Paul und Paula – eine Legende
Rike Schuberty im Interview mit dem MAULBÄR Kulturkalender

Am 04.10. im Figurentheater Grashüpfer im Treptower Park:
Diese Theateradaption erzählt aus heutiger Sicht die größte Lovestory des Ostens neu. Mit einem bunten Ensemble von Puppen lässt Rike Schuberty alle Protagonisten der Geschichte lebendig werden.
Den unvergesslichen Soundtrack liefert sie mit ihrer E-Gitarre selbst live auf der Bühne. Der Maulbär hat sie exklusiv interviewt.
Fotos: Gesa Simons

Paul und Paula war fraglos einer der erfolgreichsten Filme der DDR. Was aber kann der Stoff heute nach über 50 Jahren über die Nostalgie hinaus seinen Zuschauern noch bieten?
Zwei Aspekte sind an dem Film auch heute noch interessant. Das eine ist die zeitlose Geschichte einer unmöglichen Liebe: Zwei Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die aus Gründen der Konvention nicht zusammenkommen können. Ich sag immer, das ist wie West Side Story.

Man fängt wieder an einem Punkt an zu diskutieren, den man glaubte, schon längst überwunden zu haben.

Das andere, was dieser Stoff heute noch erzählen kann, ist die Lebensweise, der Mut und die Kraft dieser Frau Paula – die einfach macht. Die macht, was ihr gefällt und was ihr wichtig ist. Das waren starke Frauen in den 70er Jahren, die einfach gelebt haben. Die Kinder waren versorgt tagsüber. Man lebte nicht nur für die Kinder und die Arbeit. Man lebte auch noch sein eigenes Leben.

Ich finde, das ist heute brisanter denn je, weil wir wieder in einer sehr reaktionären Zeit leben. Es gibt viele Menschen, die sich die alten Werte wieder zurück wünschen und die Frau an den Herd. Man fängt wieder an einem Punkt an zu diskutieren, den man glaubte, schon längst überwunden zu haben.

Der Erfolg der Verfilmung von Plenzdorfs Teil 1 der „Legende vom Glück ohne Ende“ war zu hohem Anteil auch dem Cast zu verdanken. Du bestreitest die gesamte Handlung jedoch in einer One-Woman-Show: Wie kann das funktionieren?
Die Entscheidung war, diese Theaterinszenierung aus der Perspektive von Paula zu erzählen. Es gab bei der ersten Überlegung noch die Idee, das Stück zu zweit zu spielen. Dann sind wir davon abgekommen, weil es Sinn machte, zu sagen: Paula erzählt die Geschichte und alle anderen tauchen in Form von Material und Puppen auf. Dann ist alles möglich.

Das Buch, also der Plenzdorf-Roman, ist wie ein Bericht geschrieben. Der Roman heißt „Die Legende vom Glück ohne Ende“ und dieses Wort Legende kommt auch bei uns vor. Paul und Paula erzählen im Buch die Legende auf ihre Art und Weise. In unserem Stück ist es allein Paula, die erzählt, wie sie ihre Geschichte erlebt hat und auch wie sie Paul sieht.

Der Film Paul und Paula hatte in der DDR Kultstatus. Wie seid ihr darauf gekommen, diesen Stoff für die Bühne zu adaptieren?
2008 saß ich mit meiner Regisseurin Tilla Kratochwil auf dem Sofa und wir sagten „Wir müssen mal was zusammen machen.“
Ich wollte gerne was mit Musik machen. Zuerst dachten wir an die Dreigroschenoper von Berthold Brecht. Dann kamen wir zusammen auf die Idee Paul und Paula zu machen. Der Film lief zu der Zeit immer einmal in der Woche im Kino und ich bin nie reingegangen, weil es mich nicht interessiert hat.

Ich hatte nicht das Bedürfnis mich mit einem Oststoff zu beschäftigen.

Unsere Generation, die zwischen Kind und Teenager war, als die Mauer fiel, wollte erst mal Abstand finden von dieser Ost-Vergangenheit. Wir mussten uns erstmal sortieren, wo wir in dieser neuen Gesellschaft hingehören. Ich hatte nicht das Bedürfnis mich mit einem Oststoff zu beschäftigen.

Dann haben wir gesagt: „Lass uns das mal anschauen!“ Und dann haben wir ganz unromantisch nachmittags um 16:00 Uhr diesen Film auf dem Laptop angeschaut. Ein toller Film, der mich beeindruckt hat, und der Stoff hat gut zu uns beiden gepasst.

Wir sind beide Töchter von Frauen, die alleinstehend und alleinerziehend waren. Meine Mutter musste um 7:00 Uhr immer in der Ingenieurschule sein. Das heißt, ich musste alleine in die Schule losgehen. Es war wie ein Annäherungsversuch an die Generation unserer Mütter und wie ein großes Dankeschön an diese Generation. Diese Frauen, die uns als Kinder durch eine schwere Zeit durchgebracht haben, wo man viel zurückstecken musste, wenn man im Osten gelebt hat.

Als Tilla schwanger wurde, war klar: Sie macht Regie und ich spiele. Sozusagen Gewaltenteilung.

Wie war die Herangehensweie von Euch an diesem Stoff und wie verlief der Probenprozess?
Es war relativ schnell klar, dass wir es nicht zu zweit spielen werden. Dann haben wir überlegt, ob wir es alternierend spielen. Als Tilla schwanger wurde, war klar: Sie macht Regie und ich spiele. Sozusagen Gewaltenteilung.

Wir haben einen Antrag auf Förderung gestellt mit der Überschrift „60 Jahre nach der Gründung der DDR“. Das fand die Jury anscheinend gut und wir haben ein bisschen Geld bekommen. Für die Ausstattung haben wir noch jemanden hinzugezogen: Janna Skroblin, die viel als Bühnen- und Kostümbildnerin arbeitet. Zusammen mit ihr sind wir auf die Ideen gekommen, wie man es umsetzen kann.

Es gab die Idee, dass es mit Musik sein soll. Also die Situation Konzert. Mikrophone. Dann als zweites: Was gibt es sonst noch bei Konzerten? Backstage was ist da? Ich habe selber lange Musik gemacht und war mit ner Band auf Tour. Backstage steht immer ein Sofa, ein Kühlschrank. Es ist irgendwie immer alles vollgemalt. Dann haben wir überlegt: Kühlschrank. Könnte das was sein? Auf dem Nachhauseweg: Wir wohnten damals in der Danziger Straße und in der Dunckerstraße lag ein Kühlschrank auf der Straße, den hat jemand weggeworfen. Dann haben wir den Kühlschrank mitgenommen und das Kühlaggregat rausgebaut, damit der nicht so schwer ist. Dann war der Kühlschrank da.

Der Kühlschrank ist bei vielen Familien sozusagen das Fotoalbum, der aktuelle Stand. Alles wird an den Kühlschrank mit Magneten befestigt.

Dann war die Idee mit einen Moritat zu beginnen. Also wer ist wer in der Geschichte? Was ist schon gewesen bis hierhin? Der Kühlschrank ist bei vielen Familien sozusagen das Fotoalbum, der aktuelle Stand. Alles wird an den Kühlschrank mit Magneten befestigt. So kam die Ideen mit den Magneten, die sich als Prinzip durch das ganze Stück gezogen hat. Es gibt Musik mit einem Mikrophon. Das ist eine Ebene, die Lieder, die Musik. Eine Erzählebene wo quasi der Kühlschrank der zweite Protagonist ist, den man hat.

Auf der Grundlage des erfolgreichen Drehbuches veröffentlichte Plenzdorf 1979 den Roman Die Legende vom Glück ohne Ende, der neben dem Inhalt des Films eine Fortsetzung des Stoffes beinhaltet. Habt ihr mal über eine Fortsetzung nachgedacht?
Nein, eigentlich nicht. Ich spiele die Figur Paula und das wäre ganz komisch, jetzt jemand anderes zu spielen. Mir hat auch immer der zweite Teil des Buches nicht so gut gefallen.

Der Film ist 1973 rausgekommen. Dann hat Ulrich Plenzdorf aus dem Drehbuch den Roman entwickelt. Ich glaube, er hat gehofft, der werde auch noch verfilmt. Das hat aber nie jemand angefasst. Wahrscheinlich auch, weil der Stoff das nicht hergibt.

Waren die beiden Hauptdarsteller Angelica Domröse und Winfried Glatzeder mal in einer der Vorstellungen?
Nein, sie waren nicht hier. Ich weiß gar nicht, ob wir uns jemals getraut haben, sie einzuladen. Ich habe immer gehofft, dass ein Veranstalter irgendjemanden kennt, der irgendjemanden kennt und die beiden einlädt.

Aber Peter Gotthardt (der Komponist der Filmmusik) kam tatsächlich mal in den Grashüpfer im Treptower Park. Er war ganz begeistert und hingerissen, dass dieser Stoff hier einfach gemacht wird.

Irgendwann nachts kam ein Stück von den Puhdys. Er fand die Stimme gut. Nur die Texte der Songs waren noch ein bißchen schwach.

Er ist einer der wenigen die aus dem Produktionsteam noch leben. Der Regisseure Heiner Carow und der Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf sind bereits gestorben. Gotthardt erzählte dann die Geschichte, wie es überhaupt dazu kam das es die Puhdys, die Musik gemacht haben. Eigentlich hatten sie eine ganz klassische Streichermusik für den Film geplant. Als sie sich den Rohschnitt mit Musik angeschaut haben, meinte Heiner Carow: „Es ist schön, aber eigentlich passt es nicht. Habt ihr nicht noch eine andere Idee?“ Peter Gotthardt hat dann mit einem einen Radiorecorder Musik aufgenommen und sich das angehört.

Irgendwann nachts kam ein Stück von den Puhdys. Er fand die Stimme gut. Nur die Texte der Songs waren noch ein bißchen schwach. Dann hat er die Songs für den Film noch einmal überarbeitet. Bei unserem Stück gibt es vier Musikstücke, wovon eines nicht von den Puhdys ist. Ich verrate aber nicht welches.

Hast du vor deinen Auftritten Lampenfieber?
Ja, zum Glück. Ich finde es verrückt, wenn man es nicht hätte. Die Ausschüttung von Adrenalin ist wichtig um auf die Höhe zu kommen, die man braucht. Eine gute Vorstellung hat für mich etwas mit Rhythmus und so einer Art Rauschzustand zutun.

Dieser Rauschzustand stellt sich durch das Lampenfieber ein und diese undefinierbare Angst, das was schief gehen könnte. Wenn man wie ich alleine auf der Bühne ist, muss man auch allein durch wenn was schief geht. Ich kann nicht abgehen und sagen: „Kollege mach du mal weiter!“

Davor habe ich natürlich Schiss. Jedes Mal. Im besten Fall ist man in so einem Zustand durch diese Aufregung, dass man sich wirklich eingebettet fühlt in der Geschichte und weniger darüber nachdenkt was denn als nächstes kommt.

Was ist denn auf der Bühne mal richtig schief gegangen?
Bei der Premiere in der Schaubude ist mir mal was passiert… Ein zentrales Element auf der Bühne sind neben dem Kühlschrank Bierkästen. Paula arbeitet ja in der Flaschenannahme. Ich hatte also einen großen Stapel aus Bierkästen gebaut. Und diese vier Kisten mit einer vollen Flasche Wasser obendrauf ist mir umgefallen. Das Wasser ist ausgelaufen und es gab einen Riesenkrach…

Ich habe es aber irgendwie gelöst. Vor kurzem ist mir auch der Kühlschrank umgefallen und die Tür ist rausgegangen, – während der Vorstellung. Die Leute finden es entweder gut wie man es gelöst hat oder sie denken es gehört alles dazu und bemerken es gar nicht als Fehler.

Hast du ein Ritual bevor du die Bühne betrittst?
Ja. Ich brauche immer so eine Stunde vorher Zeit, um den Körper und die Stimme warm zu machen. Das holt mich dann auch ein bisschen runter. Anregend und beruhigend zugleich.

Da du alleine auf der Bühne stehst. Wie merkst du dir den ganzen Text?
Das ist abgespeichert. Ich sag immer, dass wie wenn man ein Instrument lernt. Man denkt, man wird nie dieses ganze Stück auswendig können. Irgendwann kann man es. Der Körper merkt sich das. Beim Theater ist das kombiniert mit einer Bewegung. Der Körper merkt sich ich greife dahin und dann kommt meistens der Satz: „Die Lampe ist aus“ oder so. Man merkt es sich durch die Bewegung und die Abläufe. Die Angst den Text zu vergessen, ist trotzdem immer dabei.

Vielen Dank für das Interview. Wir freuen uns auf die Aufführung am 04.10.


Matthias Vorbau
Ein Beitrag von

Matthias Vorbau nennt sich Chefredakteur des Maulbeerblattes. Eigentlich ist er Kommunikationsdesigner mit Diplom. Zitat: „Das Leben zwingt einen zu zahlreichen freiwilligen Entscheidungen.“