Maulbeere Dietrich

Hilfe für die Behörde gibt es jetzt durch „Ordnungsamt-online“

Dass das Ordnungsamt die Gemüter bewegt, hätte man nicht gedacht. Wenn es so weitergeht, wird die Behörde bald von einer Schar frei schaffender Innensenatoren kontrolliert. Vorbei das Stigma der Langeweile, vorbei der Glanz, der einst auf Vandalen, Parksünder und Schwarzgriller gefallen ist. Zwar gibt es immer noch Attacken auf Frauen und Männer des Allgemeinen Ordnungsdienstes (AOD). Aber man sollte aufpassen, mit wem man sich anlegt.

Jedermann, der den kleinen Aufpasser in sich spürt, kann sich nämlich jetzt auf „Ordnungsamt-online“ austoben. Glaubt man den wahren Ordnungsamt-Chefs in Treptow-Köpenick, dem Stadtrat für öffentliche Ordnung, Michael Grunst (Linke) und der kommissarischen Leiterin der Behörde, Eva Pankow, nimmt die Internetplattform den 70 Mitarbeitern des Ordnungsamtes viel Arbeit ab. Bis September gab es die Zentrale Anlauf- und Beratungsstelle (ZAB), bei der die Bürgerschaft im letzten Jahr 9.040 Hinweise hienterließ. Aber die Bearbeitung war viel aufwendiger. 1.330 Begehren gab es auf „Ordnungsamt-online“, vor allem zum Verkehr und illegalen Abfallbergen.

Die glühenden Anhänger des AOD bekommen mit den Schwerpunktaufgaben für 2016 auch einiges geboten. Fast filmreif darf man sich den Einsatz gegen die Glücksspiel-Industrie ausmalen. Im Visier haben Eva Pankow und Michael Grunst die Spielautomaten in den Gaststätten. Die Mitarbeiter vom AOD – in Zukunft mit Pfeffer-Spray und stichfester Weste ausgestattet, weil es immer mehr Attacken auf sie gibt – betreten die Bar. Dazu eine markante Mundharmonika-Melodie, ein Schlaglicht fällt auf das Gesicht der kommunalen Ordnungshüter, dann auf den Wirt, der nicht weiß, ob er leugnen oder gestehen soll.

„Tatsache ist, dass in den Kneipen oft mehr Automaten aufgestellt sind als genehmigt“, so Grunst. Da nach Schätzungen des LKA pro Jahr 20.000 Euro durch so ein Gerät laufen, lohnt sich jeder zusätzliche Automat. Es geht um viel Geld und Grunst verrät, wie man dieses Problem lösen will. „Der Bezirk soll selber die Gewinne abschöpfen, die Gesetzeslage gibt das bereits her.“ Nur so, meint er, sei dieser Form von Glücksspiel beizukommen.

Wen das Retter-Syndrom umtreibt, für den ist auch die Schulwegsicherung, ein weiterer Schwerpunkt, spannend. Grunst will mit seinem Stadtratkollegen aus Lichtenberg die Gesetze dahingehend ändern, dass das Ordnungsamt auf Nebenstraßen Tempokontrollen vornehmen kann, bislang Sache der Polizei. „In anderen Bundesländern geht das schon, dass das Ordnungsamt Raser vor Schulen und Kitas blitzt.“ Zudem sollen Eltern auf Gefahren aufmerksam aufgemacht werden, auch darauf, dass es nicht gestattet ist, in zweiter Reihe zu parken, um den Schützling schnell in die Kita zu bringen. Drittens wollen Polizei, Ordnungs- und Jugendamt gemeinsam Jugendliche kontrollieren und vor Alkohol, Zigaretten und altersbedingten Dummheiten bewahren. Dazu sollen die Dienstkräfte die Treffpunkte des ungeratenen Nachwuchses im Auge behalten.

Der Hauptaugenmerk des AOD liegt dennoch auf dem ruhenden Verkehr: Knöllchen an Parksünder verteilen. Da weiß jeder Verfechter von Recht und Ordnung: Das ist keine Kavaliers-Ordnungswidrigkeit, Rettungswege und Behindertenparkplätze zuparken, ist rücksichtslos und gefährdet unter Umständen Leben. Wer sich dem Rechthaber-Trend entgegen stellt, sollte leise fluchen, sonst landet er als Größe in der Statistik. „2014 mussten Mitarbeiter vier verbale Angriffe aushalten, 2015 waren es elf“, so Eva Pankow. Der Stadtrat findet das nicht zum Lachen, zumal einmal ein Messer im Spiel war. Und da hört der Spaß wirklich auf. „Die Mitarbeiter tun ihre Pflicht und machen ihre Arbeit wie jeder andere auch“, sagt er. Von Abzocke will er nichts hören. „Wir wollen das Verhalten der Leute ändern, ein anderes Mittel als Geldbußen haben wir nicht.“

Ob das ein Vertreter der Innensenatorschaft auch so sehen würde, wenn man ihn beim Falschparken erwischt?


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"