Nebenwirkungen der Marktwirtschaft
Die Postbank schließt ihre Filiale in der Bölschestraße 69A. Doch das ist nicht die einzige Filiale im Berliner Südosten .

Von außen macht das rot geklinkerte Postamt immer noch etwas her. Das imposante Haus nahe dem S-Bahnhof Friedrichshagen ist auf der Denkmalliste des Landes Berlin als besonders wertvoll verzeichnet. Seit seiner Eröffnung gibt es dort Briefe, Pakete und Geld sowie Anlageberatung aus einer Hand. Doch mit dieser Tradition ist ab 01. September diesen Jahres Schluss.
Das Gebäude der Friedrichshagner Post in der Bölschestraße
Bildnachweis: Björn Hofmann

 

Die Filiale an der Bölschestraße ist nicht die einzige, die demnächst geschlossen wird. Die Postbank, die der Deutschen Bank gehört und die gerade mit deren Privatkundengeschäft zusammengelegt wird, will bundesweit etwa jede zehnte ihrer gut tausend Filialen dicht machen. Wie viele der 60 Berliner Filialen es betrifft, ist derzeit unklar. Doch die Begründung für die Schließungen sind alle gleich: mangelnde Wirtschaftlichkeit.

Man beobachte den Markt und habe festgestellt, dass sich das Verhalten der Kunden in Zeiten der Digitalisierung verändere, sagt Postbank-Sprecher Tim Rehkopf. Denn viele Finanzdienstleistungen wie etwa Überweisungen werden längst online daheim per Computer abgewickelt. Die Folge: In manchen Gegenden vor allem in weniger dicht besiedelten Stadtrandgebieten gibt es kaum noch Kundenverkehr. Das Online-Banking macht die Filiale quasi überflüssig.

Ganz verzichten müssen die Friedrichshagener aber nicht auf Finanzdienstleistungen vor Ort. Denn schon einen Tag nach der Filialschließung soll an der Bölschestraße 117 eine sogenannte Partnerfiliale der Postbank öffnen. So werden kleine Service-Center genannt, für die Eckchen in bestehenden Geschäften freigeräumt werden. Ganz in der Nähe zum Marktplatz Friedrichshagen soll es dort vom 1. September an Bargeld und Infos zu Finanzdienstleistungen geben.

Bargeld bekomme man auch kostenfrei an Automaten in der Commerzbankfiliale gegenüber der alten Post, so der Banksprecher. Zudem böten einige Supermärkte das so genannte Cashback-Verfahren an, bei dem man sich beim Bezahlen mit ec-Karte kostenfrei Geld auszahlen lassen könne. Tim Rehkopf:

„Für beratungsintensivere Themen wie Baufinanzierung, Altersvorsorge oder Privatkredite empfiehlt die Postbank die Filialen im Forum Köpenick an der Bahnhofstraße oder im Allende-Center an der Pablo-Neruda-Straße.“


Mehr Probleme in Rahnsdorf

Während es die Friedrichshagener also einigermaßen komfortabel getroffen haben mit Finanzberatung und Bargeldversorgung, ist man im benachbarten Rahnsdorf weit ärger dran. Denn dort wird es demnächst wirklich schwierig, an entsprechende Infos sowie an Bares zu kommen, ohne längere Wege absolvieren zu müssen. Vermutlich Ende November wird das Geschäft mit Finanzdienstleistungen in der Partnerfiliale der Postbank am Springeberger Weg 16 beendet. „Herausgenommen“, wie die Postbank es umschreibt. Grund auch hier: fehlende Wirtschaftlichkeit.

Es gibt also kein Geld mehr im Schreibwarengeschäft, in dem man seit 20 Jahren auch Briefe und Pakete aufgeben kann. In Rahnsdorf, wo viele ältere Menschen wohnen, für die Onlinebanking keine Alternative darstellt, ist die Schließung ein herber Verlust. Weil auch die Sparkasse am S-Bahnhof Wilhelmshagen geschlossen wurde und sogar ihre Geldautomaten abbaute, war bereits Ende vorigen Jahres vielen Anwohnern dort das Bargeld knapp geworden.

Jetzt müssen Kunden, die den einzigen Geldautomaten im Ortsteil auf dem Edeka-Parkplatz an der Fürstenwalder Allee nicht benutzen wollen oder können, zu Partnerfilialen der Postbank nach Wilhelmshagen, Schöneiche oder Erkner reisen.

Die Postbank ist ein Ergebnis der Privatisierung der einstigen Behörde Deutsche Bundespost. Mit Steuermitteln fit gemacht, wurde das ehemalige Staatsunternehmen zwischen 1989 und 1995 in die drei Teile Post AG, Deutsche Telekom und Postbank aufgesplittet und privatisiert. Und während die Post AG per Gesetz noch immer im Rahmen der Daseinsvorsorge flächendeckend für lokale Serviceleistungen mit Briefen und Paketen sorgen muss, gilt das für die beiden anderen Unternehmen nicht.

Man kann nun mit der Entwicklung hadern und eine Art Daseinsvorsorge bei einem Unternehmen einfordern, das mit viel Steuergeld erst umgebaut und dann zum Wohle weniger privatisiert wurde.

Die Filialschließungen der Postbank, die historisch betrachtet älteste Direktbank Deutschlands, gehören zur langfristigen Firmenstrategie. So wie bei anderen Banken auch: Der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, Hans-Walter Peters, hatte jüngst in einem Zeitungsinterview gesagt, dass es in fünf Jahren bis zu einem Viertel weniger Bankfilialen geben werde. Derzeit existieren in Deutschland rund 34.000 Filialen, Sparkassen und Genossenschaftsbanken inklusive. Dies, so Peters, sei mehr als in jedem anderen Land Europas und angesichts des harten Wettbewerbs schwerlich aufrecht zu erhalten.


Daseinsvorsorge? Klappt auch in anderen Bereichen nicht.

Man kann nun mit der Entwicklung hadern und eine Art Daseinsvorsorge bei einem Unternehmen einfordern, das mit viel Steuergeld erst umgebaut und dann zum Wohle weniger privatisiert wurde. Doch ist die Postbank eben kein Einzelfall, und ohnehin darf bezweifelt werden, dass der Staat, der für die Daseinsvorsorge seiner Bürger zuständig ist, es besser kann.

Zu jenen Gütern und Leistungen der Grundversorgung, die der Staat für ein menschenwürdiges Leben bereitstellen muss, gehören unter anderem Mobilität, sozialer Wohnungsbau, Bildungseinrichtungen, Schwimmbäder, Polizei und Feuerwehr. In all diesen Bereiche liegt es – zumindest in Berlin – bekanntermaßen schwer im Argen.

Doch ist die Postbank eben kein Einzelfall, und ohnehin darf bezweifelt werden, dass der Staat, der für die Daseinsvorsorge seiner Bürger zuständig ist, es besser kann.

Vieles wurde kaputtgespart, bis es tatsächlich „quietschte“. Die S-Bahn steckt seit Jahren in der Krise, zu allen Jahreszeiten. Straßenbahnfahrer haben kürzlich in einem „Brandbrief“ Missstände bei der BVG aufgezeigt. Die Feuerwehr muss mit Uralt-Fahrzeugen löschen und retten. Die Polizei hat zu wenige Beamte für eine wachsende Stadt und residiert zudem oft in maroden, teils verschimmelten Unterkünften. Schulen verfallen seit Jahren, Schwimmbäder ebenso und sozialen Wohnungsbau gibt es fast gar nicht mehr.

Im Gegenteil: Seit Jahren wird beklagt, dass fast nur noch teure Wohnungen gebaut werden, zu teure für viele Berliner und Zuzügler. Das Land Berlin müht sich seit einiger Zeit um den teuren Ankauf von Wohnhäusern durch seine Wohnungsgesellschaften – damit die dortigen Mieter nicht verdrängt werden. Doch mussten diese Gesellschaften vor Jahren auf Betreiben der Politik Tausende Wohnungen verkaufen. Fast 200.000 Wohnungen gingen so dem Land verloren, das einmal 482.000 besaß und so auch sozial Schwache unterbringen konnte. Allein bei der GSW, die 2002 komplett privatisiert wurde, fielen 72.000 Wohnungen für die Allgemeinheit weg. Die GSW-Käufer, ausländische Hedgefonds, gehörten zu den ersten, die sich auf Kosten der Allgemeinnheit legal bereichern durften.

Auch in Treptow-Köpenick wurde gespart und gestrichen. Anfang 2011 musste die Polizei ihren Dienstsitz an der Bölschestraße verlassen, die Beamten wurden an der Köpenicker Karlstraße zentralisiert. Ironie der Geschichte: Die Schließung des Abschnitts und der unerschrockene Mut vieler Friedrichshagener ermöglichten, dass das Gebäude jetzt wieder der Allgemeinheit zur Verfügung steht.

Das Bürgeramt am Myliusgarten wurde wieder geschlossen, weil es nicht genügend Mitarbeiter gab. Im flächenmäßig größten Bezirk der Stadt existieren bis heute nur zwei Bürgerämter die wenigsten berlin-weit!

Auch der ehemalige Staatsbetrieb Bahn reihte sich ein ins Schließen und Sparen. Sie schloss den viel genutzten Regionalbahnhof Karlshorst, anstatt ihn zu sanieren. Folge: Die S3 ist meist überfüllt, das Unternehmen (S-)Bahn verärgert seine Fahrgäste im Südosten weiter.

Es ist ein weiter Weg, einmal verlorenes Vertrauen der Bürger zurück zu gewinnen. Für alle, Politiker und Unternehmen. Die aktuelle Berliner Politik bemüht sich, wenngleich oft einseitig und nicht immer in die richtige Richtung. Es wäre schön, wenn sie zumindest beim überfälligen Regionalbahnhof Köpenick der Bahn endlich spürbar Beine machen könnte. Und in Rahnsdorf mit dafür sorgt, dass es dort bald eine bürgerfreundliche Lösung in Sachen Bargeldversorgung gibt.


Karin Schmidl
Ein Beitrag von

Diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“


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