Doppelwumms in Köpenick

Aus den geleakten Maulbär-Papers Nr. 2
Erstveröffentlichung am 11.12.2022
Schon wieder sind sensible Gesprächsmitschnitte aus der Redaktion an die Öffentlichkeit gelangt. Wir gehen davon aus, dass einer unserer Autoren ein Maulwurf ist und der Maulbär-Redaktion Schaden zufügen will. Wir gehen weiterhin gesichert davon aus, dass er von „Hirschgarten konkret“ als Schläfer eingeschleust wurde. Wir ermitteln mit Hochdruck und werden den Verräter seiner gerechten Strafe zuführen …
Ein Taucher zwischen zwei Unterwasserexplosionen
Illustration: Sebastian Köpcke

„Akkus geladen? Stifte gespitzt? Schuhe geputzt?“

„Klar, Chef, alles ready, wir warten nur noch auf dein Go!“

„Sekunde, es klingelt. Oh, das Rathaus! Nach dem Anruf geht`s los!“

„Wie jetzt, was? Wir haben den Text schon fertig – feierliche Eröffnung der Allende-Brücke mit symbolischem Kabeldurchschnitt, Liedermacherduo und Leierkasten mit Hauptmann .... Was meinen Sie mit Wumms? Wollen Sie mich verarschen? Und der Spreetunnel? Was heißt hier Doppelwumms? Ach du Scheiße. Weiß man schon was? Weiß man schon wer? Verstehe. Wir sind auf dem Weg, brauchen Bilder von den Tatorten und ein erstes offizielles Statement.“

„Was denn los, Chef? Bist ja ganz blass.“

„Bürgermeister Hase war am Apparat. Allende-Brücke versenkt, Spreetunnel gesprengt. Die Party ist damit ins Wasser gefallen.“

„Nicht dein Ernst, das gibt`s doch gar nicht!“

„Lasst uns zuerst zum Spreetunnel schauen. Da sind wir zu Fuß in zwei Minuten!“

„Tatsächlich! Weg isser. Die Treppe führt nun direkt ins Wasser.“

„Da, der Polizist mit dem Absperrband. Lass uns den mal fragen.“

„Gehn sie weiter, hier gibts nichts zu sehen!“

„Wir sind von der Presse. Dürfen wir Sie um eine kurze Auskunft bitten?“

„Was gibt`s dazu zu sagen. Sie sehen doch, was los ist. Kann passieren. Letzte Woche ist meine Waschmaschine kaputt gegangen und die war gerade erst zwei Jahre alt.“

„Aus dem kriegen wir nichts raus, Chef, lass uns lieber ein paar Passanten befragen, da vorn den Jogger oder die Oma mit dem Hund.“

 

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„Hallo, Sie Sportskanone, was sagen Sie dazu, dass heute Nacht der Tunnel gesprengt wurde?“

„Naja, gesprengt, wer kann das so genau wissen?“

„Zur gleichen Zeit ist auch die Allende-Brücke in die Luft geflogen!“

„Und daraus wollen Sie jetzt einen Zusammenhang konstruieren? Das scheint mir doch sehr weit hergeholt. Also schönen Tag, ich dreh mal lieber weiter meine Runden.“

„Hallo, junge Frau, das ist aber ein reizendes Hündchen. Was ist das denn für eine Rasse?“

„Meine Rocky ist so halb und halb, Schäferhund mit Cocker Spaniel.“

„Haben Sie schon bemerkt, dass der Spreetunnel im Eimer ist?“

„Na klar, ich war mit der Rocky schon in aller Frühe unterwegs, die macht hier immer ihr Morgenwürstchen. Das hat ganz schön geknallt und es gab eine riesige Fontäne. Sehen Sie nur dort vorn die Pfützen!“

„Das ist spannend, gute Frau. Was haben sie im Augenblick der Explosion empfunden? Was haben Sie gedacht, was haben Sie gefühlt?“

„Was man eben so fühlt. Die Rocky hat einen richtigen Schreck bekommen und ich hab glatt vergessen, ihr Würstchen einzusammeln.“

„Ja aber was bedeutet es denn für Sie, wenn nun der Tunnel weg ist? Wir bekommen ja über Nacht keinen neuen.“

„Vielleicht hat es ja auch sein Gutes. Dann bleiben hoffentlich ein paar Radfahrer und Tagestouristen weg. Sonntags ist hier oft ein ganz schönes Gedränge. Ach, ja fein, Rocky, hast du prima gemacht. Warte, Frauchen hat ein Tütchen.“

„Mein lieber Scholli. Die Brücke hat es komplett zerlegt – zack, bumm, weg! Aber große Aufregung scheint es auch hier nicht zu geben.“

„Da kommt ein Funkstreifenwagen. Mal sehen, ob die was sagen.“

„Machen Sie sofort die Kamera aus! Haben Sie überhaupt eine Drehgenehmigung? Wer sind Sie und was wollen Sie hier?“

„Maulbeerblatt, Chefredaktion, wir wollen wissen, was hier genau passiert ist.“

„Jeder will irgendwas wissen. Ich will auch gerne was wissen. Vielleicht können Sie mir sagen, wo meine Frau ist, wenn ich Spätschicht habe?“  

„Tut mir leid, da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen.“

„Also machen Sie nicht so viel Wind. Anderswo ist auch schon mal eine Brücke eingestürzt. Passiert immer wieder. Wir sollten dankbar sein, dass wir bislang Glück hatten.“

„Ja klar, Aber der Spreetunnel...“

„Da wollen Sie doch hoffentlich keinen Zusammenhang konstruieren? Muss ich Sie an die Verantwortung der Presse erinnern?“

„Ich glaube, wir fahren besser zum Rathaus. Bin gespannt, was Hase uns zu sagen hat.“

„Kaffee, Tee oder lieber ein Wässerchen?“

Also für mich gern ein Käffchen. Meine Jungs brauchen nichts. Die bekommen in der Mittagspause was zu trinken.“

„Dumme Sache, das mit der Brücke. Schade um die schöne Party. Hat ja alles einen Haufen Geld gekostet. Und so eine Brücke baut keiner an einem Nachmittag. An den ganzen Papierkram will ich gar nicht denken und das Baumaterial wird auch immer teurer.“

„Aber der Tunnel...“

„Ja, Zufälle gibt`s. Ein gefundenes Fressen für Schwurbler und rechte Verschwörungsideologen. Darum sollten wir das Ganze auch auf keinen Fall künstlich aufbauschen. Bei einem so sensiblem Thema muss ich mich auf Ihre demokratische Grundhaltung und Ihr journalistisches Fingerspitzengefühl  verlassen können.“

„Selbstverständlich, aber irgendwas muss ich schreiben. Was sollen wir denn den Leuten sagen, wenn sie anfangen, Fragen zu stellen?“

„Ponton-Meier aus Müggelheim hatte uns immer wieder eindringlich vor der Inbetriebnahme der Brücke gewarnt. Hab schon mit ihm gesprochen. Er ist startklar und macht uns einen sehr guten Preis. Also schreiben Sie: Alles im grünen Bereich‘!“

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