Die Mittelpunktbibliothek in der Altstadt Köpenick

stillstand

Als im Jahr 2005 ein europaweites Bewerbungsverfahren für die Mittelpunktbibliothek am Alten Markt der Altstadt Köpenick, einschließlich der Erweiterung und dem denkmalgerechten Umbau und der Sanierung eines ehemaligen Schulgebäudes ausgeschrieben wurde, da war noch alles offen. Einst begrenzte die Ostseite des Platzes das eingeschossige Gebäude der Marktbörse, das um das Jahr 1825 errichtet wurde. Ab 1840 gab es darin eine Gastwirtschaft, die 1921 den Namen „Zur Marktbörse“ erhielt.

Gosener Bauern und Händler aus dem Oderbruch spannten hier ihre Pferde aus und versorgten sich mit Getränken. Überregionale Bedeutung erlangte die in der darauf folgenden Zeit zur Künstlerklause erhobene Marktbörse als Filmkulisse in dem Film „Spur der Steine“ mit Manfred Krug. Und 1964 drehte hier der französische Regisseur Robert Vernay den Film „Das blaue Zimmer“.Bis zum Abriss der Marktbörse und der angrenzenden Nebengebäude im Jahr 1983 war der historisch gewachsene Charakter des Alten Marktes erhalten geblieben.

In den städtebaulichen und architektonischen Zielsetzungen der Ausschreibung des Einladungswettbewerbes für Architekten zur Neubebauung des Alten Marktes heißt es: „Ziel des Wettbewerbs ist die Erlangung eines realisierbaren Entwurfs, der die funktionalen und wirtschaftlichen Anforderungen einer modernen Bibliothek erfüllt und sich auf überzeugende Weise mit den städtebaulichen und architektonischen Ansprüchen des Stadtraumes auseinandersetzt. Mit dem Bauvorhaben soll wieder ein kleiner Marktplatz in Anlehnung an die historische Situation entstehen.“

Die Wettbewerbsaufgabe bestand unter anderem darin, dass für das Gebäudeensemble ein Entwurfskonzept entwickelt wird, das gestalterisch sensibel mit dem denkmalgeschützten Bereich in der Altstadt Köpenick umgeht. Der Neubau sollte sich in den denkmalgeschützten Bereich einfügen und einen Platz ermöglichen, der die historische Situation aufgreift. Die Höhenentwicklung sollte sorgfältig auf die umgebende Bebauung abgestimmt werden. Aus 175 eingereichten Bewerbungen wurden sieben Wettbewerbsteilnehmer ermittelt. Im weiteren Verlauf des anonymen Wettbewerbsverfahrens wurde der erste Preis an das Architekturbüro Bruno, Fioretti, Marquez vergeben. Bei näherer Betrachtung der eingereichten Arbeiten nimmt im Grunde keiner der sieben ermittelten Wettbewerbsteilnehmer so richtig Bezug auf irgendetwas, das nur annähernd mit der historischen Situation der Altstadt Köpenick zu tun hat, mit dem Ort, an dem einst die Marktbörse stand.

In der Beurteilung des ersten Preises heißt es da gewichtig, dass das neue Gebäude ebenso traufständig steht wie sein Vorgängerbau. Die Dachkonstruktion thematisiere die umgebende Dachlandschaft und interpretiere sie eigenständig. Zusammenfassend wird festgestellt: „Der 3-geschossige, angenehm zurückhaltend wirkende Baukörper stellt einerseits die Konturen des historischen Alten Marktes wieder her, andererseits verhält er sich (auf der Nord-Seite) zu Gunsten seiner solitärhaften Wirkung selbstbewusst und verlässt die historische Flucht.“

Mutiger, ehrlicher und wahrscheinlich auch zeitgemäßer wäre es wohl gewesen, man hätte die Architekten von Vornherein zu einer freien Formensprache unter Einhaltung stadträumlicher Gegebenheiten angeregt. Die Antwort auf den Anspruch, dem Alten gerecht zu werden und trotzdem die Moderne zu verkörpern, kann eigentlich nur eine zeitlose Interpretation des gebauten Raumes sein. Sie ist kein Teil der gewachsenen Struktur, sondern erfindet sich gerade in dem jeweiligen Moment neu.

Ein Gebilde der Fantasie, das der Augenblick hervorbringt. Und wenn darin noch Bezüge, Metaphern zum Einstigen zu finden sind, dann wäre wohl gelungen, was Alt und Neu verbindet. Solange aber diese Ausdrucksform der heutigen Zeit verwehrt bleibt, werden Kästen in irgendwelchen Variationen entstehen. Sie sind uneindeutig und legen sich auf keine Funktion und auf keinen Ort, auf keine Identität wirklich fest. Die sogenannte Moderne hat sich längst überholt. Ständig werden die immer gleichen Aussagen reproduziert, das Denken wird begrenzt. Es folgt der absolute Stillstand. Wir haben ein weiteres Jahrtausend überschritten und sind doch im Geiste im alten Mief hängen geblieben. Die Freiheit im Denken und in der Sprache – was wäre das für eine revolutionäre Befreiung von den beschränkten Ausdrucksformen der heutigen Zeit. Welch ein Gebäude mit solitärhafter Wirkung hätte an der Stelle des Alten Marktes vollkommen selbstbewusst die historische Flucht verlassen können?

Die Bürgerbeteiligung im Vorfeld reichte gerade zu der Aussage, dass die vorgestellten Entwürfe z. T. recht massiv gegenüber dem kleinteiligen Umfeld wirken. Aus diesem Grunde würde man eher die kleinteilig gegliederten Entwürfe bevorzugen. Im Nachhinein gab es Unterschriftensammlungen gegen den „befremdlich wirkenden Steinklotz“. Die Architektur wurde von Anwohnern als Katastrophe bezeichnet. Sie sei zu wuchtig, zu aggressiv und damit unpassend für die historische Altstadt. In dem Erläuterungstext des Preisträgers wird die Leitidee folgendermaßen formuliert: „Die Form der Bebauung soll eine klare Definition des Straßenraums, eine präzise Artikulation des historischen Altmarktplatzes in den ursprünglichen zwei Bereichen sowie eine deutliche Hierarchie zwischen Platz und Bibliotheksaußenbereich schaffen.“

Nehmen wir es gelassen. Denn das, was dort steht, ist Ausdruck unserer Sprache, unseres Denkens, unserer Mitwirkung in diesem Prozess, als ein Teil von allem. Wir sind den historischen Strukturen nicht entwachsen, wir sind davongerannt. Und die eigentliche Katastrophe vollzieht sich im Innern. Denn dort sind wir wieder back to the seventies und damit schon lange Zeit keinen Schritt mehr vorwärts gekommen.