Griechenlandurlaub. Und plötzlich sind alle Wertsachen weg. Die Griechen vor Ort sagen: Diebstahl! Und Überweisungsdienste in das Krisenland sind gesperrt. Das Ende eines Urlaubs?

„Im Urlaub nach Griechenland? Ins Krisenland?!“ – „Na klar!“ hatte ich jedem erwidert, der mich skeptisch anschaute. Jetzt erst recht! Aus emotionalen Gründen: Griechenland, die herzlichen Menschen, das perfekte Essen und das unvergleichlich türkisblaue Wasser dort sind mir in den letzten Jahren ans Herzen gewachsen. Und, ja, auch aus wirtschaftlichen Gründen. Der Tourismus ist der einzige noch offene Geldhahn für das Land, trotz „Oxi“ und nie enden wollenden Verhandlungen mit den europäischen Geldgebern. Als Tourist kann man normal Geld abheben und großzügig ausgeben. So einfach ist das.
Alles ist so traumhaft wie gedacht – bis auf dem Weg vom Campingplatz zum Bus ein griechischer Opa neben mir hält, um mich und meinen Freund im Auto den steilen Weg bis zur Hauptstraße mitzunehmen. Dankbar steigen wir ein. „Du Deutschland?“ fragt er gleich. „Ah, ich Düsseldorf!“ ruft er begeistert, als wir bejahen, und startet den klapprigen Mercedes Benz. „Lange her! Jetzt Rente hier!“ Dann erzählt er noch vom heutigen Wetter in Deutschland: „Auch heiß!“ An der Abzweigung lässt er uns raus. „Ciao, tschüss!“ Der Wagen rattert davon. Dann der Schreck: Der Rucksack ist weg! Alle Wertsachen sind darin: Visakarten, Personalausweise, Führerscheine, rund 200 Euro in bar. Wir haben nichts mehr.
Was an Wertvollem bleibt, ist meine Fotokamera und 100€ in bar als Notreserve im Wanderrucksack. Und mein altes Smartphone.

Ratlos laufen wir zurück zum Campingplatz, die Betreiber dort werden den Opa schon kennen. Dann der zweite Schreck: Die Griechen ziehen bei unserer Erzählung vielsagend die Augenbrauen nach oben, schütteln den Kopf und sagen: „Nä! Hijacking!“ Es würden ständig Touris im Auto mitgenommen und dabei abgezogen. Ich verstehe nicht, erzähle von der deutschen Vergangenheit des Mannes, daran erkennen sie ihn doch sicher, ist doch eine kleine Taverne hier. „Don’t trust anyone!“ Hier würden alle Geschichten erzählen. Wir sollen sofort den Strand ablaufen und nach dem Auto Ausschau halten. Dann würden sie sofort die Polizei rufen. Wir wehren ab, betonen: „It was our fault“, unser Fehler, ich war in Gedanken und habe den Rucksack liegen gelassen! Na gut – wir rufen bei der Polizei in Parga an und fragen, ob jemand etwas abgegeben hat. Nein. „Du willst, dass der Opa das findet, ne?“ fragt der Platzbetreiber und seufzt bemitleidend. Es klingt wie: „Schön, dass du so ans Gute glaubst. Aber gib auf.“

Je tiefer die Sonne über die Bucht sinkt, desto mehr wachsen unsere Zweifel. Ich rufe die Notfallhotline meiner Bank an und sperre die Visakarte. „Oh, in Griechenland auch noch. Das ist natürlich … bitter“, bemitleidet mich die Mitarbeiterin. „Theoretisch gibt es die Möglichkeit einer Notfallkreditkarte, aber ob das in Griechenland geht, müssten wir erst klären.“ Ich solle dann noch mal anrufen.
Am nächsten Morgen rufe ich bei der deutschen Botschaft an. Notfallreisepass. Ohne ihn könnten wir noch nicht mal ausreisen. Die Botschaft geht nicht ans Telefon. Die Verwandten melden: Sowohl Western Union als auch Money Gram überweisen nicht mehr nach Griechenland. Alle Geldhähne in dieses Land scheinen zugedreht. Ein Land wirtschaftlich abgeschnitten vom Rest der Welt. Jetzt weiß ich, was solche Sätze meinen.
Wir laufen zur Polizeistation in Parga. Es ist heiß. Touristen schieben ihre sonnenverbrannten Körper durch die Gassen. Immer tiefer versinke ich in vernichtenden Flüchen über ein für mich plötzlich faules, korruptes und chaotisches Land und merke, wie ich mich nach deutscher Sicherheit sehne.

Der Eingang zur Polizei liegt neben der Post. Eine Polizistin in blauer Uniform macht die Tür auf. „We lost everything in a car“, erkläre ich ihr. Sie zieht vielsagend die Augenbrauen hoch und läuft ins Nebenzimmer.
Dort sitzen zwei Kollegen und schauen neugierig, aber auch etwas träge herüber. Wir bleiben unter dem Luftzug der eiskalten Klimaanlage stehen und warten. Die Polizeistation ist in einer 3-Zimmer-Wohnung untergebracht. In jedem Raum steht ein dicker Holzschreibtisch, darauf jeweils die griechische Flagge. Alte Telefone, Haufen von Papieren.
Kurz darauf winken uns die Polizisten herüber, ich soll den Hörer nehmen: „The Driver!“

Ich kann es kaum glauben. „Guten Tag!“ ruft es aus dem Apparat. „Ich habe heute Tasche gesehen, habe mir gedacht von dir!“ Es ist der griechische Opa, der uns mitgenommen hat. Der unseren Rucksack hat.
Er verspricht mir, heute Abend um halb sechs zur Abzweigung zu kommen. „Halb sechs, oder zwanzig nach fünf! Alles verstanden?“, will er wissen. Ungläubig lege ich den Hörer auf. Die drei Polizisten schauen mich an. Ich weiß nicht, was sie denken. Ich will ihnen erklären, dass wir von Anfang an dachten, dass es unser Fehler war, wie wir unsicher wurden, weil uns alle das Gegenteil sagten. Wie froh ich bin. Doch sie fangen an zu lachen und winken ab: „Only greek, sorry!“ Sie verstehen kaum Englisch. Ob sie die Geschichte verstehen?

Abends warten wir mit einem Blumenstrauß an der Abzweigung. Der alte Mercedes ruckelt pünktlich auf die Minute an. Langsam und etwas wackelig steigt der Rentner aus und gibt uns den Rucksack. „Guckt nach, alles muss Ordnung haben!“ Ich schaue nicht nach. Ich weiß, das alles drin ist. Meine Wertsachen, mit denen ich so viel abheben kann wie ich will – mehr als 60€ pro Tag. Mein Urlaubsgefühl. Meine Sorglosigkeit.
Und mein Glauben an dieses Land. Auf nach Griechenland. Jetzt erst recht!

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