Holger Claaßen

Kleinvieh macht auch Mist

Es gibt so Tage, da läuft´s nicht und an anderen Tagen hast Du einfach kein Glück. So sieht’s doch nun mal leider aus, vorherbestimmt, von Gott gewollt, die Sterne standen schief oder kosmischen Schwingungen geschuldet, was weiß denn ich. Bin kein Astrologe und kein Metaphysiker und in Naturwissenschaften sowieso eine totale Null. Ich kann zählen, damit bin ich für meinen Job ausreichend qualifiziert, sagt Travis Bickle. Die ersten vier Schuljahre waren eben die spannendsten. Der Rest macht einen zu schlau für das, was kommt.

„Er will zum Kudamm und ich schreie vor Glück.“

Berlin, die Sonne brennt. Ich starte meinen Arbeitstag wie gewohnt. Das verheißungsvolle Klingeln des Auftragssignals, gleich nachdem der Motor läuft, verleitetet mich zu der Annahme, dass dieser Tag ein guter wird. Die Rahmenbedingungen sind nicht ganz optimal, ich habe vier Minuten, um über die verstopfte Treskowallee nach Karlshorst zu fahren. Aus den vier werden locker mal 24 und schon etwas unentspannter als zu Arbeitsbeginn vor 25 Minuten erreiche ich die Loreleystraße. Dort wartet geduldig eine nette, alte Dame in der Kühle ihres Treppenhauses. Der Rollator muss natürlich auch mit. Klipp, klapp, jeder Rollator ist anders, 35 Minuten sind rum. Es geht zum Friseur in die Ehrenfelsstraße. Nette alte Dame friert, also stelle ich die Klimaanlage auf ihre Wohlfühltemperatur ein, dann sind wir auch schon da und ich kassiere 5,30. Brutto. Ohne Tipp. Erster Auftrag erledigt nach 42 .Minuten Und mit nem 50er bezahlt, damit hat sich das mit dem Wechselgeld in meiner Brieftasche dann auch erledigt. Kann ja nicht immer 500€ in kleinen Scheinen mit mir herumschleppen, Omi rechtfertigt sich echauffiert, sie käme nicht so oft zur Bank und die Familie hätte so selten Zeit für sie. Ok, mein Herz ist groß und ich habe eine 3/4 Stunde rum und nicht wirklich was verdient.Die Hosentasche ist schon voll mit Herzlichem Dankeschön, aber irgendwie bekomme ich das von der netten alten Dame noch hineingestopft. Und horche mal, da klingelt schon wieder ein neuer Auftrag.

Blaurackenweg 9. Ohne Stau bin ich da in 10,9,8, im Handumdrehen. Eine nette jüngere Dame in den besten Jahren wartet dort geduldig, gestützt auf Krücken, muss zur orthopädischen Praxis in die Weseler Str. Das haben wir gleich, das Einsteigen ist etwas umständlich, aber keine fünf Minuten später sitzt die Dame gut angeschnallt auf dem Beifahrersitz und ab geht er, der Peter. 6,90€ werden großzügig auf 7 gerundet. Aussteigen dauert wie Einsteigen, mein Puls steigt, der Hals schwillt, aber die Frisur sitzt, Drei-Wetter-Taft. Zum Verschnaufen bleibt keine Zeit, es klingelt das Auftragssignal. Ehrenfelsstraße, hinter der Post, nette alte Dame mit Rollator. Gibt’s wohl mehrere auf dieser Welt und besonders viele in Karlshorst, dem Dahlem des Ostens. Wir fahren zum Tierpark, Sewanstraße, dort wo die Post ist. Ich komme das erste mal an diesem Tag über die 7€, erhalte das erste Trinkgeld des Tages, es ist ganz üppig, die Dame zahlt für die anderen Damen mit, so ist das nun mal in einer Solidargemeinschaft. 19,90€ Umsatz in nur 90 Minuten. Ich muss hier weg, bleibe im Status „besetzt“ und flüchte über die Grenze des Berliner Innenrings in Richtung Ringcenter, wir Taxifahrer sagen „Mölle“ zu dieser Halte. Und gleich ein Auftrag. Bei Zalando in der Neuen Bahnhofstraße lade ich einen netten Schweizer mit norwegischem Pass und Wurzeln. Er will zum Kudamm und ich schreie vor Glück. Nettes Gespräch, ja in der Schweiz, da ist alles so teuer und Norwegen hat viel Öl und tausend Busfahrer aus Mecklenburg-Vorpommern.

Eine Fahrt vom Friedrichshain in die City West während der Rushhour dauert ca. 1h und kostet so viel wie eine halbe Stunde Artemis. Üppiges, sehr üppiges Trinkgeld. Norwegen hat so viel Öl. Endlich läuft es, denke ich und fahre zum Savignyplatz. Keine Taxe im Funkverkehr gereiht und keine am Halteplatz. Dafür liegt direkt an der Taxi Rufsäule eine nette alte Dame, gebettet auf ihre Sommerjacke und die Handtasche als Kopfkissen im Nacken, halb auf einem ausgebreiteten Taschentuch, das von einer grünlichen Flüssigkeit besudelt ist. Neben ihr kniet aufgeregt winkend ein junger Mann und fragt mich, ob ich frei wäre. Meine Standartantwort lautet in diesem Fall: Nee, verheiratet. Ihm ist nicht nach Scherzen, neben der Dame kniet auch noch deren Tochter, zu dritt wir laden die nette alte Dame in die Taxe und es geht zum Fasanenplatz. Dort hat die Hausärztin eine Praxis, warten Sie mal einen Augenblick. Tochter sprintet in die Praxis, Mutter öffnet den Wagenschlag und kotzt sich richtig schön neben meiner Taxe aus. Läuft doch, denke ich und meine die glibberige, grünliche Flüssigkeit, nur mal am Rande erwähnt, falls jemand Fragen hat. Frau Doktor kommt eilig mit einer Kotzschale und wir wuchten die nette alte Dame in die Praxis. Das Taxameter zeigt 6,50€. Frau Tochter bietet mir 25€ für meine Hilfe, aber leider verbietet mir mein Stolz, aus der Not anderer Profit zu schlagen und so begnüge ich mich mit 10€. Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Von der Trautenauer geht’s zum Kleistpark, vom Kleistpark zur Holsteinischen Straße, vom Prager Platz zum Hohenzollerndamm. Das ist die Topfahrt des Tages mit 4,90€. Kleinvieh macht auch Mist, sagt Opa hustend, aber ich bin nun mal kein Bauer. Die Uhr läuft mal wieder schneller als das Taxameter. Ich fahre zum Kuhdamm, halte erfolglos Ausschau nach Winkern, entscheide ich mich dann für den Flughafen Tegel als weitere Operationsbasis, dort geht abends immer was. Kuhdamm/Schlüter winkt aufgeregt ein Mann mit Koffer. Einmal Tegel Airport, sil vous plait. Na bitte und der freundliche Franzose gibt auch noch ein gutes Trinkgeld. Man darf einfach nichts erwarten, Glück ist nicht berechenbar. Nach achteinhalb Stunden plane ich meinen Feierabend. Bevor ich die Taxe verlasse, checke ich noch den Umsatz und bin ganz zufrieden mit mir und der Welt. Für die Rente wird’s nicht reichen und auch der Urlaub auf den Bahamas muss noch warten, aber meine ausgänglichen Erwartungen wurden doch übertroffen. Da kann man mal wieder sehen …


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)