Menschenaufläufe
Dirk Zöllner über das Friedenskonzert in der Grünauer Friedenskirche

Als ostdeutscher Knabe war ich Fan der Comics von Hannes Hegen. Venedig mit Markusplatz, Canale Grande, Rialtobrücke - alles ist mir wundersam vertraut, bin ja dort mit den Digedags und Ritter Runkel unzählige Male durch die Gassen gestürmt. Selbige waren leider hoffnungslos verstopft, als ich nun den Spuren meiner jugendlichen Phantasie folgte. Die Herrlichkeiten dieser Welt spielen sich im Kopf ab! Und in der Natur, also an Orten mit keinen oder kaum Menschen.
Die Musiker des Friedenskonzertes 2019
Foto: Ronny Pabst

Als Köpenicker Lokalpatriot war ich mal beim 1.FC Union, aber grundsätzlich meide ich jedweden Menschenauflauf. Kollektive Meinungsäußerungen, verhalten sich meist konträr zum Menschsein. Der Gipfel ist das konzertierte

„Absaufen! Absaufen!

der Gartenzwergfraktion von Pegida. Aber auch dem Gegengebell der Partyrevolutionäre, kann ich nichts mehr abgewinnen. Hass zerfrisst unsere Gesellschaft, unsägliche Bilder dunkler Geschichte tauchen auf und die Fragilität der Demokratie kommt zutage.

Am 9. November dieses Jahres fand ein Konzert in der Grünauer Friedenskirche statt, also bei mir um die Ecke. Das Gotteshaus platzt aus allen Nähten und als ich mich – entgegen alle Gewohnheit – in die Massen dränge, wird der christliche Raum von Wellen fernöstlicher Klänge erfüllt. Links und rechts des Altarkreuzes ein siebenarmiger  Leuchter.

Die fetten Rhythmen entstammen einzig und allein einem mit Fell bespannten Tamburin, welches die syrische Künstlerin Berivan Ahmad bedient, die Töne den virtuosen Händen ihres Ehemannes Wassim Mukdad. Er spielt ein Instrument mit ganz vielen Saiten – eine Oud, wie ich später erfahre.

Die deutschen Liedermacher Goetz Steeger und Arno Schmidt steigen mit Keyboard und Akustikgitarre ein, zwischen den Welten bewegt sich virtuos der israelische Gitarrist Guy Strier. Das Köpenicker Cellotier Tobias Unterberg schwebt und verwebt.

Plötzlich erscheint die 90 jährige Aliza Vitis-Shomron auf einem großen Bildschirm. Sie floh als junges Mädchen aus dem Warschauer Ghetto und überlebte Treblinka. In zutiefst berührenden Worten bittet sie eindringlich darum, die Zeichen des wiederaufkommenden Faschismus rechtzeitig zu erkennen. Als sich herausstellt, dass Aliza zusammen mit ihrem Enkel, dem Folksänger Omri Vitis, extra aus Israel nach Köpenick angereist ist, entspringt der tiefen Stille ein orkanartiger Applaus.

Ich beobachte, wie unzählige Menschen in Tränen ausbrechen. Omi Vitis stimmt „S brent“ an, das Lied über eine brennende jüdische Stadt, Hymne des jüdischen Widerstandes. Er singt es auf jiddisch und hebräisch, Arno Schmidt und Goetz Steeger deutsch und Berivan rezitiert zu den Klängen ein arabisches Friedensgedicht.

Die Herrlichkeit, die Spiritualität der ganzen Welt kommt hier real zusammen und erreicht die Herzen der Menschen aus allen sozialen Schichten und wahrscheinlich aller politischer Anschauungen. Einer der schönsten Menschenaufläufe meines Lebens und mit Sicherheit das schönste Konzert des Jahres 2018!


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