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Wer in den letzten Wochen an einer bestimmten Stelle auf dem Christophorus-Friedhof in Rahnsdorf-Wilhemshagen vorbeikam, hat vielleicht ein unruhiges Gepolter und Rascheln vernommen. Dort liegt nämlich der Lyriker und Erzähler Johannes Bobrowski beerdigt, der sich seit dem 14. November vergangenen Jahres unzählige Male in seinem Grabe umgedreht haben wird und momentan noch fleißig weiter rotieren dürfte. Denn an diesem Tag wurde im Rahmen einer Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Treptow-Köpenick angekündigt, dass der arg gebeutelte Finanz-haushalt für den Fachbe-reich Stadtbibliotheken unter Umständen in 2014 Schließungen notwendig werden lasse. Svend Simdorn, verantwortlicher Bezirksstadtrat für Weiterbildung, Schule, Kultur und Sport, betonte seinerzeit, dass alle Standorte auf dem Prüfstand seien. So auch die Johannes-Bobrowski-Bibliothek in Friedrichshagen.

Diese wurde erst im September 2003 nach umfangreichen Sanierungsarbeiten eröffnet und schließlich 2005 nach dem Schriftsteller Bobrowski, der nach seiner sowjetischen Kriegefangenschaft bis zu seinem Tod mit seiner Familie in der Friedrichshagener Ahornallee 26 lebte, benannt. Eine flugs ins Leben gerufene Bürgerinitiative namens BIBER (BIBliothek ERhalten) für den Erhalt dieser und sämtlicher weiterer Bezirksbibliotheken sammelte nun bereits am 16. Dezember 2013 während des 3. gemeinsamen Weihnachtssingens auf dem Friedrichshagener Marktplatz die ersten Unterschriften, da Simdorn im Februar 2014 ein Gesamtkonzept für den Fachbereich Bibliotheken vorlegen möchte. Am 16.01. konnten dem Stadtrat schließlich immerhin 500 Unterschriften samt Infomaterial überreicht werden. Dieser zeigte sich sehr erfreut über das konstruktive bürgerliche Engagement und befürwortete den Aufruf der Bürgerinitiative an alle Treptow-Köpenicker sich umgehend in der nächsten Bibliothek anzumelden und Titel auszuleihen. Bei entsprechenden Zahlen könne die Wirtschaftlichkeit der Einrichtungen nachgewiesen werden, was deren Schließung womöglich verhindert.
Dabei beliefen sich die Betriebskosten der Johannes-Bobrowski-Bibliothek 2012 gerade einmal auf 540.000 Euro – eine Summe, die der nicht im Betrieb befindliche Flughafen BER innerhalb von zwölf Stunden veranschlagt, so das Hauptargument der Bürgerinitiative. Ohnehin wurden in den letzten Jahren bereits sieben Bibliotheksstandorte ge-schlossen. Die Bobrowski-Bibliothek ist damit eine der letzten öffentlichen Kultureinrichtung zwischen Köpenick und Wilhelmshagen. Besonders beliebt ist ihr sogenannter Bestsellerservice „Schnell & Aktuell“: Gemeinsam mit vier anderen Bezirksbibliotheken werden seit Anfang 2005 begehrte Bestseller unkompliziert und kostengünstig verliehen. Für zwei Euro kann man auf Titel dieser Art zwei Wochen lang zugreifen. Eine Vorbestellung ist dabei nicht notwendig.

Ob die Initiative Erfolg hat, wird sich bald zeigen. Dann entscheidet sich auch, ob das Bildungsangebot in der Region weiter beschnitten wird – oder ob Johannes Bobrowski wieder in Frieden ruhen kann.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“