Luisenhain Köpenick

Tobias Unterberg in Alt Köpenick

Er ist gar nicht sonderlich Furcht einflößend, vielleicht 80 Zentimeter hoch, fünf Meter lang, teilweise umwuchert von Büschen und Gehölzen. Aber eben unüberwindlich, weil er wie ein mahnender Fingerzeig der Behörde daherkommt. Die Rede ist von einem Zaun, den das bezirkliche Grünflächenamt dem Kunsthof Köpenick vor die Nase gesetzt hat. Dahinter steht die stumme Aufforderung: Bis hierhin und nicht weiter! So jedenfalls sehen es die Betreiber des Kunsthofs, seit an der Grenze zwischen ihrem Hof und dem Luisenhain dieses Holzgestell steht.

Worum geht’s? Nicht einfach zu erklären. Auf jeder Seite des Zauns hat man einen anderen Blick auf die Dinge. Hier die Mitglieder des Vereins Kunsthof Köpenick, die die Absperrung geschäftsschädigend finden. Dort die Verantwortlichen im Bezirksamt, die den Luisenhain, seine Gehölze und ein städtebauliches Konzept schützen wollen. Und so ist alles gekommen: Im August 2016 begann der damals neu eröffnete Kunsthof Köpenick, an der Straße Alt-Köpenick 12 gelegen, mit seinen Sonntagskonzerten. Am späten Vormittag geht’s los, beste Zeit, um sich nach dem Frühstück aus der Wohnung zu wagen und am Ufer der Dahme zu spazieren. „Unsere Konzerte locken regelmäßig Leute aus dem Luisenhain an“, erzählt Tobias Unterberg. Er ist selber Musiker und macht das Booking für die Konzerte. Vom Ufer bis in den Hof sind es nur ein paar Schritte. Im vergangenen Jahr war das kein Problem, wer die Musik hören wollte, duckte sich unter den Büschen durch und war mit einem Schritt vom Luisenhain in den Kunsthof gelangt. „Doch im April hat das Bezirksamt neue Gehölze gepflanzt und uns diesen Zaun vor die Nase gesetzt“, sagt Tobias Unterberg. Seither kommen die Gäste nur bis zum Zaun. „Wer in den Hof will, muss einen Umweg von fünf Minuten in Kauf nehmen. Offiziell gibt es nur den Eingang über Alt-Köpenick 12“, sagt Unterberg. Das sei vielen zu umständlich, Touristen zumal würden den Weg gar nicht erst suchen. Das empfinden Lutz Deckwerth aus dem Vorstand des Vereins Kunsthof Köpenick und Jens Schliwa, der zugleich das angegliederte Weinhaus führt, als Ungerechtigkeit, zumal es zwei Gastronomen im Luisenhain gibt, die man direkt über die Rasenfläche des Luisenhains betreten kann. „Und unsere Besucher richten doch keinen Schaden an“, sagt Lutz Deckwerth.

Der Zaun muss weg!

Aber das sieht man auf der anderen Seite des Zauns, im Bezirksamt nämlich, ganz anders. Dort kam das Gebaren der Leute vom Kunsthof gar nicht gut an. „Man hat in der Weihnachtszeit durch nicht genehmigte Werbung – mit Schildern und Beleuchtung – Besucher des Luisenhains in den Hof gelockt“, führt der Stadtrat für Stadtentwicklung, Rainer Hölmer, aus. „Schon zuvor im Herbst sind in Trampelpfadbreite die Gehölze an der Grenze zum Weinhaus Schliwa zerstört worden.“ Im Frühjahr nun ist die Hecke neu gepflanzt worden, zu ihrem Schutz sei denn auch der Zaun vonnöten gewesen. „Er wird umgehend entfernt, wenn die Gehölze einen akzeptablen Zustand aufweisen.“ Der Zugang bleibt also versperrt, denn ob Gehölze die Gäste vom Besuch abhalten oder ein Zaun – das ist herzlich egal. Umso mehr haben sich die Macher vom Kunsthof gefragt, was so störend daran ist, wenn Besucher von der Wasserseite kommen. Nun, eine prinzipielle Frage verlangt eine prinzipielle Antwort. So verfiel man im Bezirksamt wohl auf die Idee, das städtebauliche Konzept der „Stadtharfe“ als Begründung ins Feld zu führen. Damit erhielt der Streit um den lächerlichen Zaun eine Bedeutung, die er eigentlich gar nicht verdient hat. Bezirksbürgermeister Oliver Igel beispielsweise ist er egal, Rainer Hölmer hält sich bedeckt, sagt weder richtig ja, noch richtig nein. Aber dennoch: Er steht, der Zaun!

Zurück zur „Stadtharfe“: Dahinter verbirgt sich die Umgestaltung des Luisenhains in den Jahren 2005/2006, die damals für 1,4 Millionen Euro aus dem Programm städtebaulicher Denkmalschutz gefördert wurde. Die Erfinder der „Stadtharfe“, die Mitarbeiter des Landschaftsplanungsbüro ST raum a. beschrieben die Sanierung des Luisenhain vor 15 Jahren folgendermaßen: „Eine das Gelände (des Luisenhains) umspannende Harfe spielt eine die Altstadt von Köpenick und das Wasser der Dahme harmonisch verbindende Komposition, ihre einzelnen Saiten erklingen durch die Wiederbelebung des Luisenhains und der historischen Wassergassen, die Öffnung der vorhandenen Höfe und die Schaffung neuer Passagen. So entstehen reizvolle Durchblicke vom Rathaus zum Wasser und umgekehrt.“

Kernsatz für Tobias Unterberg ist natürlich: „die Öffnung der vorhandene Höfe“. Auf einer Webseite der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung heißt es dazu sogar: „Die Höfe der Gebäude an der Straße Alt-Köpenick öffnen sich zum Grün, Cafés nutzen die neu gewonnene Attraktivität.“ „Das, was wir hier machen, ist doch ein elementarer Bestandteil dieses Konzepts“, findet Tobias Unterberg. Konsequent angewendet, könne man so die gesamte Altstadt attraktiver machen. Als er beim Bezirksamt um Unterlagen der „Stadtharfe“ gebeten hatte, bekam er keine. Also besorgte er sie bei den Landschaftsarchitekten. Bei der Lektüre stieß er auf den Satz mit der „Öffnung der Höfe zum Grün“. Im Bezirksamt scheint man mit anderen Plänen zu arbeiten. Rainer Hölmer jedenfalls sagt: „Der zitierte Satz bezieht sich nur auf die Höfe, über die die historischen Durchgänge führen. Es war nie Konzeptinhalt, alle Höfe zur Grünanlage hin zu öffnen.“ Zwar habe es früher mehr Gassen gegeben, die die Altstadt mit dem Ufer verbanden. „Aber nicht in jedem Fall haben die Anlieger dieser Idee bei der Sanierung zugestimmt.“ Und so endet manch alter Durchweg heute an der Grenze zum Luisenhain. Und: „Das Grundstück des Weinhauses Schliwa liegt nicht an einem der historischen Durchgänge.“

Immerhin hat der Stadtrat einen Kompromiss angeboten: Die neu bepflanzte Hecke soll auf eine Höhe getrimmt werden, dass man vom Luisenhain in den Hof sehen kann. Ein Schild weist neugierigen Spaziergängern den 500 Meter langen Weg ins Weinhaus Schliwa. „Sollte Jens Schliwa unserem Vorschlag zustimmen, verschwindet der Zaun sofort“, so Hölmer. Die Mitglieder des Kunsthof-Vereins haben noch nicht darauf reagiert, lassen aber auch nichts unversucht. Im Oktober haben sie jeden Donnerstag eine Menschenkette organisiert, die idealerweise vom Kunsthof bis zum Rathaus Köpenick reichte. Dabei skandierten die Demonstranten: „Der Zaun muss weg!“ Gleichzeitig läuft seit dem 13. August unter dem Titel „Der Zaun muss weg“ eine Petition im Internet, die für den Abbau des Zauns wirbt. „1.000 Unterschriften haben wir schon zusammen“, sagt Lutz Deckwerth. Mit diesen Stimmen kann man einen Einwohnerantrag stellen und sich in der BVV Gehör verschaffen. Außerdem plant man im Kunsthof für das Ende der Petition am 9. November eine besondere Überraschung …


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"