wpid-schwarz_fmtDer Schauspieler Jaecki Schwarz

Wären Eigennamen lediglich diakritische Zeichen, Klanghüllen ohne Bedeutungszusammenhang mit ihrem Träger, dann wäre es völlig egal, wie Dichter ihre Helden oder den Dichtern in ihren Ambitionen nahestehende Eltern ihre Nachkommenschaft nennen. Und auch sonst weisen Lara und Jaqueline, Anna-Sophie, Kevin und Lukas, Imke oder Friedrich eine Menge aus über die sichtbaren und unsichtbaren Zustände und Verwerfungen in Gemüt und Geldbeutel ihrer Boten und deren Adressanten.
Einstmals waren fremdländische Namen ein originelles Privileg gebildeter Leute. Mit beginnender Globalisierung und dem Aufkommen der Massenmedien wurde der exotische Name allgemeinverfügbar und somit massenkompatibel.

Bis an die Grenze des Seelenmordes treiben es manche Eltern, wenn sie ihre Kinder Galadriel oder Winnetou nennen. Man möchte meinen, cineastische Begeisterung oder Lesewut können auch pathologischen Seiten offenbaren. Geradezu harmlos war dagegen die Ambition einer Köpenickerin und angehenden Großmutter, die vielleicht einmal zu viel Charlie Chaplins Stummfilmtragödie „The Kid“ gesehen haben mag. Geschauspielert wird jenes Findelkind von einem gewissen Jackie Coogan, der als einer der ersten Kinderstars der Kinogeschichte gilt. Und so schwatzte die leinwandbeseelte Dame ihrer Tochter zur Namensgebung ihres Filius einen Jackie auf.

Nun wird nicht jeder Winnetou ein Häuptling und auch nicht jeder Friedrich ein Großer. Aber in diesem Falle wurde aus klein Jackie auch ein Star, kein Weltstar der Kinoleinwand zwar, nein, aber allemal einer der renommiertesten deutschen Schauspieler der letzten Jahrzehnte: Jaecki Schwarz.

Wenn Sie meinen, mir sei hier ein Fehler beim Schreiben des Namen unterlaufen: Mitnichten! Dafür ist der Herr Standesbeamte (ich gehe einmal davon aus, es war damals ein Herr), verantwortlich, der den kleinen Namensamerikanismus kämpferisch unterband und aus Jackie schlicht Jaecki machte.

Machte dem Buben wiederum gar nichts, seinen Weg ging der auch so. Zuerst – wie man es von angehenden Schauspielern nicht anders erwartet – gab er, nach eigenen Angaben, erste Vorstellungen seiner Kunst im hochoffiziösen Rahmen des Schulunterrichts als allgemein anerkannter Klassenclown – was seine Zensuren allerdings nicht bedeutend verbesserte. Ein mittelmäßiger Schüler sei er gewesen, sagt Jaecki Schwarz später von sich, einer, der das Abi gerade so geschafft habe, in Geschichte und Deutsch aber leidlich gut gewesen sei und von Mathe und Chemie immerhin etwas begriffen habe.

Sehr gut begriffen hatte er dagegen, wie man anderen mit Gesten, Minen und Worten die Dinge des Lebens keck oder phantasievoll, ernst oder schlagfertig darstellt. Hier entwickelte der junge Schwarz einen ehrlichen Willen. In der Schule spielte er Theater und im Deutschen Theater, im dortigen Jugendclub. Zweimal bewarb sich Jaecki Schwarz erfolglos an Schauspielschulen, lernte den Beruf des Fotochemiefacharbeiters. Die „Hochschule für Film und Fernsehen“ in Potsdam-Babelsberg ließ ihn, das war 1965, bei seinem dritten Anlauf zum Studium zu. Hartnäckigkeit hatte er bewiesen, die für seinen Beruf von Vorteil ist.

Und das Glück, das einer braucht, um voranzukommen, das hatte er in gewisser Weise auch. Als Konrad Wolf, einer der begabtesten, der anspruchvollsten Regisseure der DEFA einen jungen Schauspieler suchte, die Hauptrolle für den Antikriegsfilm „Ich war Neunzehn“ zu besetzen, fiel die Wahl auf Schwarz.
Heute sagt er rückblickend, zählt dieser Film, sein erster, zu den künstlerischen Höhepunkten seiner Arbeit – und fügt erklärend hinzu, dies läge an der künstlerischen Ausnahmestellung, die der Film in allen seinen Facetten darstelle. Mit 22 Jahren war er mit einem Mal bekannt und auch Nationalpreisträger erster Klasse in der DDR. Seine Ausbildung an der Schauspielschule führte er jedoch selbstredend zu Ende, wie es sich damals noch gehörte.

1969 gab Schwarz in Magdeburg sein Bühnendebüt. Selbst noch Student, spielte er die Rolle des Famulus der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät Karl-Heinz „Quasi“ Riek in der Bühnenfassung von Hermann Kants Roman „Die Aula“. Am Magdeburger Haus mimte Schwarz noch einige Jahre, bis er 1974 zum Mitglied des von Brecht gegründeten und von Helene Weigel geleiteten „Berliner Ensemble“ berufen wurde. Dort blieb Jaeckie Schwarz von nun an 23 Jahre lang, wurde zu einer in Stadt und Land beachteten Schauspielerpersönlichkeit. Er gab am BE den „Stalin“ in Volker Brauns „Lenins Tod“ und wirkte in vielen Brecht-Aufführungen mit, begeisterte das Publikum in Stücken von Gorki und Shakespeare, von Heiner Müller und Volker Braun.

Sicherlich gehörte Jaecki Schwarz nicht nur zu den meistengagierten, sondern auch zu den beliebtesten Darstellern der DEFA und des DDR-Fernsehens. In über 120 Rollen glänzt sein trockener Humor auf der Oberfläche der von ihm dargestellten Figuren, führt sein sensibler Charme häufig auf hintergründige Facetten menschlicher Charaktere, oftmals an Rändern ihrer Abgründe. Er beherrscht sein Fach.

Aber die eigenen Abgründe beherrschen oft ihn. Sein Leiden an der Zeit und ihren Umständen sehen nur die Freunde und einige Kollegen. Jaecki Schwarz trinkt und er ist schwul. Beides ist im Milieu der Künstlerkollegen nichts, was sonderliches Aufsehen erregt: „Es war vielleicht ein bisschen einfacher, als wenn man in der Schmiede oder der Kohlengrube stand oder bei der Reichsbahn war.“ Aber wenn sich nach der Arbeit die Türen der Theater und Studios hinter ihm schlossen, wartete eine andere, eine kalte, biedere Welt sozialistischer Kleinbürger auf ihn, die ihn so wenig verstand, wie er sie mochte.

In gewisser Weise ist er zwar privilegiert, darf als Schauspieler reisen, den Goldenen Westen sehen. Er überlegt jedes Mal, ob er den Rückweg antritt; entscheidet sich jedes Mal für Freunde und Familie – und empfindet doch bei jeder Rückkehr, „wie grau die DDR durch den ganzen Schmutz überall war, selbst das sozialistische Rot war sehr grau und sehr dreckig.“

Das Ende von all dem Schmutz erlebt er nicht live. Am 9. November 1989 steht er auf der Bühne des Berliner Ensemble. Nach der Vorstellung bricht sein Kreislauf infolge exzessiven Alkoholmissbrauchs zusammen und Jaecki Schwarz muss ins Krankenhaus. Seitdem hat er keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken.
Dafür blieb er dem Leben und seinem Publikum erhalten. Er nutzte die neue Zeit, seine Lebenspassion mit neuen Möglichkeiten zu gestalten. „Ich bin der festen �berzeugung, dass man in diesem Beruf nie ganz fertig ist, man lernt bis zum Schluss“, sagt er in einem Interview. „Wenn man die Schauspielschule verlässt, ist man noch kein Schauspieler und deshalb sind Laien, die in Serien und Soaps auftreten, für mich auch keine Schauspieler“ – nur weil „jeder, der ein Mal vor drei Menschen auf einem Nudelbrett gestanden oder in einem Film eine Wurze gespielt hat“ das denkt.

1997 musste sich Schwarz zwischen Film und Theater entscheiden. Beides zusammen war zeitlich nicht mehr zu schaffen für ihn. Er verließ das Berliner Ensemble, übernahm gelegentlich Gastrollen und hat ein paar Jahre später mit dem Theaterspielen ganz aufgehört.

Dafür grantelt er als kriminalisierender Beamtensnob, als Kommissar Schmücke, seit 1996 über die gesamtdeutschen Bildschirme. Mit viel Erfolg. Darüber hinaus arbeitet Schwarz als Sprecher für Dokumentarfilme, Hörspiele und ist bei Synchronisationen tätig, engagiert sich für die „Erinnerungsstätte der Homosexualitäten“ in Berlin-Mitte, schreibt und redet gegen die Alkoholabhängigkeit an, die „eine Krankheit und doch kein Makel“ ist.

Auch sein aparter Vorname wurde zu keinem Makel für seinen Weg auf Bühne und Leinwand. Allein: Die Tatsache, dass ein Name nicht jedenfalls ein Omen sein muss, darf zwar Beruhigung all jener sein, deren namentliche Kinoträume bereits ihre Bruchlandung auf Standesämtern und in Taufregistern erlebten. Mitnichten sollte sie aber diejenigen in ihren hochfliegenden Namensschöpfungen ermutigen, deren Kinder erst noch ins Leben zu schicken sind.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“