Lebenslanges Lernen
Nicht nur für Schüler

Paar-in-Wanne

Schule – was für ein Thema! Immergrün wie die Knospenspitzen alljährlich im Mai, jeder kann mitreden, denn rings um Köpenick sollten alle, die das hier lesen können, schon einmal Beteiligte in diesem Mikrokosmos gewesen sein. Ob als Frau oder Herr Müller, deren Schüler_in oder Schüler_innens Eltern- oder Großeltern. In die Schlagzeilen deutscher Medien schafft es die altehrwürdige Institution eigentlich nur mit einer ordentlichen Negativschlagzeile à la Pisa- Studie, Rütli-Gewaltexzess oder den einstürzenden Altbauten ringsum. Schade, dass es so selten anders geht und das Positive, was geleistet wird, in diesem einzigartigen Geflecht von Aufgaben, Pflichten, Träumen, Abhängigkeiten, Vorbildern und prägenden Erfahrungen, in das Interesse der Öffentlichkeit rückt. Zum Beispiel, wenn sich Eltern einfach mal bedanken wollen, wenn wirklich vieles so lief in der Schule, wie man es sich wünscht, die Kinder über die Jahre der Klassenleitung in guten Händen waren und die Gewissheit da ist: Aus denen wird mal was! Ein Dankeschön, das der Lehrerin lange im Gedächtnis bleiben sollte. Blieb es auch, nur anders als gedacht! Denn aus den Reihen der Eltern meldete sich einer zu Wort, der vielleicht nicht so zufrieden war mit, nennen wir sie Frau Müller. Das Theaterstück und der Film dazu zeigen ja, wie es geht.

2011 im Herbst, Wochen nach Zeugnis- und Geschenkübergabe, geschah das Unerwartete: Ein Vater, selbst Schulleiter in Berlin, reichte gegen die Kollegin Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Zwar hatte er im Vorfeld darauf hingewiesen, dass Geschenke dieser Größenordnung nicht zulässig seien, aber die Vorschriften dazu waren der Masse der Eltern nicht gegenwärtig und vor allem gab es in der Öffentlichkeit noch nicht die Sensibilität zum Thema, die sich mit dem Rücktritt des damaligen Bundespräsidenten in der Gesellschaft veränderte. Aus dem gut gemeinten Dankeschön im Werte von knapp 200€ wurde durch Strafanzeige des Vaters ein Verfahren wegen Vorteilsnahme, für deren Einstellung die Lehrerin 4000,-€ gezahlt hat. Die Entwicklung dieses Falles, der vor kurzem durch die Medien gegangen ist, hat die Eltern tief bestürzt und verunsichert. Aus dem Dank wurde eine Bestrafung für eine Frau, die zu den besten ihres Faches zählt. Doch das spielte gar keine Rolle. Es sollte ein Exempel statuiert werden, könnte man denken. Natürlich wollten die Eltern um den Verbleib des Geschenks wissen, eine kleine Plastik aus Keramik, und bemühten sich um Auskunft, seit es die Lehrerin abgeben hat. Nun konnten sie lesen: Bei einer Versteigerung von Asservaten Ende Januar 2015 (von der die Beteiligten keine Ahnung hatten!) wurde sie für ganze elf Euro verramscht! Unfassbar auch seitens der Staatsanwaltschaft, warum man hierzu keinerlei Informationen an die Betroffenen gab. Es bleibt auch die Frage im Raum, warum gerade jetzt oder eben erst jetzt die Plastik zur Versteigerung kam … Bleibt also ein bitterer Beigeschmack, obwohl auch bundesweit Solidarität zu erfahren war, wie das Beispiel eines aufgebrachten Münchners zeigte, der in einer Sammelaktion über 5000,-€ für die Lehrerin zusammen trug. Geld, das sie natürlich nie annehmen wird. Aber das ist eine andere Schulflurgeschichte.

Gegenwärtig schlägt der Puls höher bei denjenigen, die einen Platz an DER besten weiterführenden Schule für das Kind ergattern möchten. Und damit es den Eltern dabei nicht langweilig wird, ändert das System Schule ab und an die Regeln: Heuer dürfen Kinder wieder von ihren nervigen Geschwistern profitieren und werden bevorzugt an deren Schule aufgenommen. Abgeschafft wurde hingegen schon 2011 der vorgezogene Anmeldezeitraum für weiterführende Schulen ab Klasse 7. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die interessierten Eltern die Möglichkeit, ihr Kind zum Beispiel an Schulen mit einem klar ausgeprägten Profil, für die die Nachfrage das Platzangebot überstiegen hat, vorab anzumelden, um sich bei einer Absage anschließend zusammen mit allen anderen Schülerinnen und Schülern chancengleich um die Schulplätze zu bewerben. Seitdem diese Regelung nicht mehr gilt, haben sich auch die Namen der nachgefragtesten Schulen Berlins verändert. Denn nun müssen die Eltern taktieren: Melden sie ihr Kind an und es wird abgelehnt, müssen sie sich sozusagen hinten anstellen und bekommen ggf. nur noch einen Platz an einer der in den Medien liebevoll als „Restschule“ bezeichneten Bildungsanstalt. Folglich geht man auf Nummer sicher und wählt die Schule, von der man meint, hier sicher eine Chance zu haben. Dass diese nicht zwingend die erste Wahl ist, wird jedem klar sein.

Und der Run auf die begabten Kleinen wird auch immer größer: Vielerorts ist es möglich, die für Berlin im Schulgesetz verankerte 6-jährige Grundschulzeit zu umgehen. Vor allem diejenigen, die einen gymnasialen Bildungsabschluss wünschen, schicken ihre Kinder bereits ab der 5. Klasse dort hin. Das wiederum hat tiefgreifende Folgen für die Grundschulen, die sich vor der Zeit ihrer besten Köpfe beraubt sieht. Frau Müller muss weg…

Auch die von der großen Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkte Diskussion der neuen Rahmenlehrpläne ist brandaktuell. Einzig die Geschichtslehrer_innen zeigen öffentlich mit ihrer Petition, welche Folgen diese erneute Umwälzung nach sich ziehen kann. Doch auch die anderen Fächer sind betroffen. Immer billiger ist der Bildungsabschluss, immer weniger Wert. Die 1+, also volle 15 Notenpunkte in der gymnasialen Oberstufe, bekommt man schon ab 95%. Da stehen die Zensuren in ganz anderem Licht, denn auch die schlechten Noten rücken auf, weniger Leistungsausfälle sind die Folge. Und, und, und.

Ohne Schule geht es nicht. Das zumindest sollte jedem klar sein. Unverständlich, warum dafür kaum jemand auf die Straße geht. „Wirr ist das Volk“, wie in Dresden auf einem Schild der anderen zu lesen war. Versuchen wir es doch endlich einmal mit dem, was seit Jahren Konsens ist: kleinere Klassen, gesunde Schulen, mehr Zeit für den einzelnen Schüler, mehr Zeit für moderne Lehre, das heißt für Weiterbildungen, die diesen Namen auch verdienen, für gesellschaftlichen Disput und eine Anerkennungskultur dieser Berufsfelder, damit die in der Schule arbeiten, die dort hingehören: die Besten.

Bildquelle: Karl-Heinz Richter „Paar in Wanne“

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