Allee oder bunter Baum-Mix?
Ortsgespräch zum Zustand der Bäume auf dem „Kudamm des Ostens“

Trotz des schönen Sommerabend-Wetters kamen am Donnerstag, den 24. Mai, etwa 80 Zuhörer zwischen 38 und 90 Jahren ins Alte Rathaus, um über die Zukunft der Bäume auf der Bölschestraße zu diskutieren.
Die Bölschestraße im Mai 2018 vom Südende hergesehen
Foto: Danuta Schmidt

Auf dem Podium nahmen der Baumgutachter Dr. Andreas Plietzsch, Dr. Ingrid Lehmann sowie Olga Toepfer Platz. Durch die Arbeiten im Straßenbereich (BVG und Wasserbetriebe) sind in den letzten Jahren etliche Bäume gefällt worden. Besonders hart traf es die Anwohner bei der Fällung einer alten Rosskastanie an der Bio-Company. Diese Bäume müssen durch neue ersetzt werden. Für 20 neue Bäume gibt es bereits die Genehmigung und das Geld. Pro Baum stehen 1.200 Euro zur Verfügung.
Baumgutachter Andreas Plietzsch stellte die Ergebnisse seines Gutachtens vor. Man unterscheide Zustand (Mängel und Schäden) und Vitalität (Zukunft) eines Baumes. Dazu werde eine Prognose getroffen, die so genannte Reststandzeit.

„Wir pflanzen für die nächsten 80 Jahre und nicht für die nächsten 20 Jahre.“

sagte er. Im Vordergrund des Gutachtens standen Fragen wie: Wie ist der Zustand und die Vitalität der Bäume? Welches Pflanzenkonzept gibt es für die Straßenbäume? Welche sind geeignete Straßenbäume? Wie lange können die Bäume ihre Funktion erfüllen? Welche Funktionen hat ein Baum? Neben der ästhetischen Funktion (also Gestaltung eines Lebensraumes) dient der Baum als Schattenspender, zur Kühlung, zur Sauerstoffgewinnung und Feinstaubbindung. Auf der Bölschestraße hat der Maulbeerbaum auch eine kulturhistorische Bedeutung. Außerdem haben Bäume auch naturschutzfachliche Bedeutung als Nist- und Brutplätze.


Auf der Bölschestraße stehen derzeit 243 Bäume

Davon sind 211 Linden, 21 Maulbeerbäume, dazu kommen acht Rosskastanien, ein Spitzahorn, ein Weißdorn und eine Lärche. 80 Prozent aller Bäume auf der Bölsche haben eine Reststandzeit von 10 bis 20 Jahren. 188 Bäume sind älter als 50 Jahre. 35 Bäume sind jünger als 10 Jahre. Woran liegt das? Die meisten Bäume wurden in den Sechzigern gepflanzt. Seit Ende der 80er bis heute gibt es nur wenige Neupflanzungen.

Zu den Maulbeerbäumen: Die älteste Maulbeerbaum-Allee Brandenburgs steht in Zernikow. Nur noch ein alter Maulbeerbaum steht in Friedrichshagen.

„Die Aufzeichnungen sind nicht eindeutig, er könnte 1856 oder 1913 gepflanzt worden sein. An diesen Baum geht keiner ran, er hat kulturhistorische Bedeutung.“

Ursprünglich gab es auf der Bölschestraße eine vierreihige Maulbeer-Allee mit 600 Maulbeerbäumen. Doch schon nach einem Jahr waren 100 kaputt, zerstört durch Kinder und Sammler. Bereits die Kolonisten sagten damals dem König: wir wollen keine weiteren Maulbeeren. Die Lebenserfahrung zeigt: Maulbeeren sind ungeeignet als Straßenbäume. Sie haben eine unregelmäßige Wuchsform. „Maulbeeren wachsen nicht so, wie es sich die Baumschule vorstellt. Man kann sie nicht in eine Form pressen“ so der Experte. Die neuen Maulbeerbäume auf der Bölsche hätten kein besonders gutes Aussehen. Dagegen sähen die drei Maulbeeren vor Kindergarten an der Kirche sehr gut aus, da sie von jemandem explizit gepflegt werden. Man könne mit guter Pflege also schon viel erreichen, hieß es aus dem Publikum.

Es wird trockener und wärmer. Dazu der Baumexperte: „Alles, was ich in den ersten zehn Jahren angehe und in die Pflege (Wasser, fachgerechter Schnitt) setze, spare ich später. Wir billigen unseren Bäumen miese Standortbedingungen zu. Unsere Bäume kommen alle aus dem Wald, ihrem optimalen Lebensraum und benötigen Wasser und Pflege.“ Früher wurden Tankwagen zum Gießen eingesetzt, Pferdemist wurde eingearbeitet. Heute würden die Bäume zweimal im Jahr gegossen und lange Dürreperioden wie jetzt sind schädlich. Auf die Fragen aus dem Publikum reagierte Ingrid Lehmann vom Straßen- und Grünflächenamt:

„Mein Mitarbeiterstab von etwa 400 Leuten wurde fast auf die Hälfte reduziert, unser Etat ist von 1,4 Millionen auf 800.000 Euro geschrumpft.“


Wie weiter?

Es wurden fünf Varianten für die Zukunft vorgestellt, die zu diskutieren sind. Viele favorisierten die Variante, alle Bäume so lange wie sie verkehrssicher sind, stehen zu lassen. Das uneinheitliche Bepflanzungsbild bliebe dann erhalten. Die Bäume mit Reststandzeit 20 Jahre stehenzulassen, das sind 84 Prozent, und den Rest zu fällen und durch Neupflanzungen zu ergänzen, befürworteten auch einige. Auch zu Neupflanzungen auf dem Marktplatz gab es etliche Stimmen, die unzufrieden mit dem Zustand der Bäume sind. Bei der Umgestaltung des Marktplatzes waren auch neue Bäume gekommen, die in einem schlechten Zustand sind. Es wurde nun überlegt, ob man sich dem Marktplatz als einzelnes Ensemble innerhalb des Flächendenkmals noch einmal dezidiert widme.

Wie genau die Baumbestände in den letzten Jahrhunderten aussahen, lässt sich aus den sehr unterschiedlichen Aufzeichnungen nur schwer ermitteln. Fakt ist, dass es seit den Neunzigern ein Kataster gibt. Dieser Plan dient nun als Grundlage für ein neues Konzept, das nun, gemeinsam mit den Bürgern, zu erarbeiten ist.

„Es wurde adhoc gehandelt in der Vergangenheit, ohne Konzept.“

erklärt Ingrid Lehmann. Dazu kamen die monatelangen Bauarbeiten, die den Bäumen ebenfalls nicht zuträglich waren. Optisch ist oberirdisch Platz da für neue Bäume, unterirdisch nicht. Viele Wasserleitungen seien im Raum, die den Baumwurzeln wenig Plätz ließen.


Viele Fragen und Wünsche stehen im Raum

Welche Bäume eignen sich zur Pflanzung, auch hinsichtlich des Klimawandels und der Strukturen? (Baumarten aus trockeneren Gegenden wie die Silberlinde, Feldahorn) Müssen Bäume so hoch sein? Warum keine Maulbeeren? Standorte? Brauchen wir noch Alleen? Wer ist für die Schäden an den Bäumen verantwortlich? Kann man die Baufirmen zu Schadensersatz aufrufen? Wie kann man die Pflege der neugepflanzten Bäume, die besonders viel Wasser brauchen, absichern? Schliesslich würden sonst viel Gelder wortwörtlich in den Sand gesetzt.

Die Bölschestraße ist ein Flächendenkmal und eine Allee. Eine Allee wird durch Einheitlichkeit bestimmt, sie hat eine bestimmte Rhythmik, was Sorte und Alter der Bäume betrifft.

„In der Denkmalpflege hat sich in den letzten Jahren auch einiges getan: Eine Allee muss nicht mehr so ein einheitliches Erscheinungsbild haben, sie kann auch ein alterndes Gebiss sein.“

sagt Ingrid Lehmann und verwies auf die Platanen-Allee auf der Puschkinstraße in Alt-Treptow.

Die Alt-Treptower feierten sogar ein so genanntes Baumscheibenfest, so Lehmann. Sie sei begeistert, wie viele Leute hier Interesse zeigten, auch an diesem Abend. Sie wünsche sich Vorschläge für die Bölschestraße sowie „Baumscheiben-Patenschaften“. Der Bezirk darf Baumscheiben gestalten, so Lehmann, man müsse es nur beim Amt melden, wenn man dies vorhabe. Viele Händler gestalten bereits und pflegen auch ihre kleinen Baumgärten vor ihren Läden.

Zur viel besprochenen Teilhabe der Bürger an ihrer Stadt hat das Bezirksamt eine Seite eingerichtet, um Ideen einzusammeln. Die Diskussionsrunde des Abends, an manchen Stellen richtig hitzig, zu der viele Gewerbetreibende und Privatleute kamen, will ein bunteres Bild oder keine Veränderung im Sinne von Baumfällungen. Stattdessen wurden mehr Bäume auf unkompliziertem Weg gewünscht. Für neue Ideen ist die Internet-Seite vier Wochen bis zum 27. Juni offen. Aufgrund des hohen Bürgerinteresses soll es ebenfalls ein zweites Ortsgespräch geben. Dort sollen Ideen vorgestellt und ein mögliches Konzept erarbeitet werden.

 

Hier ist das Formular für Anregungen
Außerdem kann man hier geplante Baumfällungen nachlesen.

 


Danuta Schmidt
Ein Beitrag von

Danuta Schmidt überschreitet gern unsichtbare Grenzen, klettert auf Bäume, in Häuser, Schlösser und Ruinen, schaut über Dächer, hinter Fassaden und über den Tellerrand. Trifft dort Randfiguren und Parallelgesellschaften und bohrt mit ihren Fragen bis zum Kern.


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