es auf der Bühne. Schon 1906, als das Bubenstück bekannt wurde, hat sich die halbe Welt gebogen vor Lachen. Der Mix aus Schadenfreude, Anerkennung und Erstaunen reizte die Lachmuskeln.
Dieses urmenschliche Prinzip zieht auch bei dem Musical „Der Hauptmann von Köpenick“ das der Theaterschaffende Heiko Stang im Innenhof des Rathauses Köpenickf inszeniert hat. Allseits bekannte Vorlage ist Carl Zuckmayers Dreiakter aus dem Jahre 1931, der im Untertitel als Märchen bezeichnet wird. Die schikanöse Bürokratie des Kaiserreichs wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Der Schuster Wilhelm Voigt hat wegen Urkundenfälschung gesessen, und als er wieder auf freiem Fuß ist, beschließt er ein ehrlicher Mensch zu werden, eine Arbeit zu suchen. Aber so einfach ist das nicht: Er benötigt eine Aufenthaltserlaubnis und dafür braucht er einen Pass, und um einen Pass zu bekommen, muss er sich Arbeit suchen. Aber ohne Pass keine Arbeit, und ohne Arbeit keinen Pass. Ein Teufelskreis! Der Schuster sitzt in der Falle, er fühlt sich ausgestoßen, vogelfrei.
Parallel dazu wird die Geschichte einer Uniform erzählt, jener Hauptmannsuniform, mit der Wilhelm Voigt später diesen Aufsehen erregenden Coup landen sollte. Anhand von zwei Vorbesitzern wird dem Zuschauer eine Gesellschaft vor Augen geführt, die militaristisch, gedrillt, Uniform-versessen und Kommando-fixiert wie keine andere in Europa ist. Die Träger der Hauptmannsuniform stehen exemplarisch für die preußischen Offiziere im Kaiserreich, einer davon ist der Reserveoffizier und Köpenicker Bürgermeister Obermüller. In dem Lied „Haltung“ – für alle Lieder hat Heiko Stang Text und Musik geschrieben – kommt dieser ganze Irrsinn besonders schön zum Ausdruck. Eine ganze Gesellschaft erscheint als Karikatur. So auch die Frage, preußisch geschnarrt: Wo ham Se jedient? Und dann stehen die Männer wie von alleine stramm und brüllen im zackigen Tonfall Regiments- und Divisionsbezeichnungen heraus.
Irgendwann droht dem Schuster die Ausweisung, weil er immer noch keinen Ausweis hat. Da besorgt er sich jene besagte Uniform, die inzwischen beim Trödler gelandet ist. Und plötzlich hört alles auf die Befehle des Herumgeschubsten und Ausgestoßenen. Die Uniform befördert ihn zur Autorität. Ohne Legitimation, ohne Haftbefehl lässt er den Bürgermeister von Köpenick festnehmen und abführen, raubt sogar die Stadtkasse. Wahnsinn! Ein Zuchthäusler hält der Gesellschaft den Spiegel vor!
Wie gesagt, solche Geschichten reißen jedes Publikum mit. Hinzu kommen Gassenhauer aus Stangs Feder, jede Menge Lokalkolorit und Berliner Dialekt, die die Begeisterung zusätzlich anstacheln.
Aber wer einen neuen Blick auf den alten Stoff erwartet, der wird enttäuscht sein. Viele Szenen erinnern an die Verfilmungen mit Heinz Rühmann und Harald Juhnke in den Hauptrollen. Auftreten und Charakter des Schusters Voigt haben sich kaum geändert: Auch auf der Freilichtbühne im Rathaushof begegnet uns eine nachdenkliche Figur, die mit der Begeisterung für das Militär nichts zu tun haben will. Sicher, er durchschaut die Spielregeln, trotzdem wirkt das Ganze merkwürdig stilisiert. Er kommt als edler Räuber daher. Das ist von Zuckmayer so angelegt. Aber nach über 80 Jahren Uraufführung im Deutschen Theater und knapp 60 Jahren Film-Premiere mit Rühmann hätte man ja ein paar andere Aspekte einarbeiten oder sogar andere Versionen auf die Bühne bringen können. Denn die sprichwörtlich gewordene Köpenickiade hat damals viele Autoren inspiriert. Zumal sich Zuckmayer einige künstlerische Freiheit herausgenommen hat.
Aber Heiko Stang hat sich ganz bewusst für Zuckmayers Märchenfassung entschieden, da er einem Kleinkriminellen, der Voigt nämlich in Wirklichkeit war, keine Bühne geben wollte. Stang ging es darum, die Obrigkeitshörigkeit und die verdrehte Bürokratie des Kaiserreichs an den Pranger zu stellen. Und daran hat sich in Deutschland ja bis heute nicht viel geändert. Kein Pass, keine Arbeit und umgekehrt – das erleben viele noch heutzutage. Allerdings bleiben aktuelle Anspielungen aus, damit geht die Blickrichtung der Kritik bloß in die Vergangenheit.
Aber genau dorthin wird der Zuschauer sehr überzeugend entführt. Vor der Hauptkulisse des Rathauses lebt mit Bühnenbild, Kostümen und Stangs Kompositionen die Jahrhundertwende wieder auf. Die Bühne ist keine nackte Fläche, auf der bloß Tisch und Stuhl als Requisite stehen. Keine LED-Bildschirme, keine seltsamen Kostüme, keine provozierenden Textpassagen.
Die Lieder sind gelungen, gesanglich und musikalisch einwandfrei. Sie stehen aber bisweilen in Kontrast zu dem Stoff der Erzählung. In die grotesken Abschnitte passen die Lieder herein, da wird aus Lachen schnell gute Laune. An den nachdenklichen Stellen wirkt die Musik teilweise deplatziert oder dann doch zu ernst und zu getragen
Mag Heiko Stangs Hauptmann-Inszenierung auch ihre Schwächen haben, so fühlt sich der Zuschauer am Ende doch entschädigt. Denn das kleine zwölfköpfige Ensemble mit Maximilian Nowka als Hauptmann-Darsteller geht mit einer Spielfreude ans Werk, die den Vergleich mit manch großen Häusern in Berlin und anderswo nicht scheuen muss. Es ist zusammen mit den Musikern, wie Stang betont, ein internationales Team. Die Truppe schafft es, das Publikum über zwei Stunden zu fesseln. Ohne Subventionen aus der Berliner Kulturpolitik ein beeindruckendes Ergebnis. Wenn das Musical kein Bühnenstück wäre, müsste man sagen: ganz großes Kino!

Bis 30.08.2015: jeweils Freitag und Samstag um 19.30 Uhr am Samstag zusätzlich um 15 Uhr und am Sonntag jeweils um 18 Uhr.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"