Von Trägheit und Apathie der Jugendlichen ist immer wieder in öffentlichen Debatten die Rede, von Bildungsnotstand und Verwahrlosung der Kids berichten die Medien, die Regierung diskutiert über Politikverdrossenheit und die kulturelle Orientierungslosigkeit der jüngeren Generationen. Doch was tun, wenn sich Jugendliche erfolgreich mit den Widrigkeiten der Finanzpolitik des Landes Berlin und den mageren sich ihnen bietenden Möglichkeiten auseinandersetzen? Wie reagieren, wenn sich Projekte entgegen allen Annahmen plötzlich selbst tragen, neue Perspektiven eröffnen und das Stadtbild bereichern?

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Natürlich ist es schwer, vielseitiges kreatives Potential, vor allem in einem lebendigen Entwicklungsumfeld, wie es in vielen Jugendkulturprojekten zu finden ist, ähnlich einem konkreten Firmengeschäftsplan auf den Punkt zu bringen und zu vermarkten. Im Kleinen wie im Großen sind die Möglichkeiten für nicht profitorientierte Träger begrenzt. Keine Bank würde einer solchen Einrichtung ohne weiteres einen Kredit einräumen, schließlich sind die meist in Projekten zusammengefassten Pläne und Perspektiven der Vereine mitsamt der in Aussicht stehenden Einnahmen und Bilanzen wenn überhaupt nur schemenhaft mit Liquiditätsplänen von wirtschaftlichen Akteuren vergleichbar. Hinzu kommt die geringe Handlungsfähigkeit und Einflussnahme der Initiativen im Rahmen von Verhandlungen mit der Politik. Ein Bleiberecht oder befristete Zuwendungen müssen ständig neu verhandelt werden und sind nicht nur in Zeiten des Wahlkampfes immer wieder Opfer des politischen Kalküls.

Am Beispiel des Mellowparks lassen sich die Mängel der innerdeutschen Parteipolitik schwarz auf weiß nachvollziehen. Trotz eines mehrfachen Beschlusses des Bezirksparlaments, mit dem sich die politischen Fraktionen geschlossen hinter den Mellowpark gestellt hatten, stocken die Verhandlungen bezüglich der Rückholung des Geländes der ehemaligen „Paul-Zobel-Sportanlage“ in den Bezirksbesitz. Nach der parlamentarischen Sommerpause und knapp drei Monate vor Inkrafttreten der Kündigung des derzeitigen Geländes, das sich in der Obhut der Treuhandliegenschaftsgesellschaft befindet, sahen sich die Vertreter des all eins e.V. vor einer aussichtsloseren Situation als noch Mitte des Jahres 2008. Inzwischen hatte die Liegenschaftsfonds GmbH das „Paul-Zobel-Stadion“ für rund 6 Mio. Euro verkauft und zwar obwohl weder die Entwidmung als Sportfläche noch die notwendige Änderung des Flächennutzungsplans beschlossene Sache waren. Diese Entscheidungen fällen die entsprechenden Ausschüsse des Berliner Abgeordnetenhauses.

Die Krone setzt der disaströsen Entwicklung nun die SPD in Person von Karlheinz Nolte, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses auf. In einem Brief verdeutlichte der Oberstudienrat a. D., Jahrgang 1968, der als Vertreter des Wahlkreises Köpenick-Treptow im Berliner Parlament fungiert, über die Beschlussfassung der Bezirksvertreter hinweg, dass er sich gegen die Entscheidungsfindung der BVV und der Bezirksregierung verwehre. Mit seiner Stimme, so Nolte, würde er sich für den Verkauf und gegen die Rückholung des Geländes aussprechen. Grundsätzlich stimmen die Politiker, das verdeutlichte auch SPD Bezirksstadtrat Dirk Retzlaff in einem taz-Interview vom 19. Januar, mit ihrem persönlichen Gewissen. Mit den Folgen müssen dann die einzelnen Akteure leben.

Natürlich wiegen Argumente wie der mögliche Imageverlust des Bezirks als „investorenfreundlich“, die zu erwartenden Schadensersatzforderungen des Investors, die im Falle eines Rückzugs aus dem Kaufvertrag vom Bezirk aufgebracht werden müssten sowie die verloren gehenden Einnahmen für Land und Bezirk schwer in den Köpfen der Abgeordneten. Dennoch mehren sich die positiven Stimmen auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene.

Schließlich hat das Team um den all eins e.V. in den letzten Monaten des vergangenen Jahres das, was den Vertretern des Staates nicht möglich zu sein schien, wahr gemacht. In mühevoller Kleinarbeit, unterstützt durch zahlreiche Experten, die anders als die gewählten Volksvertreter das Heft in die Hand genommen haben, entstand ein Konzept für das favorisierte Grundstück An der Wuhlheide 250-270 – das „Paul-Zobel-Stadion“.

Auf mehr als 60 Seiten stellten die Arbeitsgruppen Pädagogisches Konzept, Städtebau und Finanzierung ihre Gedanken und Ergebnisse dar, die in Form eines Phasenplans für die Umsetzung und zur Rechtfertigung der Standortwahl gereichen sollen. Mit der entstandenen Mappe sollen die entscheidenden Gremien, allen voran der Vermögensausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, der Aufsichtsrat der Liegenschaftsfonds GmbH und der Stadtplanungsausschuss, vom Projekt Mellowpark überzeugt werden.

Umgehend nach der Präsentation des Konzepts „Mellowpark auf der Paul-Zobel-Sportanlage“ im Rahmen des Berliner Jugendforums Anfang Dezember begannen die Gespräche mit den Entscheidungsträgern. Erste Früchte sind klare Positionen verschiedener Abgeordneter. So engagierte sich der bau- und wohnungspolitische Sprecher der Linken, Uwe Doering, in seiner Rede im Rahmen der Sitzung des Abgeordnetenhauses am 15. Januar für das Projekt. Im Einklang mit der Bezirkspolitik plädiert er für das Gelände „Paul-Zobel-Stadion“ als dauerhafte Standortlösung für den Mellowpark. Seine persönliche Ablehnung des Verkaufs begründet er durch die bereits existierende erfolgreiche Arbeit des all eins e.V., die optimale Integrierbarkeit der Angebote des Mellowparks in das Stadtbild des Bezirks vor allem in Verbindung mit den anliegenden Einrichtungen FEZ, dem Fußballverein Union und einer in Bau befindlichen Turnhalle. Außerdem so merkt er an, ist das vom Investor für das Areal vorgelegte Konzept mehr als dürftig.

Auch die Fraktion der FDP stellt sich mit einem Antrag vom 7. Januar hinter das Projekt Mellowpark. Mit diesem fordert sie den Berliner Senat auf, sich mit dem Problem zu befassen und eine Lösung für den Erhalt des größten Jugendsport- und Freizeitparks seiner Art in Europa zu finden. Der finanzpolitische Sprecher der Grünen findet in einer Presseerklärung klare Worte: seine Partei erwarte von der Regierungskoalition, dass sie das Chaos in der Entscheidungsfindung schnellstens beenden und noch vor der Sitzung des Aufsichtsrats der Liegenschaftsfonds GmbH am 27. Februar eine politische Lösung präsentiert.

Für Andreas Statzkowski von der CDU steht das Projekt außer Frage, vergleichbare wirtschaftlich erfolgreiche Jugendprojekte fallen ihm auf Anhieb nicht ein. Zudem sei das Engagement des all eins e.V. vor allem bezüglich einer Umsiedlung im Bezirk und der weiteren Standortentwicklung „ausgesprochen konstruktiv“ gewesen, sagte er der taz.

Die Situation für die Mitglieder des all eins e.V., die Mitarbeiter des Mellowparks und nicht zuletzt die mehreren tausend Besucher wird durch diese klaren Aussagen jedoch nur bedingt verbessert. Die TLG hat bereits deutlich gemacht, dass sie trotz Ersuchen des Vereins und der Bezirkspolitik einer Verlängerung des Mietverhältnisses über den 31. März 2009 nicht zustimmen wird. Obwohl mit den in Aussicht stehenden 200.000 Euro, die die Berner Group in den Umzug des Mellowparks investieren will und der bereit stehenden Manpower, der Park am neuen Standort binnen eines halben Jahres in seinen Grundstrukturen aufgebaut werden könnte, mahlen die politischen Mühlen zu langsam, um einen lückenlosen Betrieb zu ermöglichen. Auch wenn die grundlegenden Abstimmungen positiv für das Projekt ausfallen, sieht Dirk Retzlaff noch mehrere Monate, die es braucht, um auf sie reagieren zu können.

Trotz der weiterhin düsteren Aussichten haben sich Ende Dezember zahlreiche Firmen und Einzelpersonen zusammengefunden und einen Förderverein für das renommierte Jugendkultur- und Sportprojekt Mellowpark gegründet. Mit dessen Hilfe sollen künftig einzelne Veranstaltungen, Teilprojekte und der Park im Ganzen gefördert und unterstützt werden. Der Vorstand setzt sich aus Vertretern wirtschaftlicher Unternehmen im Bezirk, wie z.B. einer Kommunikations- und Werbeagentur, eines Anwaltsbüros und eines Fahrradladens, Profiradsportler Tobias Wicke und der Projektleitung des Mellowparks zusammen. Wieder einmal schafft der all eins e.V. mit seiner Initiative Synergien vor Ort, die sonst undenkbar scheinen und Vorbildwirkung für andere vergleichbare Projekte in Deutschland und aller Welt haben wird.