Alte Apotheke wird neuer Anwohnertreff
Nach der Kündigung für das Bürgerhaus hat der Ortsverein Alternativen gefunden. Veranstaltungen finden künftig an mehreren Orten statt.

Dieser Beitrag wurde nach der Sitzung des Ausschusses für Weiterbildung und Kultur vom 28.11. 2018 überarbeitet und gemäß der neuen Sachlage aktualisiert.
Das geschlossene Tor des Bürgerhauses Grünau
Foto: Björn Hofmann

Die Erleichterung ist ihr anzusehen: Minka Dott, langjährige Vorsitzende des Ortsvereins Grünau, hat einen Erfolg zu vermelden. „Wir haben eine Alternative für das Bürgerhaus gefunden, damit es auch weiterhin Kultur und Soziales in Grünau geben kann“, sagte sie am Mittwochabend (28.11.) vor dem Kulturausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV).

Nach der Kündigung durch den Eigentümer und dessen Weigerung, mit dem Bezirksamt Treptow-Köpenick über einen neuen Mietvertrag für das Bürgerhaus an der Regattastraße zu verhandeln, stand zu befürchten, dass es im Ortsteil künftig keine Konzerte, Sprach- und Sportkurse sowie Anwohnerdebatten zu kommunalen Themen geben wird.

Doch jetzt kann das vielfältige Programm, das der Ortsverein seit 28 Jahren ehrenamtlich organisiert, weitergeführt werden, wenn auch mit einigen Änderungen: Es wird mehrere Orte für Veranstaltungen geben. Die künftige Zentrale soll die ehemalige Apotheke an der Wassersportallee 34 sein.

Noch muss das Bezirksamt die Modalitäten für einen Mietvertrag mit dem Hauseigentümer verhandeln, aber alle Seiten geben sich optimistisch. Ziel ist es, in dem neuen Quartier die Zeit bis zum geplanten Umzug des Ortsvereins in die dann sanierte Regattatribüne im Jahr 2022 zu überbrücken.

„Die Vertragsvorbereitungen laufen ab sofort, Wille und Geld von Bezirksseite sind vorhanden“, sagte Kulturstadträtin Cornelia Flader (CDU).

Noch müsse offiziell geprüft werden, ob sich die neuen Räumlichkeiten, die unweit vom Bürgerhaus liegen, eignen. Minka Dott ist sicher, dass es so ist: In der ehemaligen Apotheke im Erdgeschoss des Wohnhauses gebe es zwei unterschiedlich große Räume, eine kleine Küche, eine Toilette und ein Büro. Der größere Raum sei geeignet für Lesungen, Filmvorführungen und das beliebte Puppentheater für die sechs Kitas im Ort. Im kleineren Raum könnten die Sprachkurse weitergeführt werden. Auch einen Außenbereich gebe es.

Weitere Veranstaltungen, ob Sport oder klassische Konzerte, sollen an anderen Orten in Grünau stattfinden. Im Gespräch ist man hierfür mit der Kita gegenüber der ehemaligen Apotheke, in der auch der Flügel aus dem Bürgerhaus untergestellt werden soll, desweiteren mit der gemeinnützigen Organisation USE und mit der Friedenskirche. Auch die Sporthalle an der Uferbahn könnte zeitweise genutzt werden, wie Stadträtin Flader sagte.


Ein Symbol für Bürgerengagement

Dass der Ortsverein das Bürgerhaus verlassen muss, ist ein tiefer Einschnitt im Ortsteil. Denn das Bürgerhaus ist weit mehr als ein Kulturhaus. Es ist ein Symbol für Bürgerengagement. Die Villa, ehemals Eigentum des Textilfabrikanten Alfred Fisch, der nach dem 2. Weltkrieg in den Westen ging, war zu DDR-Zeiten eine Stasi-Zentrale im Südosten. Anfang 1990 besetzten Grünauer Bürger das Haus. In mehr als 8.000 Stunden entrümpelten sie die Villa, rissen von der Stasi gemauerte Wände ein und stellten so das großzügige Innere der Villa wieder her.

Im März 1990 wurde der Ortsverein gegründet, am 29. April fand die erste Veranstaltung statt: Stefan Heym, der in Grünau wohnte und lange Jahre von der Stasi bespitzelt worden war, las im überfüllten Saal aus seinen Manuskripten. Im Herbst 1990 übernahm das Kulturamt Köpenick die Trägerschaft des Hauses, erste Kurse und Veranstaltungen wurden organisiert.

Im Jahr 2001, nach langem Rechtsstreit, wurde das Haus an die Erben des Fabrikanten rückübertragen und einige Jahre später an einen Köpenicker Unternehmer verkauft. Das Bezirksamt wurde offiziell Mieter, der Ortsverein Grünau blieb Nutzer. „Die Grünauer mussten endlich nicht mehr in die Berliner City fahren, um Klassik, Jazz oder Kabarett zu erleben“, so Minka Dott. Inzwischen kommen mehrere Generationen ins Haus.


Ein Bauingenieur als Vermieter

Als sehr gut bezeichnete Dott die Zusammenarbeit mit dem Köpenicker Bauingenieur Heinz Bischoff, der die Immobilie im Jahr 2008 erwarb. Der Unternehmer sanierte, ohne wesentlich in den laufenden Betrieb einzugreifen. Es wurden neue Toiletten eingebaut, die Fassade teilweise erneuert und der alte Wintergarten abgerissen, an seiner Stelle entstand ein neuer. Im Café wurde ein origineller Schiffstresen aus Hamburg installiert, der Garten für Sommerfeste verschönert und im Foyer wurden edle Holzdielen verlegt.

Als im Dezember 2011 der alte Mietvertrag endete, brauchte es nur ein paar Gespräche, bis eine neue Vereinbarung für weitere drei Jahre fertig war. „Die Zusammenarbeit war gut, unser Verein fühlte sich wertgeschätzt vom Eigentümer“, so Dott. Als Heinz Bischoff im April 2014 starb, übernahm sein Sohn die Geschäfte.


Hohe Forderungen und Kündigung

Das Verhältnis zum neuen Eigentümer, der wie sein Vater auf der gegenüber liegenden Wasserseite in Wendenschloss ein Ingenieurbüro betreibt, entwickelte sich weniger positiv. Es gab hohe Instandhaltungs-Forderungen an das Bezirksamt und eine Kündigung zum Ende des Jahres 2017. Diese Kündigung konnte noch abgewendet werden.

Der Bezirk akzeptierte eine Mieterhöhung und die geforderte Einstellung eines Hausmeister. Auch die Untervermietung von Räumen, um die Mehrkosten zu erwirtschaften, wurde akzeptiert. Und man einigte sich schließlich auch auf lange strittige Kosten für lange vernachlässigte Schönheitsreparaturen in Höhe von etwa 100.000 Euro.

Doch ein neuer Mietvertrag, der die drei Jahre bis zum Umzug in die Regattatribüne überbrücken sollte, kam nicht zustande. Der Vermieter habe die Verhandlungen im September dieses Jahres abgebrochen und für gescheitert erklärt, teilte Bürgermeister Oliver Igel (SPD) mit.

„Der Ortsverein ist für uns ein wichtiger Partner. Diese Wertschätzung wird vom Eigentümer offensichtlich nicht geteilt“, sagte Igel.

Gern hätten wir den Hauseigentümer nach seiner Meinung gefragt, aber André Bischoff will sich zu dem Thema nicht äußern, wie eine Mitarbeiterin am Telefon mitteilte. Laut Aussage des Bürgermeisters bemängelt Bischoff vor allem die Arbeit des Ortsvereins. Das Potenzial des Hauses werde nicht ausgenutzt, vieles laufe in eingefahrenen Bahnen, der Ortsverein sei „nicht konstruktiv“. Dem widerspricht Minka Dott vom Ortsverein:

„Wir machen alles ehrenamtlich und mit viel Herzblut, mehr geht nicht“, sagt sie.

Die hohe Auslastung des Hauses spreche für sich. Jährlich finden an die 900 Veranstaltungen statt, die von gut 17.800 Menschen besucht würden. Die Grünauer sehen das Bürgerhaus als „ihr Haus“ an. An Ideen, mehr Geld zu erwirtschaften, mangelt es laut Dott dem Ortsverein aber nicht: So wurde vorgeschlagen, dass Ateliers in die Garagen einziehen könnten, die bisher leerstehende oberste Etage könnte Gästewohnungen beherbergen. Auch seien zusätzliche Events und die geforderte private Nutzung von Räumen durch den Eigentümer möglich – aber nur, wenn bereits gebuchte Veranstaltungen dadurch nicht gestört würden. Alle Gespräche über diese und weitere Vorschläge verliefen ergebnislos.

Anfang Dezember soll es nochmals Gespräche zwischen Bezirksamt und Eigentümer geben. Daran wird Minka Dott – als Vertreterin des Nutzers – nicht teilnehmen. Sie sei gar nicht eingeladen worden und wolle auch nicht zurückblicken, wie sie sagte:

„Wir machen jetzt den harten Schnitt und bereiten uns auf Neues vor.“

Im Gespräch war zuletzt, dass der Ortsverein das Haus für 14 Tage im Monat nutzen könnte, die andere Zeit soll dem Eigentümer, der laut Stadträtin Flader eigens einen Verein gegründet habe, für kommerzielle Events, die mehr Geld bringen sollen, vorbehalten sein. Eine Lösung, die vom Ortsverein abgelehnt und auch im Bezirksamt skeptisch gesehen wird.

Wahrscheinlich wird es bei dem Treffen aber ohnehin vorrangig darum gehen, wie die vom Bezirk geplanten Reparaturarbeiten im Haus ablaufen sollen. Unter anderem sollen dringend notwendige Elektro- und Malerarbeiten ausgeführt werden. Bis zum 31. Januar 2019, sagt Dott, soll das Haus geräumt sein.

Ortsverein und Bezirk suchen nach Unterstellmöglichkeiten für das Mobilar aus dem Bürgerhaus, für das in der alten Apotheke kein Platz ist. Stadträtin Flader ist auch hier zuversichtlich:

„Wir finden den Platz und helfen auch beim Umzug.“

Sie sei froh, sagt sie, dass das Netzwerk der Nachbarschaft in Grünau erhalten bleibt. Minka Dott kann trotz aller Freude darüber, dass die Arbeit des Ortsvereins weitergehen kann, ihre Trauer nicht ganz verbergen:

„Das Haus wird jetzt vom Bezirk schöngemacht, und wir müssen raus“.


Karin Schmidl
Ein Beitrag von

Diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“


Ähnliche Beiträge