Friedrichshagen ist ein Gewerbeort, ein guter Platz zum Handeln für Leute aus Nah und Fern. Jedenfalls könnte man es so sehen. 100 Baumwollspinnerfamilien – vor allem aus Böhmen und Württemberg – werden 1753 im Auftrag von Preußens großem König, Friedrich II., hier angesiedelt und man gibt dem Flecken den Namen des Monarchen. Ein Schulzengut wird zur Verwaltung der neuen Gemeinde errichtet, mit Brau- und Krugrecht und allem, was ein preußisches Dorf so benötigt. Doch dessen erster Verwalter, ein gewisser Domänenrat Pfeiffer, ist ein Schlendrian, veruntreut dem König gut 8000 Taler und besieht sich dafür Spandaus Festung die nächsten sechs Jahre von innen. Sein Nachfolger ist ein ehrlicher – und ein bedeutender Mann: Johann Peter Süßmilch kann gut und gerne als der Wegbereiter der deutschen Statistik angesehen werden. Süßmilch, immerhin Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, übernimmt also die Verwaltung in Friedrichshagen. Und mit Süßmilchs Krug setzt hier die Geschichte der Friedrichshagener Brauerei ein. An jenem Ort, wo vor gut 250 Jahren Johann Peter Süßmilch begann, für die Bierkenner unter seinen Böhmischen Baumwollspinnerfamilien Bier zu brauen und auszuschenken, steht heute jener Wirtschaftsbetrieb Friedrichshagens, der hier bis heute auf die längste Tradition zurückblicken kann.

Bevor sich im Jahre 1869 knapp 4000 Gastwirte der Region in einer Genossenschaft zusammentaten und das „Bürgerbräu“ gründeten, dampfte die Königlich-Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn nicht mehr nur an Friedrichshagen vorbei – sondern machte auch Halt dort. Das war im Jahre 1849 und hatte nicht zuletzt die Folge, dass der Ort mehr und mehr ins Blickfeld der Berliner geriet. Sommergäste zog es nunmehr in Scharen an den Müggelsee und manch einer blieb gleich gänzlich hier. Die Infrastruktur in punkto Versorgung, Handwerk und Verkehr näherte sich großstädtischem Standart und mit dem vielen Grün und kühlem Nass drum herum wurde man 1880 auch Kurort vor den Toren Weltstadt. Somit wuchs natürlich auch der Bedarf am liebsten Erfrischungsgetränk des Berliners: dem Bier. Die einstmals kleine Brauerei entwickelte sich rasant und verstand es, später auch in den Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts Bestand zu halten.
Heute wird das Berliner Bürgerbräu von der Familie Häring betrieben. Und besonders stolz ist man hier auf die Tatsache, die einzige verbliebene Privatbrauerei Berlins zu sein. Während anderenorts die alten Berliner Biermarken von großen Konzernen aufgekauft wurden, stemmt man sich am Müggelseedamm mit allen Kräften gegen den enormen Preisdruck der Konkurrenz.

Die Kräfte jedoch, die diesem Druck standhalten möchten, sind lang erprobt. Familie Häring lebt seit über 190 Jahren das Handwerk des Bierbrauens. Seit dieser Zeit sind in jeder Generation männliche Nachfahren Bierbrauer geworden. Zu Hause im bayrischen Cham-Loifling bei Regensburg ist das Stammhaus der Härings die Hofmark-Brauerei. Und diese beliefert unter anderem keine geringere Kundschaft als beispielsweise Harrots in London und: den Heiligen Stuhl in Rom. Man versteht also bei den Bayern das Handwerk des Bierbrauens – wie sollte es auch anderes sein: Schließlich wurde vor ziemlich genau 1271Jahren das erste deutsche Bier im bayrischen Geisenfeld gebraut und urkundlich gemacht.

Die Liebe zum Bierbrauerhandwerk ist allumfassend in der Familie Häring.

Die heute geschäftsführende Gesellschafterin Tina Häring arbeitet nach wie vor Hand in Hand mit ihren Eltern, die das „normale Rentenalter“ lang eigentlich erreicht hätten. Ein wenig im Gegensatz zu diesen ist die Mutter zweier Kinder jedoch richtig in Berlin, in Berlin-Friedrichshagen angekommen und heimisch geworden. Als man Anfang der 90er Jahre zwecks Geschäftserweiterung nach einigem Suchen fündig wurde, war die Entscheidung für Friedrichshagen nicht zufällig. Peter Häring, Vater der hiesigen Geschäftsführerin, sieht im Köpenicker Wasser das beste weit und breit. Nicht das Wasser des Müggelsees – aber was die neun Brunnen aus der Tiefe des Berliner Urstromtals herauffördern, ist Grundlage hochwertigster Biere.
Bereits in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts lernte ein Mitglied der Familie Häring die Gegend kennen. Als Braumeister arbeitete der Großvater der jetzigen Geschäftsführerin in Schöneweide. Auch Peter Häring kannte Berlin, bevor man 1992 nach Friedrichshagen kam. Er war um 1950 in Laboratorien der Berliner Kindl Brauerei tätig.

Nach der Wende fand die Familie einen hinsichtlich der Anlagen und des Gebäudes maroden Betrieb vor. Was jedoch beeindruckte, waren der Sachverstand und die Motivation der Belegschaft, die die Fahne des Bierbrauerhandwerks im realsozialistischen Einerlei hochgehalten hatte, was die Friedrichshagner Biere auch zum Export ins „Nichtsozialistische Ausland“ privilegierte. Auch wenn wie in so vielen ostdeutschen Betrieben ein harter, für Einzelne brutaler Schnitt gemacht wurde: Heute beschäftigt die Brauerei wieder 40 Mitarbeiter und die Investitionen der vergangenen 15 Jahre im zweistelligen Millionenbereich haben sich gelohnt.
Das Sortiment ist das einer Spezialitätenbrauerei. Neben dem Pils werden im Frühjahr und Herbst Bockbiere gebraut, das traditionsreiche Bernauer Schwarzbier, die „vornehmste Nahrung Bernaus“ wie es einstmals hieß, ist neben dem „Rotkehlchen“ ein Schlager des Hauses. Und mittlerweile erobert die Brauerei auch exotisch anmutende Regionen: So bereitete Paul Häring, Bruder von Tina Häring und wie diese Geschäftsführer der Brauerei am Müggelsee, in den letzten Jahren Japans Markt für das Friedrichshagner Bier. Und überhaupt gehen 20 Prozent der Produktion schon wieder in den Export. Nicht nur in Nippon, auch in Kanada, Frankreich, Spanien und in Russland trinkt man das Bier von hier.
Damit dies so bleibt, ist die Brauerei unvermindert auf Qualität bedacht. Nicht nur das Wasser muss dabei hochwertig sein. Auch kommt das Malz aus ökologischem Anbau in Thüringen, den Hopfen bezieht man aus der zentralbayrischen Kulturlandschaft der Hallertau und der Brauprozess wird traditionell ohne künstliche Beschleunigungsverfahren durchgeführt. Ein eigener, hier gezogener Hefestamm und die Wiederentdeckung alter Rezepturen, wie die des Rotkehlchens, setzen Maßstäbe.

Über all dies kann man sich vor Ort informieren. Ein firmeneigenes Museum lässt den Besucher Einblicke nehmen in die Welt des Bierbrauens. Dabei gibt es Kupfersudpfannen und Maischbottiche, Abfüll- und Etikettieranlagen ebenso zu sehen wie die riesigen Holzfässer von anno dazumal.
Und wenn man auch (noch) nicht in allen Gasthäusern entlang der Bölschestraße Bürgerbräu trinken kann: Wer auf den Geschmack kommen möchte, kann die Biere probieren: im „Bräustübl“ oder in der „Weißen Villa“ am Müggelsee. Prost und Wohl bekommts.

 


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“