Dass die Flößerei dem Holztransport dient, ist ein alter Hut. Niemand bindet heute noch Baumstämme zusammen, um auf ihnen wochenlang die Flüsse hinunterzuschippern und Sägewerke zu beliefern; es sei denn des Brauches wegen. Heutzutage ist ein Floß nicht nur sentimentales Treibgut, sondern wird ebenso von erholungssuchenden Urlaubern und sonnenhungrigen Spaßtouristen geentert. Wie so eine aufgepeppte Holzinsel aussieht und wie es sich darauf urlauben lässt, durfte ich in einem Selbstversuch als Amateurflößer im Nordosten Brandenburgs erfahren…Allmählich wird die Straße holprig und gleicht einem Flickenteppich. Im letzten Dorf vor der Floßstation weist ein „Rentafloss“-Schild den Weg in den Wald. Der Zielort heißt Ringsleben, liegt am Ufer des Wentowsees eingebettet zwischen Wald und Feld und hat wenig von einem Dorf, sondern ist vielmehr eine stille Ansammlung von Häusern plus eine Hand voll Bungalows. Bei unserer Ankunft am Mittag ist es bereits so heiß, dass sich kein Hund zum Bellen aufrafft. Nur ein paar Maikäfer brummen schwerfällig durch die Luft. Die Asphaltstraße endet hier und am anderen Ende des Ortes führen ein paar Feldwege in die freie Flur hinaus. Ob es hinter Ringsleben noch ein weiteres Dorf gibt, bleibt unklar. Das Ortsausgangsschild, das dazu einen entsprechenden Hinweis geben könnte, wurde entweder abmontiert oder wohlwissend nie angebracht. Lediglich ein leerer Schilderrahmen am Wegesrand lässt ahnen, dass nicht weit von hier Mecklenburg beginnt. Kaum siebzig Kilometer vom Alexanderplatz entfernt, verblüfft diese Abgeschiedenheit. Ringsleben aber macht das zum idealen Ausgangspunkt für ein Abenteuer.

Der „Rentafloss“-Sammelpunkt am See ist zwischen den wenigen Häusern nicht zu verfehlen. Dort begrüßt uns mit Handschlag ein leger gekleideter Jungunternehmer. Wie auch viele seiner Gäste, kommt er für jede Buchung aus Berlin, um die Flöße mit einer kurzen Einweisung an die Touristen zu übergeben. Alles andere, was nicht die Anwesenheit vor Ort erfordert, geschieht bisher vom Berliner Büro aus. Das 2-Mann-Team um die Floßvermietung ist noch jung und hat seinen Prototypen nach einer Vielzahl bürokratischer Hürden erstmals 2007 zu Wasser gelassen. Das Nachfolgemodell, bereits zur Serienreife vollendet, ist seit April diesen Jahres startklar und liegt für uns am Steg bereit. Von Bord geht eine junge Familie, die uns begeistert von ihren Tagen auf dem Floß berichtet. Vor uns hat bereits eine Gruppe Berliner Spaßtouristen abgelegt. Nun sind wir an der Reihe. Bei der Einweisung stellen wir schnell fest, dass es gereicht hätte, lediglich Verpflegung und einen Schlafsack mit Isomatte mitzubringen. Mit allen sonstigen Campingutensilien ist das schwimmende Heim bereits komplett für vier Personen ausgestattet. Für diese Floßfahrt muss man also kein Outdoor-Profi sein. Selbst das Problem mit dem Örtchen ist mit einer Campingtoilette komfortabel gelöst. Ebenso ist die Handhabung des Außenborders unkompliziert und schnell erlernt. Demzufolge darf das Floß auch ohne Führerschein bewegt werden.Wie das gelingt, wird sich sogleich in der Praxis zeigen. Der Wentowsee bietet ausreichend Platz, um sich in die Handhabung des Floßes einzuüben. Kaum vom Ufer gelöst, befällt uns auf dem Wasser schlagartig eine Stimmung des „Sich-Treiben-Lassens“ a la Huck Finn. Die Wassertemperatur ist jetzt im Mai schon unerwartet erträglich, so dass die Mittagssonne mich trotz der gemütlichen Liegestühle von Bord treibt. Dann wird es Zeit, sich aufzurappeln und den Außenborder anzuwerfen, denn wir haben uns vorgenommen, am Abend in den vielgepriesenen Templiner Gewässern zu ankern. Der Floßvermieter hat uns diesbezüglich versichert, dass die Reichweite einer Tankfüllung weit über das hinausgehe, was man an einem Wochenende verfahren kann. Das setzt unserem Entdeckungsdrang kaum Grenzen. Doch zuerst müssen wir den Ausgang des Sees finden. Mit einem leichten Ruck reiße ich den Motor an. Ein bisschen am Gashebel drehen und das Achterwasser beginnt zu brodeln. Die beiden katamaranähnlichen Schwimmkörper setzen sich in Bewegung und durchpflügen das Wasser. Mit einer Brise Frischluft um die Nase rauschen wir über den See. Nach einer kurzen Rundfahrt findet sich, versteckt hinter einer Insel, die unscheinbare Einfahrt in den Wentowkanal, die wir schneller gefunden hätten, wenn wir sofort vom Kartenmaterial Gebrauch gemacht hätten, dass auf dem Floß für uns bereitliegt. Im Gegensatz zur Weite des Sees gleicht die Verbindung zur Havel einem Nadelöhr. Entgegenkommende Fahrzeuge erfordern unsere ganze Aufmerksamkeit. Meist ist das Ufer nur einen Schritt über die Reling entfernt. Doch das ist nur die Generalprobe für die erste echte Herausforderung, die mit der Schleuse in Marienthal auf uns wartet. Hier heißt es aufpassen und, ach ja, Fender raus!

Bei knapp drei Metern Breite und mehr als fünf Metern Länge kann es schnell eng werden. Die zwanzig Zentimeter Tiefgang benötigen da weniger Feinfühligkeit. Mit dem letzten Schwung lassen wir uns in die Schleusenkammer gleiten und fixieren das Floß unter der freundlichen Obhut der Schleusenwärterin an den Spundwänden. Glücklich über das unfallfreie Manöver, lassen wir uns während der Schleusung, die uns auf das Niveau der Havel senkt, in ein heiteres Gespräch mit anderen Binnenschiffern verwickeln, bei denen unser exotisches Gefährt Interesse geweckt hat. Auf der Havel beginnt ein gänzlich neues Terrain. An diesem Wochenende – es ist Pfingsten – hat sich der Fluss in eine Wasserstraße ersten Ranges verwandelt, auf der ein buntes Treiben herrscht. Stromauf- und stromabwärts schippern große und kleine Schiffe jeder Art vorbei. In diesem Gedränge behaupten sich Paddler und in Ufernähe dümpeln Angler in Ruderkähnen. Die ganze Welt der Binsenbummler hat sich auf der Havel versammelt und unabhängig von der Bootsgröße nimmt man aufeinander Rücksicht und grüßt sich gegenseitig. Es scheint so, als würde auf dem Wasser trotz der offensichtlichen Klassenunterschiede eine totgesagte Utopie Wirklichkeit werden: Ob Yacht oder Kanu, alle sitzen in einem Boot! Freilich bleiben die Typen individuell. Da gibt es hoch oben den telefonierenden Geschäftsmann auf seinem Steuerdeck, ganz unten die abgekämpften Abenteurer in ihren Kanus, mittendrin den gediegenen Lebemann in seinem schnellen Motorboot und den freiheitsliebenden Individualisten mit seiner trägen Segeljolle. Dazu kommen kleine und große Familien, junge und alte Liebespaare und gesellige Rentnergruppen. Eines fällt jedoch auf, wo immer es ein Steuer zu halten gilt, hat es ein Mann in der Hand. Die Frauen sind schmückendes Beiwerk und räkeln sich in der Sonne. Es dauert es ein bisschen, bis wir eine passende Lücke zum Einfädeln gefunden haben. Mit dem Floß ernten wir von allen Seiten Aufmerksamkeit. Von den Yachten herab werden wir belächelt und aus den Kanus staunen uns neidvolle Gesichter an. Ein solches Floß, beginnen wir zu ahnen, ist eine echte Alternative zu den diversen anderen Varianten des Wasserurlaubs. Entscheidender Vorteil, das Heim fährt mit. Dadurch kann die mitunter aufwendige Suche nach Lager- und Campingplätzen entfallen und bei Regen kann man aus dem Fenster schauen. Nicht weniger wichtig, so ein Floß bietet Platz. Einschließlich begehbarem Dach sind das nicht weniger als 20 Quadratmeter Fläche. Für Familien bedeutet ein Floß somit eine entspannende Zeit. Niemand muss zum Paddeln gezwungen werden, und während Mama ein Buch liest und Papa mit dem Grill und dem Außenborder beschäftigt ist, bleibt den Kindern zwischen Pirat spielen und baden gehen kaum Zeit zum Nörgeln. Für Angler wiederum ist ein Floß die perfekte Plattform, auf der sie sich mit ihrem geballten Ausrüstungsaufgebot ausbreiten und ganz in ihrer akribischen Leidenschaft entfalten können; und wenn tatsächlich einmal einer dieser ganz großen Fische anbeißen sollte, haben sie eine kentersichere Insel unter ihren Füßen.

Ein Floß ist wendig wie eine Schrankwand, möchte man jedoch befürchten. Doch das Steuern des Floßes fällt auch in diesem Trubel leicht und es gelingt uns auf Anhieb, auch den dicksten Kähnen auszuweichen. Wenige Havelkilometer später haben wir die passende Reisegeschwindigkeit gefunden. Wir lassen den Motor auf kleinster Stellung laufen. Das gleichmäßige Tuckern ist so kaum noch hörbar und trotzdem reicht der Schub aus, um das Floß stromaufwärts zu bewegen. Beinahe lautlos gleiten wir an den Ufern entlang und werden vereinzelt von Kanuten überholt. Wir haben den Eindruck, zu treiben, was ja gut zu einer Floßfahrt passt. An Bord macht sich ausgelassene Gemütlichkeit breit und das viele Erwidern der Grüße erfordert nun weit mehr Aufmerksamkeit als das Steuern. Am späten Nachmittag erreichen wir die Templiner Gewässer. Dort begegnen wir nur noch wenigen Menschen. Stattdessen prägen unzugängliche Auwaldgebiete die Landschaft und die Luft ist von Vogellauten erfüllt. Am Abend laufen wir auf eine weitläufige Seefläche hinaus. Bis zu diesem Augenblick wähnten wir uns in einer beinahe menschenleeren Gegend, doch offenbar sind wir nur spät dran, denn überall entlang des Seeufers haben bereits Boote für die Nacht geankert. Um den gesamten See bieten sich Buchten, Schilfdurchgänge und Wiesen zum Lagern an. Wir wählen einen Liegeplatz an einem Trockenrasenhang mit Seeblick. Die Steppen und Waldfetzen, zu dessen Füßen wir festmachen, weist die Karte als Kleine Choriner Heide aus. Da sich das Floß mit wenigen Handgriffen zu einer fürstlichen Schlafstatt herrichten lässt, können wir im restlichen Sonnenlicht noch ein paar Runden auf dem See schwimmen. Im Schein der Petroleumlampe lässt es sich danach vorzüglich auf dem Vordeck speisen. Im Widerschein der Flamme zeichnen sich die Umrisse des Floßes ab. Dahinter glitzert die Wasserfläche im Mondschein. Das Leben auf den umliegenden Booten verläuft still. Anglerroutine ist eingekehrt. Nur vom gegenüber- liegenden Ufer tönen noch die Geräusche eines wilden Lagerlebens herüber, die aber bald in das sanfte Spiel einer Gitarre übergehen. Leise plätschern Wellen an das Floß und wiegen in den Schlaf. Wir träumen den Traum von Huckleberry Finn, der nie mehr umkehren möchte. Nur noch vorwärts die Havelgewässer entlang. Der Übergang ins nahegelegene Mecklenburg erfolgt quasi fließend. Die gesamte Mecklenburgische Seenplatte ist von hier aus erreichbar – ein Landstrich wie ein unermesslich großer Abenteuer- spielplatz für wochenlange Odysseen. Wenn du am nächsten Morgen die Augen öffnest und immer noch das Wellenspiel hörst, dann weißt du, dass für den perfekten Start in einen neuen Tag nichts munterer macht als ein erfrischendes Bad im See.

Zum Veranstalter: Anfahrt von Berlin über die B96 (Oranienburg, Löwenberg, Gransee), oder noch besser per Fahrrad über den Berlin-Kopenhagen-Radweg, dessen Trasse unweit von Ringsleben verläuft.
Informationen und Kontakt unter www.rentafloss.de oder 030/92372212
Nebensaison: April/Mai und September/Oktober,
Hauptsaison: Juni/Juli/August