Fünf gegen den kleinen Riesen
Eine urige Heimatsage aus dem Wahlkreis 84

Wo war jetzt noch mal die Kaffeemaschine?! Der kleine Riese schaute sich um. Er besuchte nicht oft sein kleines Schloss an der Brückenstraße. Ah … ja. Die Maschine stand noch genauso da, wie er sie vor vier Jahren verlassen hatte. In der Kaffeeverpackung hatte sich eine leichte Staubschicht angesammelt.
Der kleine Riese sitzt am Schreibtisch neben der Kaffemaschine
Collage: Andreas Hartung

Mit der heißen Tasse setzte sich der kleine Riese an den zu großen Eichentisch. (Ob es noch Milch gab? Aber nach all der Zeit war die bestimmt nicht mehr gut.) und starrte nachdenklich auf seine Notizen. Jünger wurde er nicht. Das stand fest. Es war wie immer. Alle vier Jahre kamen große und kleine Riesentöter von überall, um sich mit ihm zu messen, um sein Schloss zu schleifen und seine Kaffeemaschine zu plündern. Sie wollten seinen Kopf an einer der vielen Köpenicker Brücken aufhängen, damit jeder sehen könne: Ich habe den kleinen Riesen besiegt und herrsche nun über sein Reich!

Er hat sie alle geschlagen und gefressen. Ihre Namen sind unbekannter Staub. Aber die Zeit ging ins Land und änderte sich. Und der Strom immer neuer Helden riss nicht ab. Dies würde seine letzte Schlacht werden. Diesmal wirklich. Anschließend würde er sich in Ruhe dem Aufbau seiner Rotfalter-Schmetterlings-Sammlung widmen. Und ab und zu ein paar Auftritte in Talkshows. Ob seine Leute auch ohne ihn klarkommen würden? Seine hohe Stirn legte sich in Falten. Er bezweifelte es.

Da flog durch das offene Fenster ein kleiner grüner Vogel. Er hatte ein kleines Megafon um den Hals und zschirpte aufgeregt und kämpferisch in einer Sprache, die dem Riesen vertraut und zugleich unbekannt vorkam. Sie schien ihn zu verspotten.

„Wir kennen deinen Namen, aber du bist schon Vergangenheit. Ich kann fliegen, weil mir nämlich der Zeitgeist der Notwendigkeit Flügel verleiht.“

‚Den Rückenwind der Geschichte spürte ich auch mal’, dachte der kleine Riese. Aber das ist lange her. Wenn der Wind nachlässt, ist es schwer, einen geeigneten neuen Startplatz zu finden. Der kleine grüne Vogel war ihm unbekannt. Die Art kannte er wohl, aber die einheimischen grünen Vögel konnten nicht fliegen. Zumindest früher nicht.

Annka Esser als grüner Vogel mit Megafon
Collage: Andreas Hartung

Da öffnete sich die Tür und auf einem seltsamen Gefährt von hundert mal hundert blauen Häusern wurde die Eiskönigin in den Brückenpalast gezogen. Sie rief: „Deine Zeit ist vorbei kleiner Riese! Schon lange. In Wahrheit gehört dein Königreich längst mir. Beziehungsweise meinem Mann, den ihr den Großen nennen sollt. Vom höchsten Ort des Reiches bis zum steuerlich finanzierten Armenhaus. Lass deinen Blick schweifen und du siehst nichts, was nicht ihm gehört. Und, wenn ich dich besiege, wird seine Macht noch größer werden. Profit soll regieren!“

Etwas wehmütig erinnerte sich der kleine Riese an den Mann mit den tausend Masken, der ihm lange statt der Eiskönigin ein würdiger Gegner war. Der ewige Zweite. Dann sprach er zur Eiskönigin: „Pech sei dein Name. Pech sollst du haben.“

Claudia Pechstein in einem Gefährt aus hundert blauen Häusern
Collage: Andreas Hartung

Alsbald breitete sich ein undefinierbarer unangenehmer Geruch im Raum aus. Die Abflussrohre?! ‚Wir hätten uns wirklich eher um die Verstopfung kümmern müssen.‘ Aus dem noch nicht angeschlossenen Abflussrohr für die Drittes-Geschlecht-Toilette, zwängte sich eine feiste Henkelkanne. Sie rief: „Gender- Gaga. Gerade für uns Eltern ist es wichtig, dass…, Hier entsteht demnächst ein Flüchtlingsheim!, Unsere blauen Stullen gehen weg wie warme Semmeln und … Gender-Gaga?!“

Die Kanne war kein Geschirr vieler sinnvoller Worte. Sie versuchte noch einen volkstümlichen Tanz aufzuführen, rief: „Mut zu Köpenich!“, stieß dabei gegen ein Tischbein und blieb dann ganz volkstümlich scheppernd auf dem Boden liegen.

Collage: Andreas Hartung

„Einfach eklig!“, erklang eine junge Stimme mit tief klingendem Akzent. Eine elegante rote Katzendame versuchte über die Henkelkanne zu steigen, ohne sie zu berühren. Fasziniert beobachte sie der kleine Riese: ‚Wo kam die jetzt auf einmal her? War heute Tag der offenen Tür?‘ Als erfahrener Stratege ließ er sich seine Überraschung nicht anmerken. Rot war des Riesen Lieblingsfarbe, aber das Rot der Katze war irgendwie nicht richtig. Sie war ihm sympathisch, doch sie war nicht von der gleichen Art. Sie trennten Welten.

‚Das ist nicht die richtige Zeit für dich, rote Katze. Du und die Deinigen, ihr werdet ruhen zwei mal vier Jahre, bevor ihr wieder erweckt oder für immer schlafen werdet.‘ Etwas schmerzte ihn bei dem Gedanken. Und kurz blitzte in seinem Inneren eine Erinnerung an eine mögliche alternative Zukunft auf, in der er mit grünen Vögeln und roten Tieren gemeinsam in eine Zukunft der Möglichkeiten wanderte und … aber das war ja Unsinn. Er schüttelte sich!

Ana-Maria Trăsnea als rote Katzendame
Collage: Andreas Hartung

Aus den Augenwinkeln sah er noch ein gelbes Cello, welches zufrieden lächelnd in einem Immobilienführer für Liebhaber von Orchestermusik las. Er grüßte kurz mit einem Nicken, dann vertiefte er sich wieder in seine Lektüre. Offensichtlich niemand, der ihm gefährlich zu werden gedachte. Der kleine Riese überlegte, ihnen alle einen Tasse Kaffee anzubieten.

Carl Grouwet als gelbes Cello liest in einem Immobilienführer
Collage: Andreas Hartung

Anschließend würde er sie sich dann schmecken lassen. Dampfer fahren. Regionalbahnhöfe versprechen. Alten Damen jovial die Hand auf die Schulter legen, einnehmend lachend sich auf dem Stuhl nach hinten lehnen und sie alle in seinen Charme einweben. Das hatte eigentlich immer gut funktioniert.

‚Lach du nur, kleiner Riese’, dachte die versammelte Riesentötergemeinschaft, während sie ihn höflich kalt über die Ränder ihrer Kaffeetassen anstarrten. ‚Dein Kaffee ist nämlich so staubig wie deine Zukunftsaussichten.‘ ‚Das mag sein‘, dachte wiederum der kleine Riese (der die Gedanken seine Gegner in ihren Augen lesen konnte), aber ihr werdet nicht diejenigen sein.‘ Doch wer weiß?