
Magisch, bewegend, vielstimmig – und kaum erforscht. Zirkus prägt seit Jahren Berlins kulturelle Vielfalt. Mit „Act One“ findet die erste systematische Untersuchung der Berliner Zirkusszene statt.
Zirkus bietet weit mehr als nur Unterhaltungsshows mit Popcorn und jene abwertenden Metaphern, die ihn oft begleiten. Zirkus bewegt – teilt Emotionen, lädt zum Staunen ein, regt zum Nachdenken an. Als vielfältiges Genre der darstellenden Künste, das seit 2023 zum immateriellen Kulturerbe zählt, tritt es in diversen Formen und Farben auf: von Vorstellungen in Zelten, über Showeinlagen bei Firmenfeiern bis zum Stelzenlauf auf Festivals.
Vielfalt, Community, Kreativität – und: Beruf.
Gerade in Berlin vereint der Zirkus ein vielschichtiges Spektrum an Expertisen und Arbeitsweisen: gesellschaftskritische Stücke, therapeutische Arbeit, inklusive Projekte. Auch im Stadtbild Treptow-Köpenicks lässt sich die Bandbreite erleben – in Workshops im Katapult in Schöneweide, in zirkuspädagogischen Angeboten des Contraire in Köpenick oder des Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi oder im Institut für Zirkustherapie Alegria.
„Kann man davon leben?“
So vielfältig wie die Ausdrucksformen des Zirkus sind auch die Menschen und Rollen dahinter: Regie und Dramaturgie, Technik und Produktion, Pädagogik und Artistik und viele weitere Gewerke formen Hand in Hand den Zirkuskosmos. Artist:innen haben sich abseits gängiger Lebensläufe entschieden, ihre Rückenschmerzen nicht vom Bürostuhl zu bekommen – nicht nur. Denn im Offstage ihres Berufs tummeln sich nicht nur Pailletten, rote Nasen und Aufwärmübungen, sondern auch Marketingstrategien und Gagenverhandlungen, Projektplanung und Förderanträge, lange Anfahrten und Kreativblockaden.
„Wie geht es dem Menschen unter dem Kostüm?“
Einbrüche wie die Corona-Pandemie oder die jüngsten Kürzungen im Kulturbereich sind auch im Zirkusbereich deutlich spürbar. Umso wichtiger ist es zu wissen, wie die Situation der Zirkusschaffenden wirklich aussieht.
Bestandsaufnahme, Sichtbarmachung, Vernetzung.
Hier setzt „Act One“ an, ein Teilprojekt des neuen CIRCUS HUB Berlin. Von August 2025 bis März 2026 wird erstmals eine systematische Erhebung der Berliner Zirkusszene durchgeführt. Ziel ist es, die Vielfalt und Potenziale, aber auch Bedarfe und Herausforderungen des Feldes zu ermitteln, sichtbar zu machen und daraus konkrete Lösungsansätze für eine stabile, zukunftsfähige Arbeitslandschaft zu entwickeln. Denn faire und attraktive Arbeitsbedingungen sind entscheidend, damit Zirkusschaffende ihre Arbeit fortsetzen, die Kultur der Stadt nachhaltig bereichern und konkurrenzfähige Arbeiten aus Berlin entstehen lassen können.
Zentral für die Untersuchung ist ein Online-Fragebogen, der sich an alle Zirkusschaffenden mit Berlin-Bezug richtet – anonymisiert und DSGVO-konform. Die Teilnahme nimmt etwa 10 bis 15 Minuten in Anspruch und ist bis zum 14. Dezember möglich unter dieser Adresse.
Das Projekt bittet daher um rege Teilnahme bzw. Weiterleitung. Je höher die Teilnahmequote, desto größer die kulturpolitische Wirkung.
Begleitend initiiert das Projekt öffentliche Gesprächsabende zu Themen wie Resilienz in Krisenzeiten und stellt Artist:innen durch Interviews und Fotokampagnen ins Spotlight.
Gefördert wird „Act One“ durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und die Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt im Rahmen des Programms „Stärkung des Innovationspotenzials in der Kultur III“.
Wozu der ganze Zirkus?
Im Sinne einer zirkusfreundlichen Kultur- und Arbeitslandschaft möchte „Act One“ ein starkes Netzwerk innerhalb der Szene fördern und gleichzeitig Menschen erreichen, die - außer der Metapher zu ihrem unerwünscht abwechslungsreichen Arbeitsalltags – bislang wenig Berührungspunkte mit Zirkus haben. Hoffentlich auch diejenigen in den Bürostühlen der Entscheiderpositionen. Berlins lebendige Zirkusszene braucht mehr als Applaus: Sichtbarkeit, verlässliche Strukturen und kulturpolitische Aufmerksamkeit.
Denn nur wenn die Zirkuskultur sichtbar, verstanden und wertgeschätzt wird, kann sie die künstlerische Vielfalt Berlins weiterhin prägen.
