Hohler Zahn mit Asbest
Das ehemalige Flüchtlingsheim an der Salvador-Allende-Straße sollte längst weg sein. Doch warum kommt der Abriss nicht voran? Welche Pläne haben Bezirk und Senat?

Wie ein hohler Zahn ragt die Ruine des Sechsgeschossers an der Salvador-Allendestraße 89-91 in die Luft. Das Gebäude, in dem von 1976 bis 2013 Senioren wohnten und danach bis Mitte 2017 Flüchtlinge untergebracht waren, ist zwar entkernt. Zerbrochene Fensterrahmen, Holz- und Leitungsreste sowie weiterer Abfall lagert hoch aufgeschichtet auf dem Grundstück. Längst sollte der Sechsgeschosser abgerissen sein, der Beginn eines Neubaus war für August 2019 vorgesehen.
Ein Bretterhaufen vor dem Flüchtlingsheim in der Salvador-Allende-Straße
Foto: Björn Hofmann
Doch wie so oft bei Bauvorhaben in Berlin verzögert sich alles – hier um mindestens ein halbes Jahr. Weil beim Abriss astbestbelastetes Material gefunden worden sei, heißt es aus der Senatssozialverwaltung, gestalteten sich Abriss und Schadstoffsanierung als sehr auffwendig.

MUF 2.0

Frühestens im Februar 2020 kann nun mit dem geplanten Neubau begonnen werden, abhängig von der Witterung, wie von der Senatsverwaltung betont wird. Errichtet werden auf dem Grundstück drei kleinere Sechsgeschosser, die um einen grünen Hof mit Spielplätzen gruppiert werden und durch einen Gang miteinander verbunden sind. Der Neubau ist eine so genannte MUF, eine modulare Unterkunft für Flüchtlinge, die in vorgefertigter Beton-Plattenbauweise und mit einem einheitlichen Grundriss zügig errichtet werden kann.

Laut Berliner Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten handelt es sich um ein Beispiel für eine neue Generation modularer Gebäude, die sogenannte MUF 2.0, die – anders als bei den bisherigen Gemeinschaftsunterkünften – über reguläre, abschließbare Wohnungen verfügt. Diese neuen Gebäude sollen qualititiv hochwertig sein und die Wohnungen langfristig nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für Studenten, Senioren oder Familien zur Verfügung stehen.

Es sind also ganz normale Wohnhäuser, die allerdings nach einem Sonderbaurecht errichtet werden. Dieses wurde vom Bund eigens für Flüchtlingsunterkünfte erlassen und bedeutet, dass MUF`s besonders schnell gebaut werden: auch in Gewerbegebieten oder auf Flächen, für die es noch keinen Bebauungsplan und somit keine zeitraubende Bürgerbeteiligung gibt. Das Sondergesetz läuft Ende des Jahres aus. Das Landesamt betreut aktuell rund 22.000 Flüchtlinge in etwa 90 Unterkünften. Das Amt ist für Menschen zuständig, über deren Asylanträge noch nicht entschieden wurde.

Auf insgesamt 54 Standorten in Berlin sollen MUF`s entstehen. Einige sind bereits fertig, andere werden gerade geplant. In Treptow-Köpenick wurden dafür neben der Salvador-Allende-Straße auch Standorte an der Späthstraße, am Fürstenwalder Damm, am Müggelseedamm, am Hassoweg und am Bohnsdorfer Weg in Altglienicke festgelegt. Dort, auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei, plant die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo Wohnungen für maximal 270 Flüchtlinge und für andere Gruppen.

Anwohner des eher kleinteiligen Siedlungsgebietes, in dem es vorwiegend Ein- und Zweifamilienhäuser gibt, laufen Sturm gegen die Drei- und Viergeschosser. Unterstützt werden sie von der AfD, die das Projekt wegen des Sonderbaurechts „perfide“ nennt und darin eine „Zerstörung des Siedlungscharakters“ in der Umgebung sieht.


Senat am längeren Hebel

An der Salvador-Allende-Straße sind 90 Wohnungen ausschließlich für Flüchtlinge vorgesehen: neun Einzimmer-Wohnungen, in denen bis zu zwei Personen unterkommen sollen, 42 Wohnungen sollen zwei Zimmer haben und für bis zu vier Personen vorgesehen sein. 15 Wohnungen haben drei Räume, 18 sind mit vier Zimmern ausgestattet und sechs haben fünf Räume für große Familien oder WG`s. Insgesamt sollen im einstigen „Allendehaus“ maximal 450 Bewohner unterkommen.

Proteste gibt es hier nicht, eher Enttäuschung. Denn auch die MUF an der Salvador-Allende-Straße ist nicht unumstritten, wenn auch aus anderen Gründen als in Altglienicke. Seit vielen Jahren schon hatte sich die Wohnungsbaugenossenschaft Amtsfeld um das Gebäude an der Salvador-Allende-Straße bemüht. Die Genossenschaft, die im Allendeviertel rund 2.600 Wohnungen mit knapp 5.000 Bewohnern bewirtschaftet, wollte dort einen Neubau für altersgerechtes Service-Wohnen sowie eine Kita bauen. Langjährige Bewohner – rund 40 Prozent der Anwohner im Viertel sind Erstmieter der Genossenschaft – hätten so ihren Lebensabend in vertrauter Umgebung verbringen können. Immerhin gilt das Allendeviertel als Wohngebiet mit der ältesten Bevölkerung in Treptow-Köpenick.

Doch obwohl die Genossenschaft, deren Mitglieder selbst aus 17 Nationen kommen, bereit war, auch Plätze für Flüchtlinge bereit zu stellen und so die Integration im Wohngebiet zu fördern, kam es zu keiner Einigung mit dem Senat: Die Sozialverwaltung wollte mindestens 400 Plätze für Flüchtlinge, die Genossenschaft konnte aber nur 40 in dem neuen Haus sowie einige wenige in anderen Wohnhäusern anbieten. Auch eine Teilung des Grundstücks für MUF und Genossenschaft war nicht möglich, dafür war es schlicht zu klein. Der südliche Grundstücksbereich ist wegen einer dort liegenden Abwasserleitung nicht bebaubar.

Die Entscheidung fiel schließlich gegen die Genossenschaft. „Schade, aber wir müssen akzeptieren, dass unser integratives Konzept keine Zustimmung fand“, sagte Dietmar Grosse, der damalige Genossenschafts-Vorstand dem Maulbeerblatt.


KIEZklub als Zuckerstück

Auch im Bezirksamt, wo man große Sympathie für das Genossenschaftskonzept hegte, war man enttäuscht. Bürgermeister Oliver Igel (SPD) und andere Politiker sowie die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) hatten sich vehement für die Genossenschaft eingesetzt.

„Statt zig Millionen Euro für MUF´s auszugeben, also für die Konzentration von Flüchtlingen an einem Ort, haben wir für einen Deal mit Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften geworben, um wirkliche Integration in den Wohngebieten hinzubekommen“, sagt Oliver Igel.

Erschwerend für die Gespräche waren auch die unterschiedlichen Zuständigkeiten im Senat: Für die Flüchtlinge ist die Sozialverwaltung zuständig, fürs Bauen die Bauverwaltung und für die Grundstücke der Finanzsenator. Dass dieser keine Veranlassung sah, ein landeseigenes Grundstück zu verkaufen, um an anderer Stelle für viel Geld ein anderes für eine MUF anzukaufen, liegt auf der Hand. Der Senat saß also am längeren Hebel und nutzt nun sein Grundstück selbst.

Damit aber die Anwohnerschaft nicht ganz leer ausgeht, gibt es für sie ein Zugeständnis: Im Neubau, der nach neuesten Berechnungen voraussichtlich im ersten Quartal 2021 fertig sein soll, soll es einen KIEZklub geben. Mehrere Räume im Erdgeschoss, versehen mit eigenem Eingang, sollen den Anwohnern zur Nutzung bereitgestellt werden. Und die Genossenschaft Amtsfeld soll ein Grundstück auf dem künftigen Wohngebiet am ehemaligen Köpenicker Güterbahnhof erhalten, um dort ihr Service-Wohnprojekt realisieren zu können.


Die Zukunft der Containerdörfer

Unklar ist indes, was aus den Containerdörfern im Bezirk wird, wenn die neuen Unterkünfte stehen. Geht es nach Bürgermeister Igel, soll das „Tempohome“ am Quittenweg in Altglienicke noch dieses Jahr wieder verschwinden.

„Das haben wir vor drei Jahren den Anwohnern versprochen, es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit“, sagt Oliver Igel.

Beim Senat hat man es da weniger eilig. Weil der Bau von Wohnungs-Modularbauten nicht so recht vorankommt, braucht man eine Weiternutzung der Tempohomes für die weitere Unterbringung von Flüchtlingen.

Geprüft werde aber auch „im Einzelfall“ die Nachnutzung durch andere Bedarfsgruppen wie beispielsweise Studenten, Azubis oder Wohnungslose, heißt es aus der Senatsverwaltung für Soziales. Mit dem Bezirk sei bisher zur Anlage am Quittenweg ein Gespräch geführt worden, bei dem es jedoch zu keiner Einigung gekommen sei.

Mit anderen Worten: Der Bezirk wird zwar gefragt, entschieden wird im Senat. Etliche Bezirkspolitiker schütteln die Köpfe: Besser könne man der AfD, die Stimmung gegen Migranten und die „die da oben“ mache, weitere Wähler nicht zutreiben, sagen sie.

Auch die Zukunft des ältesten Berliner Containerdorfs im Allendeviertel 2 ist offen. Vor fünf Jahren wurde die aus zwei bunten Gebäuden bestehende Unterkunft an der Alfred-Randt-Straße eröffnet. Am 10. September dieses Jahres brannte es im ersten Obergeschoss des größeren Gebäudes. Nur noch ein Teil dieses Gebäudes ist seither noch bewohnbar; derzeit ist laut Sozialverwaltung insgesamt Platz für 192 Menschen.

Weiter heißt es: „Die Unterbringung von Geflüchteten in der Alfred-Randt-Straße kann im Einvernehmen mit dem Bezirk bis zur erforderlichen Baufreiheit für eine Schulerweiterung im Wohngebiet erfolgen.“

Ob der zerstörte Teil des Containerdorfes saniert und dann wieder genutzt wird, müsse noch geklärt werden, teilt die Sozialverwaltung mit. Das heißt, auch dort steht noch nicht fest, wann die Container wieder abgebaut werden. Mittelfristig will der Bezirk auf dem Gelände eine Sporthalle bauen, für die dann sanierte Müggelschlösschen-Schule gegenüber. Doch was genau mit mittelfristig gemeint ist, bleibt im Dunkeln.

Berlin hat insgesamt 160 Millionen Euro für Wohncontainer für Flüchtlinge ausgegeben. Die meisten Anlagen entstanden nach dem Sonderbaurecht für Flüchtlinge und sind deshalb nur für drei Jahre genehmigt. Es gab aber bereits Anträge für eine Weiternutzung, die bereitwillig erteilt werden. In Treptow-Köpenick sind derzeit in neun Unterkünften etwa 1.500 Flüchtlinge untergebracht. Damit liegt der Südostbezirk im Mittelfeld aller Bezirke – zwischen gut 3.300 belegten Plätzen in Lichtenberg und 700 beziehungsweise 940 in Mitte und Reinickendorf.

 


Karin Schmidl
Ein Beitrag von

Diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“