Es ist gar nicht lange her, da nannte man die Historiographie der Sexualität noch Sittengeschichte. Weniger die Zunft der Historiker bekümmerte sich um Phallussymbolik und Freudenhausgeschichten, um humane Fortpflanzungsgepflogenheiten und die kulturellen Codes der Semantikverschiebung von Geilen und Wichsern und Bumsern. Vielmehr war das weite Feld der körperlichen Lust eine Spielwiese von Medizinern, Anthropologen und Ethnographen. Am Sexspiel wurde der moralische und zivilisatorische Zustand vergangener und gegenwärtiger Gesellschaften gemessen, Sex als omnipotente und omnipräsente Triebkraft der Geschichte festgestellt. Man entdeckte und beredete in Fachmagazinen und am Boulevard die geschlechtlichen Lebensäußerungen der Primitiven wie die heimlichen Gelüste und erotisch-pornographischen Zielsetzungen der bürgerlichen Welt; erkannte Repressionen und forderte Revolutionen, erfand Feminismen und Homophobien, psychoanalysierte Mutters Opa und das eigene Kind, traktierte den Koitus anal, oral und vaginal – mit Männchen, Weibchen und Schäflein. Wirkungsmächtig wurde Gott entleert.

Heute ist nun alles vielstimmig und immer und überall beredet und sehr normal – reden wir über unseren Sex. „ALLE WOLLEN MEHR SEX“ verkündet die BILD-Zeitung und auch Michelle Obama verrät der beischlafgeschichtsinteressieren Weltöffentlichkeit von höchstem Throne: „Our Sex Life has never been more open, more experimental, more generous.“ Und zum neuen Quotenhöhepunkt bei ProSiebenSat.1 soll die „Sex-Box“ werden, wenn im Fernsehstudio live on stage das Paarungsverhalten williger Probanden der Begutachtung einer Jury sowie eines Millionenpublikums unterzogen wird. Kurzum und mit Israels alttestamentarischem König Salomo gesagt: „Im Grunde gibt es überhaupt nichts Neues unter der Sonne. Was gewesen ist, das wird wieder sein; was getan wurde, das wird wieder getan.“ Eine frohe Botschaft der Bibel, denn normal ist: wie es uns gefällt. Normen bestimmen den Grad der Befriedigung.

Ohne Prüderie erzählten die Ägypter, dass ihr erster Gott, Amun, ein bewährtes sexuelles Mittel wählte, um die Schöpfung in Gang zu bringen: Er masturbierte. Die Götterwelt der Ägypter selbst formte sich aus Inzest. Das Patheon der alten Griechen gebar sich aus Outdoorpaarungen, Vergewaltigungen und Orgien. Das antike Symposion war nicht allein die literarische Diskussion. Es war Trinkgelage und Sexorgie situierter Männer. Es gab Bordelle für jeden Geschmack und Staatsmann Solon legalisierte die Päderastie, gab denen, die Homosexualität praktizierten, Macht und Einfluss im Staat. Knaben in Sparta sollen im Alter von zwölf Jahren einem älteren militärisch-gestrengen Liebhaber gefolgt sein, und auf der Insel Lesbos lebten ausschließlich Frauen liebende Frauen. Diogenes führte die Mode der öffentlichen Masturbation ein und betrachtete Inzest als ganz normal.

Geschlechtsverkehr findet mit denen statt, die Befriedigung suchen. Nur der Ärztevater Hippokrates hielt Sexualität für gesundheitsschädlich und glaubte, dass ein übermäßiger Verlust von Spermien zu Rückenmarkschwund und zum Tod führe. Und im Abseits mit ihm der spaßbremsende Rechtewinkelerklärer Pythagoras. Der antwortete auf die Frage, wann es beste Zeit für die Liebe sei: „Wenn man sich schwächen will.“

Ganz anders der flammende Kaiser Nero. Der vögelte seine Mutter und ließ sich einen Knaben namens Sporus mittels chirurgischer Geschlechtsumwandlung zu einem ganz besonderen Lustgespielen umwandeln, hielt mit diesem eine regelrechte Hochzeit, mit Brautschleier und allem, was dazugehörte, ab. Roms Kaiser Hadrian heiratete einen jungen griechischen Diener. Und Mädchen wurden mit zwölf Jahren geheiratet, ob sie nun geschlechtsreif waren oder nicht. Wer wollte, konnte es sogar mit noch jüngeren Mädchen treiben. Nach römischem Recht galten diese Kinder dann als „in domum deducta“, als „Heimgeführte“. Dagegen scheint der mittelalterlichen Community in Europa etwas die Puste ausgegangen zu sein. Zumindest literarisch wurden Frauen nicht allein als Sexualobjekte betrachtet, sondern zu geheimnisvollen, edlen Wesen stilisiert, deren Gunst es durch Heldentaten zu gewinnen galt. Kühne Ritter rammelten mit Schild und Schwert auf fiese Drachen, gemeine Riesen oder widerwärtige Zwerge los. Die Kunst der höfischen Liebe suchte, was die Liebe zwischen Eheleuten nicht geben kann. Doch ungehört bei Vielen blieb der heilige Thomas von Aquin, für den der eheliche Akt eine Entartung, eine Krankheit, ein Verderben der Unversehrtheit und ein Grund für Widerwillen und Abscheu war.

Den Spaßverderber im Allgemeinen gab die christliche Kirche. Wollust wurde Laster, die Vertreibung aus dem Paradies hatte nur einen Grund: Sex. Auf dem Index standen: Sex an allen Sonntagen, in der 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern, mindestens 20 Tage vor Weihnachten, Ostern und Pfingsten, zusätzlich an medizinisch begründeten Tagen, während der Menstruation wie in der Stillzeit – denn Geschlechtsverkehr „verderbe die Muttermilch“, die Folge: verkrüppelte Kinder und Epilepsie. Heimlich und hinter verschlossenen Türen, unter der Decke sollte gedeckt werden. Zwar durfte das bei manchem Grafen im Konkubinat geschehen. Und für den Unterschichtenspaß blieb die Badestube, wo coram publico die Scham über den nackten Körper im Akt verloren wurde. Aber Norm war nur der „natürliche Verkehr“ im Hafen der christlichen Ehe. Die sündenfreie Form der Sexualität.

Irgendetwas muss aber auch hier nicht so geklappt haben, wie es das Regelwerk vorsah. Denn Empfängnisverhütung war ein mittelalterliches Thema – hier wie zuvor und immerdar. Wenn die Zählung stimmt, schlugen Ärzte der Antike satte 413 Verhütungs- und Abtreibungsrezepte vor. Dabei empfahl man den Männern, ihren Penis mit Essig einzureiben. Frauen riet man, den Kot des Krokodils in gegorenem Pflanzenschleim zu zerstoßen und als Scheidenzäpfchen einzuführen. Der coitus interruptus wird in der Geschichte von Judah und Tamar, im Buch Genesis, erwähnt. Wer kennt die Methode nicht? Islamische Ärzte empfahlen um das Jahr 1300 die Anwendung von Teer, Zwiebelsaft und Balsamöl, gerieben auf dem Penis. Oder mit Granatapfelbrei getränkte Tampons für Frauen. Kondome kannte das alte Ägypten. Eine Art Überzug aus Tierdarm erfreute sich der Beliebtheit. Ein italienischer Anatom entwickelte um das Jahr 1500 ein Leinenkondom. Und Casanova, der berühmte italienische Schürzenabstreifer, benutzte Kondome aus Schafsdarm und aus Leinen, zu der Zeit als Goethe seinen Werther sich um Mitternacht vor Heiligabend die Kugel geben ließ. Es wurde experimentiert mit Baumwolle und mit Schwimmblasen der Fische oder dem Blinddarm von Schafen. Bis der Fromms die Welt erlöste.

Am 18.10.2014 wird um 10:30 Uhr in der Friedrichshagener Str. 38 in Köpenick vor dem Kaufland ein Stolperstein für Julius Fromm verlegt. Jenem Julius Fromm, der mit seiner Freudenspende aus Köpenicker Fabrikation die Welt zu belustigen half. Aber davon erzählen wir beim nächsten Mal.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“