Nun werden wir in Friedrichshagen also doch noch unser blaues Wunder erleben. Zumindest, wenn es nach dem Willen der Initiatoren von „Dichter.dran“ geht. Mittlerweile hat sich die Initiative aus Reihen des Friedrichshagener Bürgervereins und der hiesigen Werbegemeinschaft Friedrichshagen e.V. zu einem netten Stadtteilfest gemausert. Seit 2005 darf man sich einmal im Jahr für ein (verlängertes) Wochenende von nahezu endlos geöffneten Konsumtempelchen links und rechts der Bölsche, neckischen Wahlsprüchen („MittendrIn Berlin! Die Zentren-Initiative“) oder von Theater, Musik und Beachvolleyball am Bölschestrand zu enthusiastischem Jubel verführen lassen.
Der Anspruch, die Tradition des „Musenhofs am Müggelsee“ fortzuführen, der hier um die vorige Jahrhundertwende – liest man die Veröffentlichungen der Dichter.dran Organisatoren – zu finden war, ist ganz dicht dran am Team von Friedrichshagen Dichter.dran: „Lassen Sie uns das reichhaltige Erbe zeigen – den Nachbar(inne)n, Besucher/innen, Freund(inn)en, Kund(inn)en und Interessierten“, kann man auf dem Friedrichshagener schirm dazu lesen. Auf geht’s. (Doch warum eigentlich nicht Interessiert(inn)en? – fragt sich der blauäugige Autor und leistet damit in vorauseilendem Gehorsam seinen gehörigen Beitrag zum Festivalmotto 2008?)
Womit wir also bei der Sache wären: Zum großen Dichter.dran Fest 2008 – es findet am 13. und 14. September diesen Jahres im übrigen parallel zum Bürgerbräu Brauereifest statt – lädt man unter dem Motto „Friedrichshagen macht blau“. „Ob blau bepflanzt oder mit blauen Vögeln bevölkert“ – der „gelungenste blaue Hof“ muss in Friedrichshagen jetzt endlich gefunden werden. Ins Blaue schaut man dann durch „Das fesselnste (sic!) blaue Fenster“. Man ist zu allem bereit! Und um dem Ganzen die würdige Krönung zu verpassen, planen die Macher gar einen Weltrekord – natürlich zur Verewigung im Guinnessbuch. Wie der konkret aussehen soll, weiß man noch nicht, als sich am 28. Februar die Vorderen der Initiative schon einmal im Bürgerbräu Restaurant ganz dicht ran machen an die Ergebnisplanung des Events. Stattdessen kann der etwas unkundige und verwunderte Gast dieses Thinktanks eine futuristische Nachrichtensendung verfolgen, in der am 15.09.2008 die Welt ob der Friedrichshagener Geschehnisse vor Staunen den Atem anhält.
Noch weiß also keiner so recht, wie man das mit dem Weltrekord hinbekommt – und vor allem weiß niemand, was man überhaupt anstellen soll, um der Welt einmal so richtig die Harke zu zeigen. Aber dafür hat man ja die schlauen Mitbürger – und fordert diese kurzerhand via Friedrichshagen Konkret, dem ultimativen Infoblatt des Berliner Südostens, auf, „die gemeinsamen Stärken und ihren Bezug zum Ort durch einen Weltrekordversuch zum Ausdruck zu bringen“. Dankenswerterweise kümmert sich die Arbeitsgruppe „Friedrichshagen Dichter.dran“ „um die Anmeldung bei der Redaktion des Guinness Buch der Weltrekorde und alle weiteren organisatorischen Arbeiten und Vorbereitungen.“ Verbeugung!
Nun wird sie also gemeinschaftlich gesucht, „DIE Idee für das große Vorhaben“. Die Kräfte scheint man bei Dichter.dran wohlbedacht zu konzentrieren und sich dabei auf das Wesentliche zu beschränken. So lesen wir auf der Homepage (www.dichterdran.net) ganz aktuell: „Unsere Internetpräsenz zeigt Ihnen vorallem (sic!) Eindrücke aus Friedrichshagen und stellt den Festivalerfolg des Festes im Jahr 2005 dar.“ Gratulation – nachträglich. Ein bisschen fixer als auf ihrer weltweiten Infoplattform möchte es also schon zugehen, beim Weltrekordversuch. Was sollten sonst die ausgehungerten Nachrichtenagenturen zwischen Boston und Shanghai an jenem ominösen 15.09.2008 zu berichten haben?
Ob das Maulbeerblatt seine Septemberausgabe in Azurblau herausgeben oder kollektiv Karpfen Blau kochen wird, oder ob die Macher sich entschlossen mit dem Motto der Weltrekordambitionierten solidarisieren und einfach mal einen Monat blau machen, wissen wir heute noch nicht – denken aber in unseren Hausgemeinschaften ernsthaft darüber nach. Prosit.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“