Gemeinsam für den Frieden
Am 9. November musizieren Künstler aus Deutschland, Syrien und Israel  in Grünau für mehr Zusammenhalt  in der Gesellschaft

Es war dieser eine Moment, der ihn mobilisierte, sagt Tobias Unterberg: „Auf dem Schlossplatz war ein heißer Markttag, ich wollte einkaufen, als neben mir einige Männer über Flüchtlinge  sprachen. Man müsste deren  Boote im Mittelmeer einfach wegschießen, meinte einer von ihnen, die anderen  stimmten lachend und johlend zu.“
Götz Steeger und Tobias Unterberg
Foto: privat

Das sei der Augenblick gewesen, an dem er beschlossen habe, etwas zu tun gegen den Hass, der die Gesellschaft zu zerfressen drohe. Tobias Unterberg, 50 Jahre alt, Köpenicker, Komponist und  Cellist, trommelte mehrere Künstler zusammen. Am kommenden Freitag, am 9. November, wollen sie gemeinsam gegen den Hass und für Frieden auftreten.

In der Friedenskirche Grünau findet ein erstes Friedenskonzert statt. Sieben Künstler aus Deutschland, Syrien und Israel musizieren gemeinsam für mehr Empathie, Solidarität und Zusammenhalt in der Gesellschaft.

„Frieden ist keine Frage von religiöser Herkunft, sondern von Kultur, Bildung, Haltung
und gesundem Menschenverstand.“

sagt Tobias Unterberg. Der Satz kann als Motto für die Veranstaltung stehen, die um 19 Uhr beginnt und zu der jederman ohne Eintritt eingeladen ist. Man wolle auf diese besondere Weise Kunst und Politik verbinden und gemeinsam Stellung beziehen, sagt Unterberg.

Das Datum ist bewusst gewählt, gilt der 9. November für viele als „deutscher Schicksalstag“. Mehrere Ereignisse, die den Lauf der Geschichte prägten, fallen auf dieses Datum. Das jüngste fand 1989 statt: Die Mauer, die 28 Jahre lang die beiden deutschen Staaten trennte, fiel. 51 Jahre zuvor.

Am 9. November 1938, hatte die gewaltsame Judenverfolgung in Deutschland einen ersten Höhepunkt. Auf Geheiß der NS-Führung wurden Läden und Wohnungen jüdischer Bürger geplündert und Synagogen in Brand gesetzt.

Am 9. November 1923, weitere 15 Jahre früher, versuchte der Anführer der NSDAP Adolf Hitler mit Hilfe des Generals Erich Ludendorff in München an die Macht zu kommen.  Der Putsch misslang, zehn Jahre später gelang die Machtergreifung der Nationalsozialisten auf legalem Wege.

Noch weiter zurück, am 9. November 1918, begann eine Zeit des Aufruhrs. Der Wunsch nach Frieden im deutschen Volk war übermächtig; der Kaiser dankte ab; die Republik wurde ausgerufen. Die Revolution blieb aber in den Anfängen stecken, wie schon einmal, am 9. November 1848, als der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit am Widerstand reaktionärer Kräfte scheiterte.


Hörst du die Glocken, dann mach dich auf die Socken

Den 9. November also, an dem auch in Berlin zahlreiche  Veranstaltungen an die wechselvolle Geschichte  erinnern, haben sich die Initiatoren für ihr erstes Friedenskonzert ausgewählt.

„Musik ist ein wunderbares Mittel, um auch über andere Themen ins Gespräch zu kommen“

sagt  Goetz Steeger. Der Hamburger Liedermacher, 61 Jahre alt, folgt  dem Ruf seines Freundes Tobias Unterbergs zum Konzert  nach Grünau gern. Er hat schon oft in Köpenick gespielt, wie diesmal in Grünau ohne Eintritt, nur gegen Spenden.

Seine Auftritte hatte er in der Köpenicker Altstadt, Alt Köpenick 12. Diese Adresse, die mehr bietet als Essen und Trinken, gibt es seit gut zwei Jahren. Sie ist ein Treffpunkt für Liebhaber unterschiedlicher Musikrichtungen und anregender Gespräche. Immer sonntags von 11.30 bis 13 Uhr, von April bis Ende Oktober, wird auf dem Hof von Schliwas Weinkulturhaus  musiziert und debattiert. „Apres Church“ nennen die Initiatoren des Vereins Kunsthof Köpenick diese Reihe, zu der inzwischen bis zu hundert Menschen kommen. Das Motto der Veranstaltung lautet: Hörst du die Glocken, mach dich auf die Socken!

Was nichts anderes heißt als:

„Wenn der Gottesdienst in der Laurenzkirche gegenüber beendet ist, beginnt es bei uns“

sagt Unterberg. Ganz unterschiedliche Besucher kommen auf den Kunsthof Köpenick. Alle seien sie neugierig sind auf Musik und auf andere Menschen. Bis nach Neukölln und Biesdorf habe sich die „Apres Church“ inzwischen herumgesprochen. Jetzt soll es auch im Winter Veranstaltungen geben, Musik und Lesungen sind geplant.


Indie-Rock aus Israel und Heimatklänge aus Syrien

Auch für das Friedenskonzert in Grünau hoffen die Initiatoren auch auf regen Besuch. Neben Tobias Unterberg und Goetz Steeger, die seit Tagen schon eifrig proben, will auch Arno Schmidt aus Rostock spielen. Der Liedermacher ist unter anderem bekannt durch seine Auftritte mit Barbara Kellerbauer,  Kurt Demmler und Gerhard Schöne.

Omri Vitis und Guy Strier, Folkmusiker und Indie-Rocker, kommen eigens  aus Israel  zum Konzert. Das Künstlerpaar Berivan Ahmad und Wassim Mukdad aus Syrien, das inzwischen in Berlin lebt,  will das Publikum unter anderem mit heimatlichen Instrumenten begeistern.

Alle sieben Musiker sitzen gemeinsam auf der Bühne, Tobias Unterberg „moderiert“ die Programme muskialisch auf seinem Cello. Geplant ist eine Stunde Musik, dann gibt es eine Pause mit Glühwein und Langos, danach wird wieder musiziert.

Doch es gibt nicht nur Musik in der Friedenskirche Grünau. Zwei Überlebende des NS-Regimes wollen eine Botschaft an die Konzert-Besucher richten. Esther Bejarano, 92, die das Vernichtungslager Auschwitz überlebte, danach das Auschwitz-Komitee mitbegründete und heute in Hamburg vor Schülern von ihren Erfahrungen berichtet, aber auch mit einer HipHop-Band auftritt, hat ein Video geschickt.

Und Aliza Vitis-Shomron, 90, die Oma des Künstlers Omri Vitis, kommt sogar selbst. Sie konnte einst aus dem Warschauer Getto flüchten, überlebte das Vernichtungslager Treblinka und lebt heute in Israel.

„Beide Frauen haben ein beeindruckendes Leben und wollen uns warnen, dass wir die Zeichen des aufkommenden Faschismus erkennen“, sagt Tobias Unterberg.

Alle Künstler treten umsonst auf, Spenden werden gern entgegen genommen. Die Kosten für die Anreisen der beiden alten Damen wurden übrigens durch private Spender und die Bürgerstiftung Treptow-Köpenick übernommen.


Erstes Friedenskonzert
Friedenskirche Grünau, Beginn 19 Uhr, Einlass 18 Uhr.
Weitere Infos unter: www.friedenskonzert.berlin

Karin Schmidl
Ein Beitrag von

diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“


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