Die Schauspielerin Dagmar Manzel im Portrait

Gojko Mitić oder Pierre Brice? Die Antwort kommt schnell und ohne zu zögern: „Gojko Mitić, natürlich!“ Dabei zwinkert sie so verschmitzt verschwörerisch, als ließe sie die Autorin dieses Textes auch nicht eine Minute daran zweifeln, dass Gojko Mitić der einzig wahre edle Indianer(-Darsteller)auf der ganzen Welt war, den sie als achtjähriges Mädchen im Kino Union bewunderte. Und im Kino Union fing eigentlich alles an.

Wir treffen uns in der Kantine der Komischen Oper, wo Dagmar Manzel gerade in den 1920er-Jahre-Operetten „Ball im Savoy“, „Die Perlen der Cleopatra“ und in „Eine Frau, die weiß, was sie will“ auf der Bühne steht. In „Eine Frau, die weiß, was sie will“ von Oscar Strauß spielen Dagmar Manzel und ihr Partner allein zwanzig verschiedene Rollen, was die Vielseitigkeit der Schauspielerin schon erahnen lässt.

Sie wirkt ein wenig müde, wie sie da am Kantinentisch sitzt. Und trotz der vielen Gespräche und zwischen all den Interviewterminen und der Anprobe für die nächste Vorstellung ist sie eine sehr aufmerksame Zuhörerin, freundlich und zugewandt. Obschon ihr vermutlich die Fragen nicht zum ersten Mal gestellt werden, hat sie doch einen Tag vorher die PAULA erhalten. Mit der PAULA werden Künstler(-innen) ausgezeichnet, die sich zuerst in der DDR und später um den gesamtdeutschen Film verdient gemacht haben. Manfred Krug, Corinna Harfouch, Katharina Thalbach oder Michael Gwisdek haben die PAULA auch schon.

Ist das Thema Ost-West für Dagmar Manzel noch ein Thema – 27 Jahre nach der Wende? Natürlich, sagt sie. Immerhin steht sie seit 1980 auf der Bühne, zuerst in Dresden und dann am Deutschen Theater in Berlin, hat mit Thomas Langhoff, Heiner Müller und Frank Castorf gearbeitet. Am Deutschen Theater spielen zu dürfen, war so etwas wie der Schauspiel-Olymp der DDR, aber „auch eine Grenze, danach konnte nichts mehr kommen, oder man reiste aus“. Aber dann kam ja die Wende.
Zehn Jahre Schauspiel in der DDR also, natürlich prägt das. Und auch der Generation danach würde man es noch anmerken, wenn sie an ihre Tochter Klara denkt, die 1983 geboren wurde – die übrigens auch Schauspielerin ist.

 

Heimat.

Dagmar Manzel ist Ur-Friedrichshagenerin, ist hier in den Kindergarten und zur Schule gegangen. Und auch ins Kino Union ist sie gegangen, sehr oft sogar und hat dabei manchmal gedacht: „Mensch, das hättest du auch spielen können!“
Ob Filme, Bücher oder Musik: Als Kind versank sie gerne in ihre eigene Welt in dem Friedrichshagener Elternhaus. Sie war eine ausgesprochene Leseratte. Da wurde beim Lesen dann auch schon mal die Station verpasst, wenn es mit der Straßenbahn nach Hause ging. Indianer schienen es ihr dabei besonders angetan zu haben: Dazu gehörten auch die Romane von Liselotte Welskopf-Henrich oder deren Verfilmungen mit Gojko Mitić als edlem Indianerhäuptling Winnetou Tokei-ihto.

„Mir war völlig klar, dass ich später einmal zu den Indianern gehen würde. Ich las auch mit großer Begeisterung den Indianerroman ,Im Land der Salzfelsen‘ von Sat Okh, einem kanadisch-polnischen Autor, über den ich damals nichts wusste. Das war das einzige Mal, dass ich an den Schriftstellerverband der DDR geschrieben habe. Ich bat um einen Kontakt zu Sat Okh, dem ich gern mitteilen wollte, wie wichtig sein Buch für mich sei. Falls er aber schon zu alt sei, sollten sie mir die Adresse von seinem Sohn geben. Die haben nie geantwortet.“

Wo ist man zu Hause? Was ist Heimat? Die Suche danach scheint für Dagmar Manzel immer wieder in ihrem Leben ein wichtiger Antrieb zu sein und im Zentrum ihrer Arbeit zu stehen. Gemeint ist nicht nur die Suche nach einem bestimmten Ort, auch in der Kunst, mit der sie sich auseinandersetzt, geht es um Heimat: In den Figuren, die sie darstellt, in den Chansons und Balladen, die sie interpretiert und vorträgt. Das ist auch ein Grund, warum sie die Lieder von Friedrich Holländer, Werner Richard Heymann oder die Operetten von Oscar Straus, Paul Abraham Jahre so mag und gern singt. In der Musikwelt der 1920er und 30er Jahre fühlt sie sich zu Hause. In den Liedern von Holländer oder Heymann kann sie sich immer wieder neu entdecken, erlebt sich neben Melodien, Tönen und Rhythmus in den Geschichten selbst.

Heimatlosigkeit sei auch das, was die von ihre dargestellten Frauenfiguren miteinander verbinde: Die Suche der Figuren nach einem Ort oder Raum, in dem sie ihrer Sehnsucht nachgeben können. Die dadurch entstehende Widersprüchlichkeit der Figuren reizt sie besonders – und sich daran abarbeiten zu können, die Kriemhild in Hebbels „Kriemhilds Rache“ zum Beispiel: „Das Faszinierende an dieser Kriemhild ist doch, dass sie nicht von Beginn an dieses Monster ist. Die junge Frau wird vom Schicksal in diese Rolle hineingetrieben. Sie veränderte sich, wurde hart und abweisend. Man spürt, dass sie sich selbst abgetötet hat. Das fand ich einfach großartig! Solche Rollen liebe ich.“

Auf die Frage, welche der vielen Frauenfiguren für sie am prägendsten war, sie am meisten herausgefordert hat, welche ihr am ähnlichsten sei und welche sie am meisten geliebt hat, antwortet Dagmar Manzel ganz klar: Keine. Es sei immer die, die sie gerade spielt. Im Hier und Jetzt sein, mit dem Vergangenen so gut es geht abzuschließen, sowohl im Privaten als auch in der Arbeit, das sei ihre grundlegende Lebenseinstellung, um weiterarbeiten und eben auch im Leben weitergehen zu können.

 

Theatertier mit Hang zum Perfektionismus

Sich auf die Bühne zu stellen bedeutet auch für die erfahrene Theaterhäsin Dagmar Manzel die eigene Schüchternheit immer wieder aufs Neue zu überwinden und sich zu fragen, ob es gut genug ist, ob es reicht, ob es dem Publikum gefällt.

Sie bezeichnet sich nicht umsonst als Theatertier. Damit ist nicht allein ihre tierische Leidenschaft für das Schauspiel gemeint. Damit ist auch gemeint, dass sie sich die Rollen sorgfältig und akribisch erarbeitet, wenn sie ihrem eigenen Anspruch gerecht werden möchte, solides Handwerk zu liefern. Insbesondere die Operetten, die von den Schauspielern Gesang, Gestaltung der Figuren und die ein oder andere Tanzszene abverlangen – dafür reicht nicht nur Talent. Wie auch Talent nicht allein reiche, um überhaupt in der Schauspiel-Branche bestehen zu können.

Und natürlich gehört zum Weiterkommen, sich Ausprobieren und An-sich-arbeiten das Scheitern dazu. In einem Interview in der Berliner Morgenpost sagte sie bezeichnenderweise: „Starke Frauen gibt es doch nicht! Ich glaube, man wird dadurch stark, dass man Schwächen eingesteht. Dadurch wird man erkennbar. Fatal ist es, beides voneinander zu trennen. Ich hadere ständig. Ich bin selten mit mir zufrieden. Nur daran wachse ich.“

 

Berliner Pflanze und glamouröse Diva

Ist Perfektionismus also das, was Dagmar Manzel antreibt? Nicht nur, es sei vor allem Neugier. Die Neugier, sich immer wieder auf neue Rollen, Figuren, Charaktere einzulassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Nicht nur, dass Dagmar Manzel in Film, Theater und Musiktheater unterwegs ist. Beeindruckend ist, wie viele unterschiedliche Rollen sie schon verkörpert hat: von der überforderten alleinerziehenden Mutter in dem Film „Die Unsichtbare“, wofür sie den Deutschen Filmpreis erhielt, der provokanten Tatortkommissarin Paula Ringelhahn mit losem Mundwerk bis hin zu der schillernden Operndiva Manon Cavallini in „Eine Frau, die weiß, was sie will“.

Thomas Langhoff beschreibt treffend ihre Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit in einem persönlichen Brief: „Sicher sind wir ein gut eingetanztes Paar, aber jede Runde ist wieder abenteuerlich und spannend. Das machen Deine Neugier, Deine Wachheit, Deine Kontrollsucht, Dein Ver- und Misstrauen, Deine unbändige, hemmungslose Lust, Dein Talent bis zum letzten Rest auszubeuten.“

Es sind immer zwei Gesichter, die Dagmar Manzel in ihrem schauspielerischen Können zeigt: sich ganz zurücknehmen in der Interpretation der Holländer-Chansongs, den Texten eine Stimme geben, ohne sich selbst zu sehr in den Vordergrund zu stellen, aber auch ihr Spaß an der Dramatik und dem großen Auftritt: seien es die innerlich zerrissenen Figuren der Gertrud in „Hamlet“ oder die Blanche in „Endstation Sehnsucht“ und dann wieder die Cleopatra mit Berliner Schnauze und immer auf der Suche nach einem gefügigen Liebhaber in „Die Perlen der Cleopatra“.

Wenn es um ihre Person geht, zitiert sie gerne den rumänischen Philosophen Emil M. Cioran: „In einer Welt ohne Melancholie würden die Nachtigallen anfangen zu rülpsen.“ Geht es doch darum, zwischen all den Gegensätzen eine Balance zu finden: zwischen glamouröser Diva und bodenständiger Berlinerin, zwischen Melancholie und Lebensfreude. Das ausgleichende Element ist für Dagmar Manzel die Heimat, die sie in ihrem Schauspiel, in ihren Figuren oder vorgetragenen Liedern findet. So lautet denn auch der Titel ihrer Autobiografie wie der Titel eines Chansons von Friedrich Holländer: Menschenskind.

Und in die eine Heimat, dort, wo alles angefangen hat, kehrt Dagmar Manzel zurück: Am 18.3. stellt sie ihre Autobiografie „Menschenskind“ im Kino Union vor.

 

Nachtrag: Da der Autorin leider der Gesprächsmitschnitt mit Dagmar Manzel im unendlichen Smartphone-Universum flöten gegangen ist, sind die Zitate, sofern nicht der Gedächtnisleistung der Autorin, der Autobiografie „Menschenskind“ von Dagmar Manzel, erschienen im Aufbau Verlag, entnommen. Ab März in allen einschlägigen Buchhandlungen erhältlich. (support your local business, Leute!)

Foto: Philip Glaser


Therese Reinke

Ein Beitrag von Therese Reinke

Wirkt auf den ersten Blick ganz harmlos, aber ein Tier an der Tastatur. Nach langer Zeit im Exil wieder zurück und eine neue Heimat im Schreiben gefunden. Spezialisiert auf einfach Alles. Markenzeichen: peinliche Spotify-Playlists. Zitat: „A Leckermäulchen a day keeps the doctor away.“