Helmut ‚Zigarette‘ Schmidt, hat einst diesen kernigen Satz geprägt. Er zählt heute, wie auch Der Ball ist rund!, Bring mir mal ne Flasche Bier! und Opposition ist Mist!, zum reichen Zitatenschatz des Landes der Dichter und Denker. Und natürlich ist man geneigt, dem Alten Recht zu geben, fallen doch jedem sofort drei Hände voll glühender Visionäre ein, die man zugunsten handfester, verlässlicher Pragmatiker gerne auf den Mond schießen würde. Nimmt man sich jedoch eine Zigarette lang Zeit, das Ganze in Ruhe zu bedenken, wird man sich alsbald fragen, ob es nicht doch die Visionäre sind, die den Mensch vom Affen unterscheiden und ihm den aufrechten Gang verleihen. Ihrer historischen Bestimmung folgend, hatten sie schon immer das Bestehende in Frage zu stellen und ihre Glücksverheißungen in lichter Zukunft zu verorten. Wurde es den Pragmatikern zu bunt, nagelten sie den Visionär kurzerhand ans Kreuz, ließ ihn in der Arena mit den Löwen um die Wette laufen oder stellten öffentlich seine Hitzebeständigkeit auf die Probe.

Bot sich den Visionären die Chance, ihre Vorstellungen zum Wohle aller auszuleben, war dies oftmals ebenso von Übel, denn um sich ihrem hehren Ziel zu nähern, verfuhren sie nicht selten auf die gleiche pragmatische Weise. Wie dem auch sei, der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. So ist die Mehrheit der Weltbevölkerung längst davon überzeugt, dass die Erde eine Kugel ist, welche sich um die Sonne dreht. Auch Visionen brauchen also ihre Zeit. Wer hätte gedacht, dass Menschen eines Tages zum Mond fliegen würden? Wer hätte damals darauf gewettet, dass wir den Mauerfall erleben würden? Wer hätte sich vorstellen können, dass Deutschland einen Hund zum neuen Supertalent wählt? Und ganz ehrlich, wer war vor drei Jahren wirklich sicher, dass er heute die 30. Ausgabe des Maulbeerblattes lesen könnte? In diesem guten Sinne bleiben wir auch weiterhin visionäre Pragmatiker und pragmatische Visionäre!


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“