Das Internet und seine Algorithmen – Was für ein Theater!
Die HS Ernst-Busch und das Theaterkollektiv minuseins laden ein

Netzpolitik auf der Theaterbühne:  >> Shakespeares Bladerunner 0.1 – Die Verwandlung der O. – Ein Labor <<

Es heißt: „Daten seien wohl das Öl des 21. Jahrhunderts.“ Facebook und die Post wissen das schon länger. Nun auch Gerd Landsberg, der Hauptgeschäftsführer des deutschen Städte- und Gemeindebundes, weshalb er auch Städten und Gemeinden vorschlägt die Daten der Bürger*innen zu verkaufen. Natürlich anonym. Und die Einnahmen sollen natürlich den Bürger*innen zu Gute kommen. Die netzpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Anke Domscheit-Berg gibt Beispiele:

“Daten von öffentlichen Verkehrsbetrieben können und sollten genutzt werden, um Straßen- und Tiefbau zu optimieren.”

Bleibt die Frage, ob wirklich die Bürger*innen profitieren oder am Ende große kapitalistische Fressmaschinen, die das ganz große Geschäft wittern. Neben der Wirtschaft und Facebook profitiert z.B. auch Trump von der Macht des Internets. Die Verflechtung von Social Media Algorithmen und politischer Weltlage nimmt zu. Fake-News, Status Updates, Big Data und 24/7 Unterhaltungsangebot. Alles da. Alles verwirrend.

Das Theaterkollektiv minuseins und seine Mitstreiter*innen knöpfen sich diese Algorithmen samt ihrer Verwirrung mal genauer vor.

Ihre Frage: Wie können aktuelle netzpolitische Themen auf Augenhöhe auf der Theaterbühne verhandelt werden? Wie kann man dieser hybriden Verflechtung von Internet, Politik und Alltag angemessen begegnen?

Das Stück >> Shakespeare’s ‚Bladerunner‘ 0.1 – Die Verwandlung der O. – Ein Labor << versucht erstmals ein solches Thema, also solche hybriden Zusammenhänge auch auf der Bühne und im Internet zugleich, also ebenfalls in einem hybriden Raum (d.h. analog und digital sind untrennbar, sie sind verbunden) zu verhandeln.

Die Verwandlung der O. ist die Geschichte einer Figur, die verschwunden ist. Das Stück beschreibt die Suche nach ihr. Angetrieben wird die Suche durch Daten, die sie im Netz über sich und ihr Leben hinterlassen hat und anhand der Daten, die andere von ihr haben: Überwachungsvideos, Audioaufnahmen, Standort-Daten, Nachrichtenverläufe etc. Diese werden collagiert und interpretiert.

Es gilt herauszufinden was mit O. passiert ist, in den letzten Wochen, Tagen und Stunden vor ihrem Verschwinden. Die Fragen die sie beschäftigen: Wer ist O.? Was ist mit O. passiert? Und warum ist mit O. passiert, was mit ihr passiert ist?


Es gibt viele Mutmaßungen

Spekulationen. Vielleicht sogar falsche Spuren, Lügen, Projektionen unterschiedlicher Personen, die sich fragmentarisch vor dem Publikum ausbreiten. Es wird versucht die Leerstellen zu füllen. Anhand der Daten, die dem Publikum präsentiert werden. Dabei entstehen einige Theorien, was mit ihr passiert sein könnte: Ist sie Opfer einer Verschwörung? Eines Stalkers? Einer Psychose? Einer Entführung? Ist sie untergetaucht? Hat sie ihre Identität gewechselt? Hatte sie eine Affäre? Einen neuen Freund? War sie schwanger? Krank? Waren Drogen im Spiel? Und wenn ja, wie viele? Oder war sie doch einfach an einer Enthüllungsstory dran, wollte man sie deswegen aus dem Weg räumen? Welche Argumente gibt es zu den jeweiligen Theorien? Das werden die Spieler*innen präsentieren. Jede/r Spieler*in ist mal O. und mal Zeuge.

Dabei bedient sich das Kollektiv verschiedenster Mittel: es gibt Leinwände mit Beamer-Projektionen, Musik, Performance-Elemente, Reenactments (auf der Bühne spielen die Schauspieler Szenen aus den Videos von O. nach, die parallel auf einer der Leinwände zu sehen sind), Anlehnungen an klassische Erzählungen, wie z.B. Hamlet und die Traumnovelle. Außerdem filmen sich die Schauspieler*innen während des Stückes selbst, was wiederum auch auf den Leinwänden zu sehen sein wird. Vieles läuft also parallel, genau so wie im Internet, wo sämtliche Informationen auf unterschiedlichen Kanälen gleichzeitig verfügbar sind.

Die Verwirrung auf der Bühne ist die Verwirrung unserer Figuren. Deren Verwirrung ist unsere Verwirrung in einer zunehmend hybriden Welt. Wer ist das eigentlich – dieses Internet?

Kommt vorbei und staunt! Das lohnt sich allemal! Wer weiß, vielleicht wird hier Theatergeschichte geschrieben? Wer das verpasst ist selber schuld.


Regie Roman Senkl Stückentwicklung/Labor Roman Senkl / minuseins / Material von “K.” Mit Leon Wieferich / Saladin Dellers / Maria Strauss / Vincent Kadus / Lisa Schützenberger Bühne/KostümAlbert Gitschthaler / Sean Keller Musik Lorin Brockhaus / Harald Günther Kainer Produktion minuseins Produktionsassistenz Mia Rainprechter und Lena Franke Kooperation mit onlinetheater / BAT Berlin / Hochschule für Schauspiel Ernst Busch / Theaterdiscounter


minuseins hat sich als freie Gruppe 2013 rund um die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch formiert. Mit disziplinübergreifenden Inszenierungen zwischen Bühne, öffentlichem Raum und Internet wird einer zunehmend hybriden Wirklichkeit auf Augenhöhe begegnet. Zu den bevorzugten Themen gehören Netzpolitik, Postkolonialismus und urbane Räume. In Zusammenarbeit mit dem onlinetheater in Bern entstand ein Live-Road-Movie-Theater; in einer einjährigen Meta-Inszenierung bespielten sie mit zahlreichen lokalen und internationalen Künstler*innen die Räume der minuseins.Galerie im Club Kultstätte KE//ER in Neukölln.


Wo: Theaterdiscounter Berlin und onlinetheater.live
Wann: 20./21./22./23. Juni um 20 Uhr


Lena Franke
Ein Beitrag von

Immer auf der Suche nach Bereicherung. Lebenshungrig und wissbegierig. Genussmensch mit Dickkopf. Zielstrebig und kämpferisch. Gesellschaftsfähig, aber gerne auch mal allein mit einem guten Buch im Bett. Zitat: „Jetzt nicht.“


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