Parkplätze und ein bisschen Wald
Grüne scheitern mit Antrag zum Erhalt des Amtswäldchens

Zuletzt war er sehr enttäuscht. Jacob Zellmer, 39-jähriger Grünenpolitiker in Treptow-Köpenick, hat lange gekämpft für mehr Grün und für eine andere Verkehrsplanung in der Köpenicker Altstadt. Das Amtswäldchen gleich neben dem Köpenicker Heimatmuseum an der Landjägerstraße, eine Industriebrache mit beeindruckendem Wildwuchs, solle als Erholungsfläche entwickelt werden, so der Vorschlag seiner Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV).
Jacob Zellmer, Fraktionsvorsitzender der Treptow-Köpenicker Grünen
Foto: Matthias Vorbau

Um dies durchzusetzen, sollen die Planungen des Bezirksamtes, dort großflächig zu roden und an Stelle von Bäumen und Büschen einen Parkplatz einzurichten, geändert werden. Laut Grünen-Vorschlag sollen die Autos statt auf einer betonierten Fläche in einem zu errichtenden Parkhaus abgestellt werden. So könnte das Amtswäldchen gepflegt und für Anwohner erhalten werden. Die  Altstadt, ein barockes Touristenziel, sollte generell von parkenden Autos befreit werden, weil alle Fahrzeuge im nahen Parkhaus konzentriert würden.

Doch der Kampf war wohl vergeblich, der Grünen-Antrag hat keine Chance. Auf der BVV am 14. Juni wird eine deutliche Mehrheit dagegen stimmen. Auf der Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses, auf der Vertreter aller Parteien traditionell über Bauvorhaben beraten und ihr Votum dazu abgeben,  fiel der Vorschlag deutlich durch: Von zwölf Teilnehmern stimmten neun dagegen. Ähnlich entschieden wird die Ablehnung im Plenum der BVV erwartet.

Der Eigentümer der Brache lehnt den Bau eines Parkhauses ab, aus wirtschaftlichen Gründen: Ein solcher Bau würde gut sieben Millionen Euro kosten, was Parkgebühren von zwei Euro pro Stunde nach sich ziehen würden.

„Das bezahlt niemand.“

Sagt Franz-Josef Glotzbach, Chef der Berliner Firma G.&G. Projektentwicklung GmbH, der das Grundstück gehört.


Bier, Plastik und Verpackungen

Seit dem Jahr 2006  wird im Bezirksamt für die gut 11.000 Quadratmeter große Fläche geplant. Diese wird vom Kiezgraben, einer Bootsstandvermietung und Sportfischerei, einem öffentlichen Park mit Uferweg und Spielplatz sowie einer Kita und der Landjägerstraße begrenzt.  Das  Grundstück wurde einst als Industrie- und Gewerbegebiet genutzt. Dort standen eine Brauerei (1901-1944),  ein  Betrieb zur Herstellung von Watte und Verpackungen (1945-1960),  ein Werk zur Verarbeitung von Duroplasten (1961-1972) und zur Thermoplastverarbeitung (1973-1992).

Im Jahr 1996 wurde alles abgerissen, ein paar Reste von Beton und Ziegeln sind im kontaminierten Erdreich unter Efeu und Gestrüpp noch erkennbar. An mehreren Stellen sind inzwischen stattliche Linden, Erlen und Ahornbäume gewachsen, auch die Kastanie an der Landjägerstraße wird von den Berliner Forsten als erhaltenswert eingestuft.

Der Bezirk Treptow-Köpenick will mit seinem Bebauungsplanes (B-Plan 9-30)  auf der Brache einen öffentlichen Parkplatz schaffen. Ein Parkhaus ginge auch, aber man akzeptiert die wirtschaftlichen Gründe einer Ablehnung. Noch gibt es in der Altstadt zwar ausreichend Parkplätze – auf zwei Baubrachen, an der Rosen- und der Jägerstraße, werden von privaten Eigentümern gut 70 Stellplätze kostenpflichtig vermietet, an der Landjägerstraße gleich neben dem grünen Wäldchen sind es weitere 80.  An den Straßenrändern der Altstadt kann sogar kostenfrei geparkt werden, die Bestrebungen des Bezirksamtes, per Parkraumbewirtschaftung steuernd einzugreifen, wurde vor Jahren mittels Bürgerentscheid abgelehnt.

Weil es  absehbar sei, so heißt es im Rathaus, dass die beiden Altstadt-Parkplätze irgendwann bebaut würden, wolle man den Großparkplatz am Amtswäldchen als Alternative anbieten. 260 Pkw-Stellplätze hatte der Bezirk dort ursprünglich geplant, dazu noch sechs Plätze für Reisebusse. Etliche Interessenten wollten jedoch etwas anderes bauen – etwa  ein Seniorenheim oder ein Hotel. Alle scheiterten an zu geringen Parkplatz-Angeboten. Der aktuelle Investor hat jetzt ein Kompromiss-Angebot vorgelegt, mit dem er Bezirksamt und Naturschützer gleichermaßen zufriedenstellen will.

„Wir wollen endlich vorankommen und planen 155 Stellplätze für Pkw und vier für Reisebusse, dazu etliche Abstellmöglichkeiten für Fahrräder“, sagt Franz-Josef Glotzbach, Geschäftsführer der G.&G. Vermögensverwaltung GmbH & Co. KG. Die Berliner Firma hatte die Amtwäldchen-Brache vor elf Jahren gekauft und will dort vor allem eines: einen Supermarkt bauen, der mit 40 Wohnungen aufgestockt wird.

Dass der Bezirk hauptsächlich an einem Parkplatz interessiert ist, stört dabei nicht grundsätzlich. Auch eine Parkplatzvermietung bringt schließlich Geld. Gemeinsam mit Forstexperten habe man das kleine Wäldchen auf Erhaltenswertes überprüft, sagt Glotzbach. Das Ergebnis: „Auf etwa  20 Prozent der gut 11.000 Quadratmeter großen Fläche lassen wir die Bäume stehen, vor allem zum Ufer hin und an der Landjägerstraße.“ Die Berliner Forsten hatten zuletzt eine zusammenhängende, zirka 2.000 Quadratmeter große Fläche als Waldfläche bestimmt, die schützenswert sei.


Kostenfreies Kurzzeitparken für Kita-Eltern

Für Eltern, die ihre Kinder in die benachbarte Kita bringen, soll es laut Glotzbach kostenfreies Kurzzeitparken geben; Supermarkt-Kunden könnten sich ihre Parkgebühr an der Kasse erstatten lassen. So wie es in vielen Städten bereits üblich ist. Glotzbach appelliert an die Bezirksverordneten, die den Bebauungsplan beschließen müssen:

„Geben Sie sich einen Ruck. Was wir hier anbieten, ist vernünftig.“

Ähnliche Projekte, Supermarkt mit Wohnungen obendrauf, hat Glotzbach bereits an anderen Orten in Berlin projektiert: In Altglienicke, an der Köpenicker Straße, ist man gerade fertig geworden. Dort entstanden 24 Wohnungen über einem Supermarkt. An der Kurfürstenstraße, auf dem ehemaligen Parkplatz von Möbel-Hübner in Tiergarten, wurde kürzlich der Grundstein für ein ungleich größeres Projekt gelegt. Dort entstehen gleich drei Supermärkte sowie weitere Läden, obendrauf kommen 80 Wohnungen über drei Etagen. Allein in Tiergarten hatte es  Investor Glotzbach mit acht Baustadträten nacheinander zu tun, so lange dauerten die Planungen, Umplanungen und Änderungen.

Da nehmen sich die bisher elf Jahre in Treptow-Köpenick vergleichsweise bescheiden aus. Im Bezirksamt  jedenfalls  ist man zufrieden mit dem neuen Angebot des Investors. Soll es doch so mindestens  so viele neue Parkplätze am Amtswäldchen geben, wie irgendwann in der Altstadt verloren gehen werden. Wobei, so die Chefin des Stadtplanungsamtes Sabine Tillack:

„Derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass die bestehenden Parkplätze wirklich bebaut werden.“

Wann und ob dort überhaupt mal Gebäude entstehen, bleibt offen. Fest steht für die Verantwortlichen im Rathaus aber, dass man den neuen Großparkplatz braucht. Und auch die  meisten Bezirksverordneten wollen, dass es am Amtswäldchen endlich voran geht, ob Parkhaus oder Parkplatz, ist vielen egal.

Von Seiten der SPD und derLinken wird zwar bemängelt, dass es offensichtlich überhaupt kein Gesamtverkehrskonzept im Bezirksamt gibt. Notwendig sei ein Parkleitsystem, und auch die weitere Minimierung des Pkw-Verkehrs  in der Altstadt sei ein Thema, sagt auch der Grüne Jacob Zellmer:

„Nur wenn der Blick auf die historischen Gebäude nicht überall durch parkende Autos verstellt wird, wird die Altstadt wirklich attraktiv für Besucher.“

Dass sein Anliegen, zugleich etwas für die Umwelt und für den Tourismus zu tun, von den Kollegen der anderen Fraktionen so gar nicht verstanden oder akzeptiert wird, sei bitter für ihn, sagt er.  Noch ist der Bebauungsplan nicht beschlossen. Erst wenn dies in zirka einem Jahr soweit ist, kann gebaut werden.

Zellmer, studierter Diplom-Ingenieur für regenerative Energien, sieht das Bezirksamt bis dahin in der Pflicht: „Im Rathaus verpasst man es gerade, konzeptionell Einfluss zu nehmen auf eine intelligente mobile Entwicklung.“ Das müsse aber geschehen, weil Themen wie Klimawandel, Mobilität und autofreie Städte nicht weiter in die Zukunft geschoben werden dürften.


Karin Schmidl
Ein Beitrag von

diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“


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