Aufgebaut in Stein und Eisen

Steht das Rathaus da in Pracht,

Soll die Stätt‘ dem Bürger weisen,

Wo der Rath hält treue Wacht.

Wo der Vorstand sorgend heget

Der Gemeinde Wohl und Gut,

Stets des Ortes Interesse pfleget

Der Herr Amtsvorsteher Klut.

(Rudolph Eberlein, zur Einweihung des Gebäudes im November 1899)

Ein wenig arrogant wirkt sein Blick schon, wie er so von oben herabschaut. Mit dem Stock in seiner Hand, dem Dreispitz auf dem Kopf und hoch zu Ross thront er über seinen Untertanen. Das Gemälde im Sitzungssaal des ehemaligen Rathauses zeigt Preußens König Friedrich II. Er gründete vor 255 Jahren das Kolonistendorf Friedrichsgnade, das spätere Friedrichshagen.
Das war eine Überraschung: Als das heutige Polizeirevier in der Bölschestraße 87 in den 90 – er Jahren restauriert wurde, fand sich im Sitzungssaal unter mehreren Schichten von Farbe und Wachsversiegelung ein Wandbild, das längst als vernichtet galt. „Der alte Fritz bei seinen Siedlern“ entstand 1903, wenige Jahre nach dem Bau des Rathauses, und ist von Woldemar Friedrich gemalt worden.
Schon 1897 hatte die Gemeindevertretung von Friedrichshagen beschlossen, ein eigenes Rathaus zu bauen. Das Grundstück, das sich die Gemeindevertreter für diesen Zweck ausgesucht hatten, war ihnen vom Polizeihauptmann Carl Bayer vererbt worden. Das Bauvorhaben wurde in einem Architektenwettbewerb ausgeschrieben, den der Zimmermeister Peter Groth gewann. Er kombinierte Elemente der Spätgotik und Renaissance in der Fassade. Sie besteht aus Cottaer Sandstein, der sich durch ein gleichmäßiges und feines Korn auszeichnet.
Im November 1899 wurde das Rathaus mit einer Feier offiziell eingeweiht. Von da an war es bis 1920 Sitz des Bürgermeisters von Friedrichshagen, der für 10.000 Einwohner zuständig war. Dem ersten Gemeindevorsteher Wilhelm Klut, der in dem neuen Gebäude regierte, gelang es in seiner Amtszeit, eine vorbildliche Verwaltung zu etablieren. Sie galt sogar der vorgesetzten Behörde als mustergültig. Angehende Beamte wurden zur Information und Ausbildung nach Friedrichshagen geschickt.
Im Rathaus befanden sich die Gemeinde – , Amts – und Standesamtsverwaltung sowie ein Ratskeller. Der hatte eine wichtige Aufgabe: „Das Rauchen in den Sitzungen wird dann freilich unterbleiben und durstige Seelen werden sich bis zum Schlusse der Sitzung gedulden müssen, um erst nach des Tages Last und Mühsal im Ratskeller Stärkung zu suchen.“ (Niederbarnimer Zeitung Nr. 229, 28.09.1899, S. 1 – 2)
Friedrichshagen wurde 1920 nach Groß – Berlin eingemeindet. Ein eigenes Rathaus war damit nach 21 Jahren überflüssig geworden. Das Gebäude diente nun als Sitz verschiedener Geschäftstellen des Stadtbezirks Nr. 16, Berlin-Cöpenick.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde die örtliche Polizei alleiniger Hausherr.
Sie zeigte bei den Sanierungsarbeiten in den 90 – er Jahren, die bei laufendem Publikumsbetrieb durchgeführt wurden, viel Geduld. Neben der Freilegung des Wandgemäldes wurden auch das Bürgermeister – , das ehemalige Standesamtszimmer und das Treppenhaus liebevoll restauriert. Durch die Erschütterungen der Straßenbahn hatten sich Risse in den Wänden gebildet, der Untergrund an Festigkeit verloren und Feuchtigkeit war eingedrungen. Als Anerkennung wurde dem Bezirksamt Treptow – Köpenick 2001/2002 eine Plakette für die Bemühungen um den historischen Ortskern Friedrichshagens verliehen. Sie ist noch heute am Rathaus zu sehen.
Die Arbeit der Polizei ist seit den 70 – ern immer schwieriger und anspruchsvoller geworden. Deswegen wurde 1997 ein neues Konzept entwickelt, um diese Anforderungen organisatorisch besser zu bewältigen. So soll zum Beispiel die Schutzpolizei vermehrt in die Bekämpfung der Kriminalität einbezogen werden und die Abschnitte einen stärkeren Bezug zu ihrer Region und ihren Bürgern erhalten. Bei der Umsetzung des als „Berliner Modell“ bekannt gewordenen Konzeptes wurden viele Abschnitte zusammengelegt. Auch die beiden bisherigen Polizeiabschnitte 66 und 67 wurden im November 2006 zu einem Abschnitt fusioniert. Der neue Abschnitt 66, zu dem die Polizeistation in der Bölschestraße gehört, ist nun für Köpenick zuständig. Zur besseren Vorstellung: Hier leben rund 118.000 Einwohnern auf einer Fläche von 127 km_.
Polizeihauptkommissar Ronald Söhle ist jedenfalls stolz auf seinen Arbeitsplatz im ehemaligen Rathaus. Ihm gefallen die Goldverzierungen, die Stuckelemente und die Wandmalerei, die das Gebäude zu etwas Besonderem machen. Er zeigt auf Nachfrage bereitwillig Interessierten das Haus und seine Besonderheiten. Bei einem Blick auf den Alten Fritz im Ratssaal zerstreut er die Befürchtungen, dass ein baldiger Auszug des Polizeireviers bevorstehe. „Nein, bis zur vollständigen Umsetzung des Berliner Modells bleibt der Standort erhalten“, erklärt er. Der Umzug in die Karlstraße käme wegen der begrenzten Räumlichkeiten nicht in Frage und in Grünau müsse erst ein neues Gebäude errichtet werden. Obwohl auf der Homepage der Polizei ein Umzug im Sommer 2008 ankündigt wird, schätzt er, dass die Polizei bis 2010 oder 2012 in Friedrichshagen bleiben werde.
Was nach dem Auszug der Polizei mit dem historischen Gebäude geschehen soll, ist noch unklar. Aus Kreisen um die Köpenicker Bürgermeisterin heißt es, dass an eine Nutzung für Vereine gedacht wird. Einzelheiten seien aber noch ungeklärt. Derzeit wird der Ratssaal als Schulungs- und Sitzungsraum der Beamten genutzt, auch der Bürgerverein tagt hier. Gelegentlich finden Konzerte statt und für besondere Anlässe kann der 72 m2 große Raum gemietet werden.
Dem alten Fritz an der Wand ist es gewiss egal, wer den Ratssaal künftig nutzen wird. „Der erste Diener des Staates“, wie er sich nannte, schaut noch immer von seinem Ross auf seine Untertanen herab. Schon zu Lebzeiten hat er nicht allzu viel Nähe zu den Friedrichshagenern gezeigt. Ob er ihnen jemals einen Besuch abstattete, ist historisch nicht bewiesen. Sicher ist aber, dass die heutigen „Staatsdiener“ mehr Bürgernähe beweisen als der Gründer.


Tatjana Rabe

Ein Beitrag von Tatjana Rabe

Betriebswirtin und Fachjournalistin, arbeitet als K arriereberaterin. Ist genau, eigenwillig und aufmerksam. Wird oft mit Friederike Hagen verwechselt. Zitat: "Ich will ja nicht streiten, aber Recht behalten schon."