Alternative City-ToilettenBerlin ist toll, aber viel gibt’s ja nicht, was richtig gut läuft oder rechtzeitig fertig wird. Jeden Morgen frustrierte Blicke in Smartphones, was gerade ist mit der S-Bahn oder den Baustellen. Immerhin klappt’s mit der Stromversorgung, dem sauberen Wasser, der kalten Molle am Tresen. Ist nicht überall so und, ganz klar, keiner auf der Welt spielt fast göttlich wie Union oder kann Party machen geil wie wir. Und es gibt da noch was, um das uns andere beneiden. Es ist das Konzept der City-Toiletten. Stadtweit 171 Standorte, 50 Cent in den Schlitz, alles dufte. Abgekupfert haben die es in Stockholm, in Paris, in den USA. In Berlin jedoch wird’s immer mehr zum dreckigen Thema. Die Zukunft der City-Toiletten droht sogar in die Hose zu gehen.

Luxusprobleme. Erzählen Sie mir nichts über Luxusprobleme. Nicht bei dieser Politik. Nicht bei dieser Scheiß-Diskussion. Seit knapp 25 Jahren ist die Wall AG privater Betreiber der behindertengerechten, sich selbst reinigenden Hightech-Klos. Die dazu gehörenden Verträge stammen noch aus der Zeit ultra-klammer Staatskassen. Als öffentliche Daseinsvorsorge wie die Klo-Sitzung mehr oder weniger privatisiert worden ist. Krankenhäuser, Wohnungsgesellschaften, Gasag, Bewag, Wasserbetriebe. Alle mussten dran glauben. Wirklich schlecht gefahren sind die Berliner mit den Verkäufen nicht. Doch Trends ändern sich. Heute fordert das Volk Wiederverstaatlichung wie die der Wasserbetriebe.

Wall, sie sind gefeuert!

Für die City-Toiletten gilt das nicht. Der Geruch von ungeputzten Pissoirs geht eben niemals aus der Nase. Ist doch ‘ne saubere Sache das mit dem Wall-Deal. 1100 beleuchtete Werbeflächen an attraktiven Orten bekommt die AG gratis für den Klo-Betrieb. Gutes Geschäft trotz hoher Kosten. Über das hätte der Senat gern mehr gewusst, doch bei den Zahlen behält Wall den Deckel drauf. Bis zu 120000 Euro kostet so ein Klo, 40000 Euro der Betrieb. Eine Sprecherin: „Mit der 50-Cent-Gebühr allein wird der Aufwand jedenfalls nicht refinanziert.“ Das sei intransparent, murrte die stinkige Politik und monierte, dass bei einer Überprüfung 13 Prozent der Wall-Klos außer Betrieb gewesen seien. Zudem verstoße die 2018 auslaufende TOI-Vereinbarung gegen Kartellrecht. Wall, sie sind gefeuert! Wir machen’s selber, suchen uns neue Betreiber.

Jetzt steckte die Politik eigentlich ohne Not tief in der Kacke. Berlinweit drei Millionen Toiletten-Besuche jährlich zählten Wall-Statistiker, die auch wissen, in welchem der 13 in Treptow-Köpenick platzierten Klos am häufigsten gespült wird. Es ist das am Stellingdamm und wenn sich Wall AG und Senat bei ihren Verhandlungen um einen langsamen Toiletten-Abbau (bis Ende 2019) nicht einigen, wird’s wohl in einem Jahr ersatzlos abmontiert.

Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) will sich das gar nicht erst vorstellen. Seine Neuköllner Kollegin fürchtet einen „Toiletten-BER“. Inzwischen zieht allen Ernstes Stephan Evers, CDU-Fraktionsvize im Abgeordnetenhaus, mit einem Dixi-Klo auf Demo-Tour durch die Stadt. Er nennt sie „Senatstoilette. Rot-Rot-Grün“. 108 Broschüren-Seiten umfasst das neue Senatskonzept. Es sieht vor, dass in der Übergangsphase mit Wall mobile Klo-Container aufgestellt werden. Der CDU-Mann glaubt, die Dixi-Dinger könnten nicht Zwischenlösung, sondern am Ende Dauerlösung sein.

Es wird wieder mal teuer

Teuer wird’s in jedem Fall. 130 Millionen Euro stellt die Stadt Betreibern für die Aufstellung neuer Toiletten bereit. Die Ausschreibung steht. 15 Jahre soll der neue Deal laufen. Wer den Zuschlag will, muss wie immer etliche Forderungen erfüllen. Beispielsweise die Verpflichtung, 98 Prozent der Toiletten betriebsfähig zu halten. Geplant ist der Einsatz neuer Technologie, um bei den so wörtlich „Nutzer*innen ein ökologisches Bewusstsein“ zu schaffen und „auf eine nachhaltige Entwicklung hinzuweisen“. Gemeint damit sind Sanitärsysteme, bei denen Wasser intern recycelt wird. Zurück kommt, wirklich wahr, das Plumpsklo. Die wasserlosen Bio-Örtchen mit geruchsdämpfenden Holzspänen sollen an Wanderwegen und Badestellen stehen. Für die CDU-Leute ist das „kompletter Kompost-Irrsinn“. Klo vadis, Berlin? In trockenen Tüchern ist nichts. Außer Real-Satire.

 

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Holger Schacht

Ein Beitrag von Holger Schacht

Hat's nicht so mit Content-Managment und Storytelling, erzählt lieber gute Geschichten. Nachrichten-Junkie der alten Schule. Zitat: "Ein paar Mollen, Currywurst, plötzlich ist einer tot. Dit is Berlin!"