Das wird ein Fest!

Steht Weihnachten vor der Tür, freut sich niemand mehr als er. Endlich kommt wieder Schwung in seine müden Knochen, ist wieder voller Einsatz gefragt. Das ganze Jahr hat er am warmen Ofen gehockt, den alten Sack repariert, das Rentier aufgepäppelt, Berge von Briefen gelesen und abertausende von Wünschen studiert – die meisten unerfüllbar, der Rest Kinderkram. Für gewöhnlich versetzt ihn die frohe Erwartung um diese Zeit in Hochstimmung. Das Rentier ist in Topform, der goldenen Schlitten auf Hochglanz poliert. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Eine ungewohnte Anspannung erfüllt den Raum. Bereits zum zehnten mal hat er seinen weißen Bart gebürstet und schon wieder dreht er sich vor dem Spiegel hin und her. Zweifel zeigen sich in seinem Blick. Würde er nicht um Jahre jünger wirken, glatt rasiert mit markantem Kinn?

Und dann erst dieser Mantel! Geht kaum noch zu das verschlissene Ding, und überhaupt, rot macht dick und war noch nie seine Farbe. Im Internet hat er sich unlängst einen blauen Zweireiher bestellt mit blinkenden Knöpfen, streng tailliert. Natürlich kann man den auch offen tragen. Dazu gibt’s dann Bluejeans mit weitem Schlag, so dass sie lässig über die Stiefel fallen. Würde nicht eine breite Krawatte im Weihnachtskugellook als sichtbares Berufsmerkmal genügen? Ein zufriedenes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. Beschwingt trabt er ins Badezimmer und nimmt die Schere zur Hand. Doch halt! Ist der Bart erst ab, ist er ab! Der Mantel ließe sich rückstandsfrei entsorgen, das Rentier ebenfalls, denn womöglich sollte er besser sportlich mit dem Wagen vorfahren, zweimal hupen und schon wäre sie da – sie – mit den staunenden Augen eines Kindes, mit diesem Lächeln, in dem so viel Vorfreude und Erwartung liegt. Doch was dann? Wird sie ihn erkennen – ihn – ihren lang erwarteten, heiß ersehnten, wahren und einzigen Weihnachtsmann? Mutlos lässt er die Schere sinken, wirft sich den Sack über die Schulter und macht sich schweren Schrittes auf seinen alljährlichen Weg…

 


Sebastian Köpcke
Ein Beitrag von

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“


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