Zwischen Wiesen und Wäldern, Tälern und Seen

Auf dem Weg zu einem anderen Fußball
Politik findet nicht nur im Stadion statt, sie ist das Stadion. Die Mächtigen haben sich den Fußball genommen, um Milliarden damit zu verdienen und sie haben ihre Macht und ihren Einfluss abgesichert. Aber eines steht fest: Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten!
Der 1. FC Union Berlin beim Europaspiel
Foto: Stefanie Fiebrig

Faszination und Skepsis

Ich habe Fußball sofort geliebt. Damit stehe ich nicht alleine da, aber es ist wichtig zu betonen. Und schon beim ersten Gang ins Stadion an der Alten Försterei war es um mich geschehen: Diese Masse an Menschen, die sich Schals um die Hälse gelegt hatten und mit ihren Mitmenschen über dies und das erzählten. Die Hymne von Nina Hagen, bei der nicht nur die Schals in die Luft gehalten wurden, sondern alles einfach mitgesungen wurde. Was in der Rückbetrachtung wirklich mehr als naiv klingt, hat mich als kleines Kind verzaubert und dafür gesorgt, dass ich nie wieder davon wegkommen konnte. Die Liebe zu Union und die Begeisterung für den Fußball: Sie blieb. Aber aus der kindlichen Faszination erwuchs über die Jahre eine gewisse Skepsis – und diese Skepsis ist der Ausgangspunkt für das erscheinende Buch.
Die Liebe zu Union, sie blieb, aber die Liebe zum Sport, die ist vergangen.
Vielleicht hat mich der Fußball damals in seinen Bann gezogen, weil ich klein war und nicht verstanden habe, was um den rollenden Kick herum passiert. Ich war vermutlich einfach begeistert von dem einfach zu verstehenden Spiel, den lauten und mitreißenden Fans. Die Wahrnehmung hat sich verändert und mit ihr der Blick auf meinen Lieblingssport. Ich habe mich in den Fußball verliebt, ohne etwas von all dem Drumherum zu verstehen. Für mich als Kindergartenkind tauchte Politik damals nicht im Stadion auf, die Liebe war echt und die Begeisterung nicht wegzudenken.  

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  All das ist heute nicht mehr – die Liebe zu Union, sie blieb, aber die Liebe zum Sport, die ist vergangen. Eine Sache habe ich in der Zwischenzeit dazugelernt: Politik findet nicht nur im Stadion statt, sie ist das Stadion. Die Mächtigen haben sich den Fußball genommen, um Milliarden damit zu verdienen und sie haben ihre Macht und ihren Einfluss abgesichert. Aber eines steht fest: Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten!

Tradition über Kommerz!

„Nieder mit dem modernen Fußball! Tradition über Kommerz!“Diese Rufe hört man, seitdem man sich darüber bewusst geworden ist, dass die Stadien und ihre Vereine in das globale Spiel der Profite eingebettet wurden. Ultras haben darauf keine Lust, das haben viele verschiedene Proteste eindrucksvoll bewiesen. Doch auch wenn sie ganze Stadien mit ihrer Leidenschaft anstecken können, so sehr haben sie Probleme damit, dem Mehrheitsbesucher ihre Forderungen verständlich zu machen. Und dort liegt eben der Hase im Pfeffer: Wer den Fußball vor dem Ausverkauf retten möchte, darf sich nicht in seiner Subkultur verstecken! Das mag nach einer harschen Kritik an Ultras klingen, aber das soll es in erster Linie nicht sein. Ich werbe für ein Umdenken im Kampf gegen die Kommerzialisierung des Fußballs und für ein Verstehen dessen, was man da bekämpft. Natürlich sind Ultras als die größte Jugend- und Subkultur unserer Tage ein wichtiger Anker für viele Fußballfans, aber ihre Auseinandersetzung mit dem Fußball im Ist-Zustand ist bemerkenswert unreflektiert.
„Nieder mit dem modernen Fußball! Tradition über Kommerz!“
Bei all den Aktionen unterschiedlichster Gruppierungen in ihren Stadien liegt der Fokus auf dem Aktivismus. Sei es ein Boykott gegen die Montagsspiele, wie es die Frankfurter Ultraszene in der Saison 2019/20 machte oder ein Schweigen gegen den Dosenverein aus Markranstädt, äh Nord-Salzburg, äh Leipzig, wie es wir Fans von Union bei jedem Spiel gegen diesen Verein machen. Es geht nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber, warum solche Protestaktionen wichtig sind oder was sie voranbringen sollen. Stattdessen entsteht ein Aktivismus um des Aktivismus willen. Nichts hat bisher für eine echte Trendwende im deutschen Fußball geführt. Nicht die Minuten des Schweigens zu Beginn der Spiele. Keine Fan-Demonstrationen. Nichts hat sich geändert. Und genau deshalb stellt sich die Frage, woran das eigentlich liegt. Seit Jahren ist die Kommerzialisierung des Fußballs in aller Munde. Selbst Menschen, die mit Fußball mal so gar nichts am Hut haben, haben von diesem Vorwurf etwas gehört. Und die Probleme des Fußballs sind auch in den Kurven angekommen. Sie arbeiten ja gegen diese Form des Fußballs. Sie wollen keine Ecken, die vom Fleisch- und Wursthersteller, wahlweise Tofu-Produzenten präsentiert wird. Sie wollen Menschen aus dem Fußball jagen, die diesen Sport als Jagd auf Profite verstehen. Unabhängig davon, ob Ultras sich als politisch verstehen oder nicht. Sie haben dieses Ziel gemeinsam. Niemand hat Bock auf einen Brausehersteller, der sich aus Marketinggründen einen Verein in der ersten Fußballbundesliga leisten will. Wozu auch? Es hat wenig mit dem zu tun, was einen warm ums Herz werden lässt. Den Kurven gehört die Macht, wurde mir einmal gesagt. Aber genau das stimmt nicht. Ultras und aktive Fans sind sprachlos, machtlos, wirkungslos.  

Der Fußball erzeugt seine Monster selbst

Man mag es sich vielleicht schon denken: Ich versuche gar nicht erst, auf eine Ebene der Kritik zu kommen, die von einer gewissen Moral geleitet ist. Ich halte diesen moralischen Ansatz sogar für gänzlich verfehlt, wenn man verstehen will, wie der Fußball funktioniert und wie man ihn ändern kann. Man mag den Hopps und Mateschitzs dieser Welt die Schuld am Kommerz im Fußball geben und sie zum bösen Gesicht eines konsumorientierten Sports machen, aber das löst die Probleme nicht. Die Ebene der Moral erklärt Symptome zu Schuldigen und verkennt im schlimmsten Fall Ursache und Wirkung. Denn der Markranstädter Verein aus Salzburg, der Auto-Verein aus Wolfsburg oder die TSG 1899 Hoffenheim aus dem Nirgendwo haben nicht in einem Komplott die Übernahme des professionellen Fußballs geplant. Sie zielen auch nicht aktiv auf eine Zerstörung aller Tradition und Werte ab. Sie sind Symptome einer Struktur, die Vereinskonstrukte wie sie präferiert. Der Fußball erzeugt seine Monster selbst. Deshalb muss der Fußball grundlegend und an die Wurzel gehend analysiert werden. Um die Belange der Ultras und vieler aktiven Fans voranzubringen, bedarf es einer tiefergehenden und breiter wahrgenommenen Analyse des Status quo – keiner Debatte um moralisch „böse“ Menschen im Fußball.
Der Fußball ist zu einem Spielball des Kapitalismus verkommen, der den Fans nicht mehr als die Illusion ihres Vereins und ihres Sports lässt.
Dieses Buch möchte die Hintergründe des kapitalistischen Fußballs ergründen – und das aus der Sicht der Fans. Es hilft nicht, eine vermeintliche Neutralität vorzugaukeln, wo keine ist. Fußballfans scheinen in der Mehrheit einen anderen Sport zu wollen, dass zeigt eine aktuelle Studie namens Deutsche Fußball-Basis 2022, bei der sich über 50 Prozent dafür aussprechen, dass die Verbände nicht hilfreich für die Organisation des Fußballs sind. Fans entziehen den herrschenden Institutionen im Fußball ihre Legitimation, aber momentan nur auf dem Papier. Woran hapert es? Viele Gruppierungen haben den Kampf gegen die Kommerzialisierung nicht in eine vollständige Kritik des Fußballs eingebettet, doch einige Ultras zeigen das bereits auf: Von der Schickeria in München über die Corrillo Ultras in Freiburg bis zu den Dissidenti Ultra in Düsseldorf. Die Traumdeutung eines unpolitischen Fußballs hat ausgesorgt! Politik wird in die Stadien gebracht, und das von denjenigen, die den Fußball organisieren.
Wir Fans können uns diesen Fußball nicht mehr leisten! Also lasst ihn uns ändern.
Der Fußball wurde den Menschen entrissen, das macht die Kapitalisierung deutlich. Man ist Teil der Unterhaltungsindustrie, konkurriert mit The Big Bang Theory und dem Bergdoktor. Der Fußball ist zu einem Spielball des Kapitalismus verkommen, der den Fans nicht mehr als die Illusion ihres Vereins und ihres Sports lässt. Er gehört an dem Punkt eben nicht mehr den Spielern und erst recht nicht den Fans. Er gehört denen, die ihn im schlimmsten Fall nicht einmal verstehen, sondern ihn aus reinem Profitinteresse als Anlageobjekt ansehen. Wir haben es mittlerweile mit einem Fußball zu tun, dessen Akteure – mit Ausnahme der Fans – nach kapitalistischen Logiken handeln und den Fußball damit transformiert haben. Wir Fans können uns diesen Fußball nicht mehr leisten! Also lasst ihn uns ändern.

Friede den Kurven, Krieg den Verbänden

06.05. 2021 – Live_Lesung mit dem Autor Raphael Molter. Das Buch erscheint voraussichtlich am 11. Mai 2022 im Frühjahrsprogramm des PapyRossa Verlags und bringt einen Umfang von 230 Seiten mit. Wer Bock, Lust und Laune hat, über die Notwendigkeit und den Weg zu einem anderen Fußball nachzudenken, kann für 16,90 EUR dieses Buch in jeder Buchhandlung nebenan erwerben.

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