Eine Wanderung in den Müggelbergen

Als eines schönen Tages unser Kleiderschrank ein beachtliches Knacken in die Stille des Raumes von sich gab, da erzählte ich meiner Tochter, dass dieser Schrank einmal ein Baum gewesen ist. Fest verankert mit seinen Wurzeln in der Erde, eine Kiefer. So eine Kiefer kann zehn bis 30 Meter, manchmal sogar 40 Meter hoch wachsen und dabei ein eher seltenes Alter von 600 Jahren erreichen.

Unser Schrank bringt es gerade mal auf zwei Meter Höhe; das wahre Alter – wer weiß das schon. Ehrfürchtig streiche ich wenig später über das Türblatt und unwillkürlichraubt mir die Ahnung eines Kieferndufts alle Sinne. Verzückt hole ich unsere Jacken aus dem Schrank und wir machen uns auf den Weg, zurück zu den Wurzeln und auf zu den Müggelbergen. X69, das ist der Bus, der uns bis nach Rübezahl bringt. Es ist später Vormittag und die meisten Fahrgäste gehen hinunter zum Müggelsee. Wir aber wollen heute in die andere Richtung, hinein in den Wald…

Ohne viel Tamtam durchquere das Holzportal mit der Aufschrift „Teufelssee“. Bereits nach wenigen Schritten verstummen die Fahrgeräusche des Müggelheimer Damms und wir werden mit einem herzlichen Vogelkonzert empfangen. Ein schlichter Waldspielplatz und viele kleinere Orte zum Verweilen geben uns zunächst einmal den Raum, mit allen Sinnen von der geschäftigen Welt in die ursprüngliche einzutauchen. Der erste Waldbewohner, den wir zu Gesicht bekommen, ist ein Gimpel. Als er davon fliegt, setzen auch wir unseren Weg fort. Es dauert nicht lange, dann sehen wir bereits den drei Meter tiefen und 1,5 Hektar großen Teufelssee, der durch tauendes Toteis in der Späteiszeit entstand. Geheimnisvoll und still, in naturbelassener Schönheit liegt er da und birgt so manche sagenumwobene Geschichte. Die von der wunderschönen Prinzessin beispielsweise, die mitsamt ihrem prächtigen Schloss und all ihren Schätzen im Moor versunken sein soll und seither auf ihre Erlösung wartet. Nur der aber kann sie aus ihrem Banne befreien, der sie auf dem Rücken dreimal um die Kirche zu Köpenick trägt. Bisher ist es noch keinem gelungen, denn entsetzliche Schlangen und feurige Schreckgestalten versperrten den Auserwählten den Weg.

Ella, meine Tochter, ist sieben und derzeit mehr an Prinzessinnen interessiert als an irgendwelchen Naturereignissen. Sie fragt mich, ob auch kleine Mädchen die Prinzessin befreien können. Aber so weit ich weiß, geht das nicht. Nun, dann müssen ihre Freunde Paul und Valentin das übernehmen. Gleich morgen wird sie mit ihnen darüber reden. Ich stimme dem zu und bin erfreut, dass eine Sage bei Kindern noch einfach so funktioniert, ohne dass der See dafür rosa eingefärbt werden muss. Ein Rascheln im Unterholz holt uns zurück aus dieser Geschichte, eine kleine Maus wuselt vergnügt um einen alten Baumstamm herum und wir gehen weiter. Vor uns liegt nun eine Treppe, über die wir den 88 Meter hohen Kleinen Müggelberg besteigen. Der Aufstieg ist für uns völlig roblemlos, da wir in Gedanken immer noch mit der Befreiung der Prinzessin beschäftigt sind. Oben angelangt stehen wir vor dem 30 Meter hohen Müggelturm. Diesem liegen eine ehemalige Ausflugsgaststätte verfallen zu Füssen und ein geöffneter Imbissstand. Geheimnisvoll ist hier nun nichts mehr.

Aber Augen zu und durch: Wo wir schon bis hierher gekommen sind, wollen wir uns Berlin nun auch von oben ansehen. Die Turmbesteigung kostet 1,00 Euro für den Erwachsenen und 0,50 Euro für das Kind. Wir haben Glück. Trotzdemes leicht bewölkt ist, haben wir eine gute Fernsicht. Im Norden liegen Friedrichshagen und der Große Müggelsee. Und auch der Teufelssee ist von hier oben gut zu erkennen. Im Osten ist der 114,7 Meter hohe Große Müggelberg zu sehen. Kurz davor steht ein 31 Meter hoher Turmstumpf mit Kuppel. Hierauf sollte einst der Fernsehturm von Berlin errichtet werden. Das war, bevor man bemerkte, dass der Flughafen Berlin-Schönefeld doch irgendwie ganz schön nah dran ist. Im Süden dann hat man einen wundervollen Blick auf den Langen See und das Berliner Umland. Westlich gibt es die Aussicht auf die Stadt Berlin. Und hier sehen wir ihn dann auch, den Fernsehturm an seinem heutigen Platz. Wieder unten angekommen, gehen wir weiter auf dem Kammweg. Nach kurzer Zeit schon gibt der Wald einen romantischen Blick zum Langen See frei. Hier verweilen wir einen Augenblick in Stille, und das beschert uns das wunderbare Erlebnis, einen Schwarzspecht zu entdecken.

Wie groß dieser Vogel ist, wie glänzend schwarz und wie rot sein Haupt leuchtet! Aber eine kleine Bewegung reicht aus und dieser scheue Waldbewohner verschwindet wieder im Verborgenen. Mit einem Versteckspiel setzen wir unseren Weg weiter fort bis ganz nach oben zum Turmstumpf mit Kuppel. Hier, auf einem schlicht angelegten Rastplatz, ist der Moment für unser Picknick gekommen, gratis dazu gibt es einen weiteren traumhaften Ausblick. Nachdem wir uns satt gesehen und gegessen haben, begeben wir uns auf die hinter uns liegende ehemalige Rodelbahn, auch Todesbahn genannt. Heutzutage wird der obere Teil von Mountainbikern genutzt, aber an diesem Tag saust hier keiner hinunter. Gut für uns. Kichernd stürzen wir den Abhang hinab. Doch plötzlich ist Ella verschwunden. Sie ist eine Mountainbiker-Rampe hinuntergepurzelt und liegt bewegungslos da. Starr vor Schreck gucke ich von oben zu ihr hinunter, mache hilflos wilde Gesten, was das jetzt wieder soll. Sie sieht mich mit großen Augen an, dann lacht sie sich schlapp und weiter geht’s unter einer Holzbrücke durch bis hin zum Teufelsmoor. Auch hier gibt es wieder einen Moment zum Verweilen, auf einem Holzsteg über dem Moor.

Ein äußerst gepflegtes Entenpärchen verbringt hier seinen samtigen Sonntagnachmittag. Erst als ein bellendes kleines Hündchen daher kommt und das Frauchen auf dem Steg etliche Liegestütze vollführt, ziehen sie irritiert davon. Und auch wir machen uns nun weiter auf den Weg zur Waldschule Teufelssee, die bereits in Sichtweite ist. Hier erfahren wir alles Wissenswerte über den Wald und seine Bewohner.Der Eintritt ist frei und kommen kann jeder, sogar ganze Schulklassen. Wir versuchen Tierstimmen und Düfte zu erraten und bestaunen die einheimische Vogelwelt mit ihrem Gesang. Die Waldschule unterhält zudem einen drei Kilometer langen Naturlehrpfad, der rund um den See angelegt ist. Wir gehen auf ihm nur eine kleine Wegstrecke und wieder gibt es eine Menge zu erleben und zu sehen. Weitsprung mit Tieren, das Erraten von Fußspuren und immer wieder interessante Info-Tafeln. Wir sind total begeistert, wollen weiter und immer weiter und doch wird es Zeit für uns, den Wald zu verlassen. Wir gehen durch das Holzportal, durch das wir gekommen sind, hinunter bis zum Müggelsee. Mit einer Dampferfahrt geht es nun noch über den See bis nach Friedrichshagen. Völlig verschmutzt, mit roten Wangen und irre gut gelaunt hängen wir die Jacken wieder zurück in den Schrank. Nun noch ein Latschenkiefern- Bad obendrauf, das wär’s.